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Veröffentlicht: 27.02.2017, 11:29 Uhr

Gerichtsdolmetscher Stimme der Angeklagten

Sie müssen sorgfältig übersetzen und in den richtigen Augenblicken auch schweigen: Dolmetscher am Gericht haben einen verantwortungsvollen Auftrag.

von Radu Cozmita, Friedrich-Ebert-Gymnasium, Hamburg

Vor dem Landgericht Hamburg versammeln sich an einem sonnigen Mittwochnachmittag Anwälte, Justizbeamte, freigesprochene Angeklagte und Dolmetscher. Gut gelaunt wird die eine oder andere Zigarette geraucht und über die soeben stattgefundenen Verhandlungen diskutiert und gefrotzelt. Darunter befindet sich auch Edda Preidt-Zajonz. Die zierliche 60-Jährige übersetzte noch vor zehn Minuten als Dolmetscherin für Rumänisch, wie ein wegen Vergewaltigung angeklagter Mann begründete, dass man ihm seine Unschuld abnehmen solle.

Kenntnisse des Strafrechts werden vorausgesetzt

„Meine einzige Aufgabe vor Gericht ist es, in die eine oder andere Sprache zu übersetzen, genauer gesagt, aus einer Ausgangssprache in eine Zielsprache“, sagt Preidt-Zajonz. Sie kam 1984 aufgrund der damaligen politischen Lage nach Deutschland. Besondere offizielle Anforderungen für die Ausübung des Berufes des Dolmetschers gibt es nicht. Er ist gesetzlich nicht geschützt, kann auch ohne Prüfung ausgeübt werden. Anders sehen die Voraussetzungen aus, um bei einem Landgericht zu dolmetschen: Gute Kenntnisse des deutschen Strafrechts werden vorausgesetzt, oft ist psychologisches, allgemeinmedizinisches sowie juristisches Wissen vonnöten. Vor Gericht trenne sich schnell „die Spreu vom Weizen“, sagt die Übersetzerin, die kurze, schwarze Haare trägt. Wie bei Sachverständigen werden selbständige Übersetzer von Fall zu Fall eingesetzt.

Wirtschaftsthemen lehnt sie ab

Da es keine besonderen Zulassungsvoraussetzungen gibt, mischen sich immer wieder Laien unter die arrivierten Dolmetscher. „Unter meinen Kollegen kenne ich mindestens zwei, bei denen die Sprachkenntnisse eigentlich eine Katastrophe sind.“ Das seien aber Ausnahmen. Das Risiko, etwas falsch zu übersetzen, sei besonders bei Anfängern recht hoch. Preidt-Zajonz sagt: „Ich selbst lehne bei Wirtschaftsthemen jeden Auftrag sofort ab, da ich mir zu unsicher bin und weder das Vokabular noch den Inhalt kenne.“ Immerhin werde bei einer eklatanten Falschübersetzung eine Ordnungswidrigkeit begangen, und es könne ein Verfahren eingeleitet werden. Dies hätte dann auch eine Sperre bei dem betreffenden Gericht zur Folge.

Worte von Dieben, Mördern, Vergewaltigern

Es solle vor einigen Jahren vorgekommen sein, berichtet Preidt-Zajonz, dass Dolmetscher absichtlich die Aussagen von Angeklagten geschönt hätten. Dies sei jedoch vor der inzwischen eingeführten Regelung zur freiwilligen polizeilichen Überprüfung geschehen. In dem damaligen Fall stellte sich später heraus, dass ein Verwandter übersetzt hatte. Auf die eigene Psyche zu achten sei ein wesentlicher Aspekt dieses Berufes, betont sie. Tagtäglich die Worte von Dieben, Mördern und Vergewaltigern zu übersetzen und dabei die Mimik und Gestik zu übernehmen, aber innerlich die Ruhe zu bewahren, sei eine Gewöhungssache. „Die Kunst des Dolmetschers ist es, in jeder Hinsicht den nötigen Abstand zu bewahren und die Dinge nicht zu sehr an sich heranzulassen.“ Letztlich sei es nicht ihre Aufgabe, etwas zu interpretieren oder zu beurteilen. Das bleibt allein dem Gericht überlassen.

Manche beleidigen die Dolmetscher

Eine Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Dolmetscher, die über die berufliche Tätigkeit hinausgeht, darf es nicht geben. „Versuchen Sie das mal einer verzweifelten Person zu erklären, die nicht die amtliche Sprache beherrscht und die auf Sie angewiesen ist“, seufzt Preidt-Zajonz. Das Verständnis der Angeklagten dafür fehlt manchmal, so dass es bis hin zu Beleidigungen gegen den Dolmetscher führen kann. Diese werden oftmals als Ansprechpartner angesehen und um weiter gehende Hilfe gefragt, die aber nicht erbracht werden dürfe. Eine Empfehlung für einen Anwalt oder die zu erwartende Strafe sind typische Fragen, die Dolmetscher nicht beantworten dürften. Diese Regeln herrschen nicht nur in der Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Sprachmittler. Auch unter den Kollegen wird offiziell nicht über die Fälle gesprochen. „Wir sind zur Verschwiegenheit verpflichtet; das schwören wir Tag für Tag vor Gericht.“

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