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Günter Grass : Voller Leidenschaft fürs Karussell

  • -Aktualisiert am

Das Lübecker Günter-Grass-Haus ist zur Gedenkstätte geworden. Leiter Jörg-Philipp Thomsa führt durch die Räume in der Glockengießerstraße 21.

          Ein guter Freund sagte zu mir: Ihr seid über Nacht zu einer Gedenkstätte geworden - und da ist was dran“, sagt Jörg-Philipp Thomsa, seit sieben Jahren Leiter des Günter-Grass-Hauses in Lübeck. Der Namensgeber der Kultureinrichtung ist im April vergangenen Jahres gestorben. Sie wurde 2002 in der Glockengießerstraße 21 in Lübeck eröffnet, Träger des Hauses ist die Kulturstiftung der Hansestadt. Das historische Bürgerhaus in der Altstadt widmet sich dem literarischen, malerischen und plastischen Schaffen des Nobelpreisträgers, der 1996 hier sein Büro in der zweiten Etage hatte.

          Humorvoll, bescheiden, menschlich

          Das erleichterte Thomsa gemeinsame Planungen und ermöglichte ihm, den Schriftsteller kennenzulernen. Großes Interesse am Leben anderer habe Grass gezeigt, vor allem sei er humorvoll, bescheiden und menschlich gewesen. Alles Züge, die von dem Bild abwichen, das Thomsa zuvor von dem Künstler hatte. Der 37-Jährige hat Germanistik und Geschichte studiert und wollte eigentlich als Lehrer arbeiten. Um die Zeit bis zum Referendariat zu überbrücken, war er 2006 Praktikant im Buddenbrookhaus. 2007 wurde ihm ein zweijähriges Volontariat im Günter-Grass-Haus angeboten. Seit er die Museumsleitung übernommen hat, hält er an dem Prinzip fest, Grass’ Literatur und bildende Kunst gleichrangig zu betrachten.

          In all seinen Widersprüchen

          Obwohl er Grass’ Persönlichkeit nach und nach schätzen lernte und über ihn eine innige Freundschaft mit Cornelia Funke knüpfte, liegt Thomsa viel daran, im Haus eine wissenschaftliche Distanz zu wahren. Sein Ziel ist es, auf ungewöhnliche Weise Lust auf Literatur zu machen und Grass als Mensch und Künstler in all seinen Widersprüchen zu zeigen, ohne das Sperrige unter den Tisch zu kehren.

          Kaum betritt man das Haus, steht man vor einer blauen Wand, auf der Zitate namhafter Persönlichkeiten über Grass verewigt sind. Darunter ein kritischer Kommentar von Friedrich Dürrenmatt: „Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben.“ Von Dieter Süverkrüp wird Grass hingegen gepriesen als „Goethes Stellvertreter auf Erden“. Über den Innenhof, an Plastiken wie dem berühmten Butt vorbei, geht es zu drei Räumen eines modernen Anbaus. Im ersten bietet eine Regalwand namens „Kosmos Grass“ Einblicke in verschiedenen Lebensbereiche: Von seiner Schreibmaschine über die Nobelpreisurkunde bis hin zum Waschbrett, mit dem er in jungen Jahren in einer Band spielte, stößt der Besucher auf spannende Gegenstände. Daneben steht ein Kuratorentisch, der die Themen des Museums skizziert, ein leeres Feld bietet Platz für Vorschläge der Besucher.

          Als Student dachte er sich einen Werbespot aus

          Im nächsten Raum finden sich neben der jährlich aktualisierten Dauerausstellung Multimedia-Touchscreen-Tische. Diese überzeugen mit sachlichen wie kuriosen Informationen vor allem junge Besucher. Schließlich weiß kaum jemand, dass Grass nicht Fahrrad fahren konnte, sich aber leidenschaftlich ins Kettenkarussell setzte, sich für das alternative Vereinskonzept des SC Freiburg begeisterte und sich als Student einen Werbespot für eine Molkerei ausdachte.

          Grass’ Tod kam überraschend. Thomsa sagt: „Nach seinem Tod wollten sich plötzlich unzählige Leute einmischen, die sich vorher eigentlich weder mit Grass’ Werk noch mit der Person befasst hatten. Sie wollten das Fell des Bären verteilen, obwohl er noch nicht mal beerdigt war.“ Die Gedenkfeier zu Grass’ Ehren fand am 10. Mai 2015 im Theater Lübeck statt. Der Autor John Irving hielt die Trauerrede.

          Ein Tempel werde es nie werden

          Thomsa war aufgrund der Organisation derart beansprucht, dass er nicht innehalten konnte: „Ich musste in diesen vier Wochen einfach funktionieren. Erst bei der Trauerfeier konnte ich persönlich Abstand gewinnen.“ Der Tod des Jahrhundertschriftstellers habe das Haus über Nacht zu einem Erinnerungsort gemacht, ein Tempel werde es aber nie werden. Lediglich einige Porträts wurden angebracht. Grass war, wie er von sich sagte, ein „guter Kuppler“. Thomsa lernte seine Frau, eine Pastorin, kennen, als er eine Lesung aus „Katz und Maus“ von Grass unter dem Thema „Schuld und Sühne“ in einer Justizvollzugsanstalt organisierte.

          Quelle: F.A.Z.

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