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Veröffentlicht: 30.10.2015, 10:48 Uhr

Glasbläser Glühen fürs Glas

365 Tage im Jahr ist der Wannenofen in Betrieb und hält seine 1500 Grad. Im Kanton Nidwalden liegt eine Glasbläserei, die alte Handwerkskunst pflegt.

von Michelle Gugger, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
© Claudia Weikert, Wiesbaden

Über der Glasi Hergiswil im Kanton Nidwalden kreisen die Vögel, getragen vom Auftrieb der warmen Luft, die dem Glasofen entweicht. Im Hintergrund erheben sich in einer wunderschönen Szenerie majestätisch die Innerschweizer Berge Rigi und Bürgenstock. Davor erstreckt sich strahlend blau der Vierwaldstättersee.

365 Tage im Jahr ist der Wannenofen rund um die Uhr voll in Betrieb. Knapp zehn Tage dauert es, das „Herz der Glasi“ auf eine konstante Temperatur von 1500 Grad aufzuheizen. Täglich werden ihm etwa zwei Tonnen Glas entnommen. Die Lebensdauer, die sogenannte Ofenreise, beträgt gerade mal fünf bis sieben Jahre. „Wir behüten ihn daher wie ein kleines Kind“, sagt Firmenchef Robert Niederer. Vereinzelte Lachfältchen bilden sich unter den dunkelbraunen Augen. „Ist der Ofen ausgebrannt, so macht sich dies durch ein sanftes Glühen der Außenwände bemerkbar.“ Hier verlässt sich Niederer ganz auf die wachsamen Blicke der Glasmacher. Denn obwohl die Steine, die den Innenraum des Ofens auskleiden, hitzebeständig sind, schmelzen sie mit der Zeit, weshalb die Wände immer dünner werden. „Löst sich einer der Steine, dann amen“, sagt Niederer, „denn rund 16 Tonnen Glasmasse drücken von innen gegen die Wände.“ Bisher kam es allerdings noch nie zu einem ernsthaften Unfall. Niederer trägt ein schneeweißes Hemd der Marke Lacoste und eine schwarze Hose. Für seine 61 Jahre wirkt der Schweizer mit dem graumelierten Haar noch eher jugendlich.

40 Glasmacher kommen aus Portugal

Auf der Plattform gehen währenddessen die Glasmacher ihren Arbeiten nach. Ein durchgehendes Dröhnen und Klicken erfüllt die hohe, lichtdurchflutete Halle. An den Wänden sind Schöpfkellen und Schläuche unterschiedlichster Größe befestigt, über den Leitungen hängen verschmutzte Stofflappen und ein Paar Handschuhe. Die zwei bis fünf Mitglieder der verschiedenen Teams harmonieren in ihrer Arbeit perfekt. Je nach Artikel werden je Schicht und Team täglich 200 bis 400 Stück hergestellt. Mit Ausnahme einiger Italiener kommen die rund vierzig Glasmacher ausschließlich aus Portugal. In den achtziger Jahren wurden in der Glasi noch Lehrlinge ausgebildet, größtenteils Schweizer. Das Unterfangen musste allerdings bereits wenige Jahre später eingestellt werden. „Kein einziger der Lehrlinge ist nach Beendigung der Ausbildung geblieben“, erinnert sich Niederer. Vielen wurde es auf die Dauer zu viel mit der Hitze und der Schichtarbeit. Eine Ausbildung zum Glasmacher ist heute schweizweit gar nicht mehr möglich. Die nächste Schule ist die Glasfachschule Zwiesel in Deutschland.

Leises Zischen, Dampf steigt auf

Mit Hilfe einer Glasmacherpfeife entnimmt ein kleiner Mann der Arbeitswanne durch ständiges Drehen der Pfeife etwas Glasmasse und rollt diese über das bereitstehende Holzbrett. Er führt die Öffnung der Pfeife an seinen Mund. Es folgen einige kurze Atemstöße, worauf sich die Masse leicht ausdehnt. Darauf wird die erhitzte Stange der Pfeife unter beständigem Drehen in einer schmalen hölzernen Wasserwanne abgekühlt. Ein leises Zischen, Dampf steigt auf. Das Gesamtsortiment umfasst derzeit um die tausend verschiedene Produkte. So entstehen Vasen, Karaffen, Weinkelche, Dekantierflaschen, Käseplatten, verschiedene Windlichter, aber auch Kosmetiktücherboxen, gläserne Zitruspressen, Mobiles, Sparschweine, Christbaumschmuck aller Art und vieles mehr. Auch private Wunschbestellungen werden aufgenommen. Die Glasi finanziert sich zusätzlich über verschiedene Attraktionen, wie etwa das Glasi-Museum und das berühmte Glaslabyrinth. Das Highlight für viele Besucher: eine eigene Glaskugel zu blasen.

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