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Guerrillagärtner : Herr Maggi streut Samen

  • Aktualisiert am

Maurice Maggi sät Blumen, um seine Heimat Zürich ein wenig grüner zu machen. Früher wurde er dafür kritisiert, heute ist der Guerrillagärtner Vorbild geworden.

          Balsamico-Parfait mit Sanddorn-Kaki-Coulis“. In seinem neuesten Kochbuch „Essbare Stadt. Wildwuchs auf dem Teller“ gibt Maurice Maggi einige seiner besten Kreationen preis. Der Züricher Guerrillagärtner ist zu einem Vorbild für viele geworden. Sogar „Zürich Tourismus“ wirbt mit ihm für ein wildes, urbanes Zürich. Seine Aktionen werden toleriert und gefördert. Das war nicht immer so. Während Jahrzehnten streute Maggi heimlich Samen in der Stadt. Aus den so entstandenen Wildpflanzen kocht er Gerichte. Anfang der achtziger Jahre duldete die Stadt kein Unkraut zwischen den Bäumen. „Sie nahmen alles weg“, sagt der Einundsechzigjährige und nimmt einen Schluck Ingwertee. Maggi wollte diese Flächen nutzen und fragte sich, was sie wohl tun würden, wenn dort auf einmal meterhohe Malven stünden. Und siehe da. Es wurden nicht alle weggenommen. In Nacht-und-Nebel-Aktionen streute er Pflanzensamen.

          Am liebsten Gärtner oder Koch

          Seine Markierungen nennt er „Blumengraffiti“. „Die Machart ist ähnlich wie beim Graffiti: Ich gestalte heimlich eine Fläche im öffentlichen Raum nach meinem Gusto. Ich mache diesen Ort damit zu einem Blickfang.“ Die Herausforderung sei es, den ungenutzten Platz „kreativ und effektiv auszunutzen“. Diese Idee verfolgt er seit 30 Jahren. Der öffentliche Raum wird immer wichtiger: „Als ich jung war, gab es in Zürich drei Restaurants mit Außensitzplatz. Heute kann ein Restaurant kaum mehr überleben ohne Sitzmöglichkeit im Freien.“ Seit 1984 sät der Züricher von März bis Oktober. „Jeder sollte anpflanzen, und jeder sollte die Pflanzen dann auch ernten, der öffentliche Raum ist ein kollektives Eigentum.“ Schon als Kind wollte er Gärtner und Koch werden. Die Schule besuchte er teils in der Schweiz und teils in Rom. Er lernte den Beruf Landschaftsgärtner. Vier Jahre arbeitete er im Tessin, wo er mit zwei anderen eine kleine Gärtnerbude gründete. „Dies war zur Zeit einer Jugendbewegung. Jeder wollte sich irgendwie ausdrücken.“ Seine Leidenschaft zu den Wildpflanzen verbindet er mit seiner zweiten Passion, dem Kochen. Seit acht Jahren arbeitet er bei einer Catering-Firma, die unter anderem für das Züricher Theaterspektakel kocht.

          Sein Lieblingskind ist die Eselsdistel

          Maggis Markenzeichen ist die Malve. „Die Malven blühen auf Augenhöhe“, schwärmt er, „sie werden bis zu drei Meter hoch und sehen in den Straßen aus wie Kerzen. Zudem blühen sie in allen Farben.“ Durch ihre Pfahlwurzeln sind sie trockenresistent. „Jedes Jahr habe ich neue Lieblingskinder, dieses Jahr ist es die Eselsdistel, sie blüht wunderschön blauviolett.“ Die Aufmerksamkeit gegenüber Pflanzen sei stark gewachsen. „Wenn ich durch Zürich spaziere, sehe ich fast auf jedem Balkon Basilikum und Rosmarin.“ Auch die junge Generation beginnt damit. „Es ist ein Erlebnis, selbstgepflegtes Gemüse zu essen. Eine Tomate schmeckt besonders gut, wenn man sie drei Monate lang jeden Tag gegossen hat“, erklärt Maggi. Immer mehr Bewohner säen Wildpflanzen. Maggi weiß genau, welche Pflanzen von welchen Bewohnern geerntet werden: „Die Italiener nehmen die Baumnüsse, die Türken ernten die Kornelkirschen für ihre Marmelade, die Inder und Tamilen nehmen wilde Fenchelsamen, und die Schweizer ernten gerne Holunderblüten und Bärlauch.“

          Schulen buchen ihn

          Mit der Stadt plant er ein neues Projekt: Gemeinsam sollen ungenutzte Gehwegräume begrünt werden. Maurice Maggi ist gefragt. Viele Schulen buchen ihn. In Zürich-Albisrieden durfte er die Wohnsiedlung „Ecoplace“ begrünen. „Ich pflanzte nur Essbares. Anstelle von nicht nutzbaren Lorbeerhecken wählte ich Johannisbeersträucher. Zudem pflanzte ich Safran, Kiwi und Trauben. Die Bewohner der Siedlung können es dann ernten.“ Gian Jenny Kantonschule Zürcher Oberland, Wetzikon

          Quelle: F.A.Z.

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