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Die Gruppe Panik Verheddert im Musikdschungel

Als Nevada Tan schoss ihr Debütalbum in die Charts. Doch die junge Band kannte sich im Geschäft nicht aus. Die Zusammenarbeit mit ihren Managern und Produzenten endete bald vor Gericht. Nun streichen sie als Panik die Segel.

© Florian Sonntag Vergrößern Die Bandmitglieder der Gruppe Panik

Timo Sonnenschein schließt die Augen. Er könnte jetzt träumen. Wie sie in Russland und Frankreich vor Tausenden spielten, wie Mädchen nach ihnen riefen, wie sie in die Musikwelt tauchten. Sonnenschein kneift die Augen zusammen, reißt den Mund auf und schreit. Er könnte davon träumen, wie es wäre, wenn Jugendliche ihr neues Album nicht nur hören, sondern auch kaufen würden. Auf seiner Stirn stechen Falten, an seinem Hals Adern hervor, er brüllt seine Wut hinaus und hinein in das Mikrofon in seiner Hand. Das alles gehört dazu - zum Spiel, zum Lied, zur Musik von Panik, die vor wenigen Jahren noch Nevada Tan hießen und als nächste große Jugendband galten.

Jan Hauser Folgen:    

Einmal in den Pop-Olymp und zurück, so könnte ihr Ticket lauten. Timo Sonnenschein, 22 Jahre alt, kurze schwarze Haare, rappt und schreit, doch die Band wird zerbrechen. An dem, was sie erlebt haben. Daran, dass ihre neue Single nur wenige Woche in den Charts blieb. Daran, dass sie im Musikgeschäft nur schwer über die Runden kommen. Sie proben für ihre letzte gemeinsame Tour durch Deutschland, ohne zu wissen, dass es ein Abschied wird. David Bonk, 21 Jahre, schulterlange schwarze Haare, sitzt mit der Gitarre auf einem Sessel. Daneben hockt Juri Schewe am Schlagzeug, 23 Jahre, blonde Mähne. Sie machen Rock mit Rap und Gesang, mit deutschsprachigen Texten, die sich um die Liebe, die Umwelt, die Welt überhaupt drehen, düster, aggressiv und laut. DJ Jan Werner, 21 Jahre, mit einer Hand auf dem Plattenspieler, Bassist Christian Linke, 22 Jahre, und Sänger Frank Ziegler, 22 Jahre, stehen im Wohnzimmer und rocken.

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Konzerte in Paris, Prag und Moskau

In dem Bungalow in Hamburg-Bergedorf, den sie für die Band gemietet haben, liegen Instrumentenkoffer und Equipment herum. Ziegler, Vollbart, lange braune Haare unter einer großen Strickmütze, kommt aus Heidelberg, Schlagzeuger Schewe aus Hamburg, die anderen aus Neumünster. Die Wände des Wohnzimmers sind orangefarben gestrichen, in der Spüle der braunen Küche aus grauer Vorzeit warten Töpfe auf ihren Abwasch, im Flur hängen ihre gezeichneten Porträts an der Wand. Die haben sie aus Osteuropa mitgebracht.

Nevada Tan / Fanpost © Florian Sonntag Vergrößern Gebastelte Fanpost

Im Mai 2007 stieg ihr erstes Album „Niemand hört dich“ auf Platz acht der deutschen Charts ein, verkaufte sich 100 000 Mal und erreichte in Russland Gold. Sie spielten in Paris, Prag und Moskau, waren für die Musikpreise Echo und Comet nominiert. Doch von den Plattenverkäufen sahen sie keinen Cent. Noch vor der zweiten Single verklagten sie ihre Manager und Produzenten. Vor Gericht nennt der Richter die Verträge sittenwidrig.

November 2005, Hamburg, Theater „Neue Flora“, ein Bandwettbewerb. Auch Panik nimmt daran teil. Ein Mann im weißen Hemd spricht die jungen Musiker an: „In der Nähe haben wir ein Studio, wollt ihr nicht mal mitkommen?“ Sie gehen mit und sind begeistert. „Wir sahen dieses Studio und wollten nur noch Musik machen“, sagt David Bonk, mehrfacher Preisträger am Klavier bei „Jugend musiziert“. So erzählen sie ihre Geschichte: Er und Sonnenschein, die Bandgründer, die sich seit dem Kindergarten kennen, brechen sogar die Schule ab – wie auch einige Zeit danach Jan Werner.

„Der größte Fehler in unserem Leben“

Sie sind die nächsten neun Monate fast ununterbrochen im Studio, um an ihren Songs zu basteln. Die zwei Managerproduzenten schauen stets nur kurz vorbei – sie sind derweil auf der Suche nach einer Plattenfirma für die Band, die sich nun Nevada Tan nennt. Die jungen Musiker bekommen das nur mit, wenn sie irgendwohin sollen. So spielen sie ein Konzert, ein „Showcase“, weil sich die Band dabei einer Plattenfirma vorstellt, in diesem Fall Virgin. Kurz darauf folgt ein Auftritt für Sony BMG im Club „Knust“ in Hamburg. Als sie dort von der Bühne gehen, kommt allerdings Daniel Lieberberg, Chef der Sparte „Domestic Rock Urban“ von Universal in Deutschland, auf sie zu. Er stellt sich vor und schüttelt ihre Hände. Zwei Wochen später bestellen die Managerproduzenten sie ins Studio. Dort erfahren sie, dass Universal ihre Plattenfirma werden möchte. Den Vertrag sollen sie gleich unterschreiben, „sonst zieht Universal ihn noch zurück!“ Sie unterschreiben. „Der größte Fehler in unserem Leben“, sagt Sonnenschein.

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Veröffentlicht: 05.02.2010, 08:00 Uhr

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