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Veröffentlicht: 26.04.2017, 14:05 Uhr

Dorfschule Die Dorfschule hat nur acht Kinder

Idylle am Schweizer Julierpass: Drei Jahrgänge in der Klasse, zwei Sprachen, gute Stimmung in der Schule von Bivio. Wer aufs Gymnasium will, muss aufs Internat

von Fiona Zirngast, Kantonsschule Limmattal, Urdorf
© Anke Kuhl

Die Klingel des gelbbraunen, älteren Schulhauses im Bergdorf Bivio am Julierpass hört man weit entfernt. In fünf Minuten ist es zehn Uhr. Eine Treppe führt direkt zum Klassenzimmer im ersten Stock. Die Sonne scheint durch die drei großen Fenster. An einer Wand hängt eine selbstgestaltete Weltkarte mit Fotos. In der Ecke daneben steht ein mit Kissen überladenes Sofa. Regale sind mit Ordnern, Mäppchen, Büchern, Stiften und Spielen gefüllt. Nach und nach kommen die ausgetobten Schüler mit roten Wangen kichernd aus der Pause zurück. Die zweite Hälfte ihres Schulmorgens beginnt.

200 Einwohner im Dorf

Ein portugiesisches Mädchen in einem roten Pullover, der mit einem Rentier bestickt ist, liest den ersten Abschnitt aus Rotkäppchen vor. Die 10- bis 13-Jährigen sind zusammen auf Adjektiv-Suche. Insgesamt besteht die Schule in Bivio aus vier Mädchen der vierten Klasse, zwei Jungen der fünften und zwei Mädchen der sechsten Klasse. Esther Fasciati in karierter Bluse und Jeans ist seit fünf Jahren Lehrerin in dem knapp 200 Einwohner zählenden Dorf. Ein Grund, weshalb sie mit Familie zurück nach Bivio gezogen ist, sei, dass hier den Kindern die Zweisprachigkeit mitgegeben werde. Davor wohnten sie in Luzern, wo die 44-Jährige auch als Lehrerin arbeitete. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet hier wieder zu unterrichten beginne.“

Italienisch und nicht Romanisch

Neben ihr unterrichtet noch eine Italienischlehrerin. Die größte Herausforderung sei, drei Stufen in einem Unterricht unterzubringen. „Es liegen Mathebücher von drei verschiedenen Klassen offen, und ich muss den Überblick behalten.“ Doch dies sei nichts im Vergleich zu den Klassen in Luzern mit 30 Schülern. In Bivio hatte die dreifache Mutter nie mehr als zehn Schüler. Für das ganze Bergtal Surses gibt es nur noch eine Schule in Savognin. Die Kinder aus Bivio sind die einzigen der elf Dörfer, die noch in ihrem Heimatdorf zur Schule gehen. Dies nur, weil Bivio ursprünglich italienisch und nicht romanisch ist. In der hintersten Reihe reibt sich ein Mädchen die Augen. Sie ist in der 6. Klasse und hat ihre Haare zu einem lockeren Knoten gebunden. Eine Bankreihe weiter vorne sitzt ihre jüngere Schwester, eine Viertklässlerin. Zu Hause sprechen die Schwestern ihre Muttersprache Chinesisch und Bergellisch, den hier ansässigen italienischen Dialekt.

Sie pendeln jeden Tag

Ab dem Kindergarten wird Italienisch gesprochen. In der 1. Klasse kommen zwei Stunden Deutsch in der Woche dazu. Von der 4. bis zur 6. Klasse wechselt die Unterrichtssprache ganz auf Deutsch, Italienisch wird in vier Wochenstunden gesprochen. Ab der 5. Klasse gehen die Schüler für zwei Halbtage in der Woche nach Savognin in die Schule: So sollen sie den Anschluss finden und einen Vergleich zu anderen Schülern bekommen. Dort haben sie neu zwei Stunden Englisch, Unterrichtssprache ist Romanisch. Nach der 6. Klasse endet der Unterricht in Bivio. Die Schüler pendeln für die Oberstufe jeden Tag in das 15 Kilometer entfernte Savognin. Sie sind bis zu zehneinhalb Stunden außer Haus. Unterrichtssprache ist Deutsch. Die Bivianer haben drei Stunden in der Woche Italienisch, während die anderen Schüler Romanisch haben. Wer das Gymnasium besuchen will, muss in ein Internat wechseln.

Turnunterricht auf der Skipiste

Die Schüler würden nichts an ihrer kleinen Klasse ändern wollen. Nie muss jemand lange warten. Sie schätzen ihre engen Freunde und engagierten Lehrerinnen. Außerdem, so erklären sie, schreiben sie eine Prüfung in der Woche, in Savognin seien dies mehr. Doch sie scheuen sich nicht vor der dortigen Schulzeit. Eine größere Klasse bedeutet auch, dass mehr und lustigere Spiele möglich sind, der Werkraum mehr Werkzeuge und Materialien hat, die Turnhalle attraktiver ist. Ihre Turnhalle passe viermal in die Turnhalle in Savognin. Dafür findet der Turnunterricht in Bivio immer wieder auf der Skipiste, dem Eisfeld oder im Hallenbad statt. Auch Esther Fasciati schätzt es, dass sich die Schüler untereinander gut verstehen. „Wir können klassenübergreifend miteinander arbeiten und es kommt nicht darauf an, wer mit wem zusammen in einer Gruppe ist. Die Großen können den Kleinen helfen und alle gegenseitig voneinander profitieren.“

Nachmittage voller Sitzungen bleiben ihnen erspart

Doch sobald es soziale Schwierigkeiten unter den Kindern gibt oder ein Kind allein in seinem Jahrgang ist, wird es bei einer so kleinen Klasse problematisch. Ein Vergleich zwischen den Schülern ist nicht möglich. Die Frauen sind auf sich allein gestellt und können mit keinem Lehrerteam Ideen und Unterrichtsmaterial austauschen. Dafür bleiben den beiden Nachmittage voller Sitzungen erspart, die Zeit kann in den Unterricht investiert werden. Drei Kindergartenkinder sind zurzeit der einzige Nachwuchs. Diese sind nur noch einen halben Tag in Bivio und gehen für den Rest der Woche nach Savognin in den regionalen Gesamtkindergarten. Schon lange wartet Bivio auf neue Familien, doch bis jetzt sind keine gekommen. Bleibt es dabei, muss auch Esther Fasciati sich neu orientieren, sobald alle acht Schüler in die Oberstufe gewechselt haben.

Heimat und nicht nur ein Schlafplatz

Ihre erste Wahl ist es, wieder eine Arbeit im Dorf zu finden. „Ich finde es am wertvollsten, wenn die Wahlheimat nicht nur ein Schlafplatz ist, sondern die Leute in ihrem Dorf wirklich wohnen und arbeiten.“ Eine Idee wäre, das Schulhaus in ein Freizeithaus umzufunktionieren. So würden die Kinder und die Jugend in Bivio nicht ganz verlorengehen. Dieses Jahr haben sich 15 Kinder, davon acht ehemalige Schüler des Dorfs, aus verschiedenen Gemeinden zum freiwilligen Schulsport in Bivio angemeldet. Von Januar bis Ostern trainieren sie jeden Samstag auf der Skipiste. „Sie alle so beieinander zu sehen, hat mich sehr berührt.“ Bivio ist immer noch ein Teil von ihnen. Langweilig wird es der kleinen Schultruppe jedenfalls nicht. „Die Schule macht einfach viel Spaß“, sagt ein Junge.

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