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Gebrauchtwarenhändler : Im Brocki-Land kostet alles höchstens fünf Franken

  • -Aktualisiert am

Spannende Funde und Mikes Preise: Der Schweizer Heinz Morf liebt seinen Gebrauchtwarenladen und das Stöbern in der Vergangenheit

          Man sieht in das Intimste eines Menschen“, beschreibt Heinz Morf, der von allen nur Mike genannt wird, den Moment, wenn man etwas Privates in einer auszuräumenden Wohnung findet. Vor 38 Jahren gründete er seine Firma Brocki-Land, die sich mit dem Räumen von Wohnungen nach einem Todesfall oder beim Umzug ins Altersheim beschäftigt. Der gelernte Lebensmittelverkäufer wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen. So ist das Brocki-Land entstanden. Sein erstes Brockenhaus – so heißen in der Schweiz Gebrauchtwarenläden – befand sich in einem alten Salzlager gegenüber dem Züricher Platzspitz, der zur damaligen Zeit ein international bekannter Platz für die Drogenszene war. Der Grund dafür war einfach: „Niemand hat sich um diese Leute gekümmert, es gab noch keine Drogenpräventionsprogramme. Deswegen wollte ich diesen Menschen eine Beschäftigung und Ablenkung bieten, um sie von den Drogen wegzukriegen“, erklärt Mike, dessen farbenfroh gemustertes Hemd leicht über seinem Bauch spannt.

          Simpel und dennoch genial

          Auch heute finden noch diejenigen, die in der Marktwirtschaft keine Anstellung bekommen, Arbeit bei ihm. „Halt so lange, bis sie etwas anderes gefunden haben.“ Heute arbeiten aber so gut wie keine Menschen mit Drogenproblemen mehr bei dem 68 Jahre alten Züricher. Es sind fast ausschließlich Mitarbeiter mit Behinderungen und Problemen, Arbeit zu finden, da sie aus einem anderen Land kommen. Zurzeit gibt es noch zwei Brocki-Länder, eines in Dietikon und das andere in Wiedikon, Zürich. Was seine Brockenhäuser so von den anderen abhebt, ist etwas ganz Simples, das dennoch genial ist. Jeder Artikel kostet fünf Franken oder weniger, ob Möbelstück, Teppich oder schwerer Mantel, spielt da keine Rolle. Wenn ein Gegenstand einen sehr viel höheren Wert hat, wird er separat in einer kleinen Boutique oberhalb des Brockenhauses verkauft. In Wiedikon befindet sich das Brocki-Land unterirdisch in einer nicht mehr benutzten Tiefgarage. Dort geht es über mehrere Etagen nach unten, um zum Eingang zu gelangen, muss man die spiralförmige Autoeinfahrt nach unten laufen.

          Für den Import waren die Gesetze zu streng

          Das Ziel des Ganzen sei weniger der Profit, sondern mehr, dass alte Sachen noch einmal ein Zuhause finden. Da das Brocki-Land mit so wenig Einnahmen aber nicht bestehen bleiben könnte, wird ein gewisser Betrag für Räumungen und Entsorgungen berechnet, um die Arbeiter und die Miete zu bezahlen. So hat Morf sich und seine Familie durchgebracht. Anfangs hatte er vor, mit diesem Geschäftsmodell in die Vereinigten Staaten zu gehen. Da sein Bruder ein Import-Export-Geschäft führt, wollte er seine Arbeit damit verbinden und gebrauchte Artikel einfliegen lassen, um sie in der Schweiz zu verkaufen. „Das ließ sich so aber nicht verwirklichen. Die Gesetze waren viel zu streng und kompliziert für so ein Geschäft, da man beispielsweise keinen gebrauchten Teller importieren und anschließend verkaufen darf“, berichtet er.

          Er wollte unbedingt eine Million

          Obwohl er schon pensioniert ist, packt er mit an. „Ich habe Spaß, ich arbeite gerne.“ Heute unterstützt er sein Geschäft auf eine ganz spezielle Weise: Nach einem Todesfall beispielsweise geht er mit ein paar ausgewählten Leuten in die verlassenen Wohnungen, um sie auszuräumen und manchmal auch um nach benötigten Dokumenten zu suchen. „Den Schlüssel bekommen wir jeweils von der Polizei.“ Dabei kann man auf äußerst intime Dinge stoßen. „Da gab es einen Menschen, der hat ständig gespart. Er wollte unbedingt eine Million auf seinem Konto erreichen und sagte sich immer: ,Jetzt brauch ich nur noch 800 Franken, bis ich genug habe‘, und immer so weiter. Das haben wir anhand rumliegender Dokumente in seinem Haus erfahren. Schlussendlich hatte er fünf Millionen erreicht, hatte sich aber sein ganzes Leben lang nie etwas gegönnt, weil er nur auf das Sparen fixiert war.“

          Silber aus der Zeit des Nationalsozialismus

          Es kam auch öfters vor, dass eine Messi-Wohnung ausgeräumt werden musste. Das sei sehr unangenehm. Trotz allem ist Heinz Morf der Meinung, dass seine Arbeit das Schönste ist und er sich nichts Besseres wünschen könne. Vor allem die guten und spannenden Funde bereiten ihm viel Freude. „Einmal haben wir Gegenstände aus Silber, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammten, gefunden. Die waren sehr viel wert. Wir haben diese Prachtstücke dann für 180 000 Franken an einen Sammler verkauft.“ Morf ist sich nicht im Klaren darüber, wie es mit dem Brocki-Land weitergehen soll. Seine Tochter möchte das Geschäft nicht weiterführen. „Es ist ein harter Job, sie hat viel miterlebt, und es kann auch sehr viele Probleme geben.“

          Quelle: F.A.Z.

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