Home
http://www.faz.net/-guy-70brb
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Geschichte einer Nahtoderfahrung Colton Burpos Himmelfahrt

 ·  Ein Junge entgeht knapp dem Tod – und berichtet danach von dem, was er im Jenseits sah: Jesus mit Pferd, Engel mit Schwertern. In Amerika ist seine Geschichte ein langlebiger Bestseller.

Artikel Lesermeinungen (0)

Am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, fährt Familie Burpo also an dem Krankenhaus vorbei, in dem der kleine Colton drei Monate zuvor wegen eines Blinddarmdurchbruchs dem Tod nur knapp entronnen war; nur eine Not-OP rettete ihn. Erinnerst du dich an das Krankenhaus, fragen seine Eltern den Jungen. Klar, sagt dieser: „Das ist da, wo die Engel für mich gesungen haben.“ Die Eltern sind völlig überrascht; was die Engel denn gesungen hätten, fragen sie weiter. „Na ja, sie haben ,Jesus loves me’ and ,Joshua fought the battle of Jericho’ gesungen“, antwortet Colton ernst. „Ich habe sie gefragt, ob sie ,We will rock you’ singen, aber das wollten sie nicht.“

So beginnt die Geschichte der fantastischen Himmelfahrt eines damals Vierjährigen, die als Buch in den Vereinigten Staaten zu einem Verkaufsschlager geworden ist; seit 79 Wochen hält es sich unter dem Titel „Heaven is for real“, deutsch: „Den Himmel gibt’s echt“, auf der Bestsellerliste der „New York Times“, viele Wochen davon auf Platz eins.

„Wie könnte ein Kind sich so etwas ausdenken?“

Stück um Stück offenbarte Colton in den Monaten nach der Operation von 2003 seiner Familie Details seiner Erfahrung. Während der Operation sei er in den Himmel aufgefahren und habe dort auf Jesu Schoß gesessen. Jesus habe ein Pferd in Regenbogenfarben, die Menschen im Paradies hätten Flügel, und die Engel trügen Schwerter, um das Böse in Schach zu halten. Auch den Teufel will Colton gesehen haben, dessen Beschreibung allerdings verweigerte er. Der Heilige Geist dagegen sei „irgendwie blau“ und schieße Kraftstrahlen zur Erde, um Coltons Dad beim Predigen zu helfen.

Das passt, Todd Burpo ist Pastor einer kleinen evangelikalen Gemeinde in Nebraska, im amerikanischen Mittelwesten, und Coltons Besuch im Himmel ist für ihn die wunderbare Bestätigung der Existenz Gottes. „Mein Glaube“, sagte er im Telefongespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „fußt auf Beweisen.“

So verweist Burpo auch darauf, in den Schilderungen seines Sohnes gebe es Dinge, „die er nicht hätte wissen können“. Unter anderem erwähnte Colton, er habe „von oben“ gesehen, wie sein Vater während der OP in einem Nebenzimmer gebetet habe. Und Colton berichtete, im Himmel seine „zweite Schwester“ getroffen zu haben. Sonja Burpo hatte zwischen den Schwangerschaften mit ihrer ältesten Tochter Cassie und der mit Colton eine Fehlgeburt erlitten. „Gott hat sie adoptiert, Mom“, berichtete Colton seiner fassungslosen Mutter. Todd Burpo betont, dass man zu Colton darüber nie ein Wort verloren habe. „Wie könnte ein Kind sich so etwas ausdenken?“, fragt er.

An Hypothesen mangelt es nicht

Nun gibt es zuhauf Berichte von sogenannten Nahtod-Erfahrungen; bei deren Beschreibung wiederholen sich gewisse Motive - Tunnel, engelsähnliche Wesen, Glücksgefühle -, und dass religiöse Menschen dies als Bestätigung der unsterblichen Seele und der Existenz Gottes feiern, liegt nah. Wissenschaftliche Untersuchungen dieses Phänomens sind denkbar schwierig, aber an Hypothesen mangelt es nicht: Neurologen vermuten, dass hier Fehlzündungen im Gehirn zum Ausdruck kommen, andere Mediziner verweisen auf die Wirkung der Drogen, die einem Patienten im Verlauf lebensrettender Maßnahmen verabreicht werden. „Unter den Wirkstoffen zur Auslösung einer Narkose ist immer ein starkes Schmerzmittel“, sagt etwa Luisa Garavy, Anästhesistin am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam. „Üblicherweise ist das ein Opioid, und Opioide können neben ihrer schmerzstillenden Wirkung auch intensive Träume und Halluzinationen verursachen.“

Dass ein Vierjähriger, der Actionfiguren liebt und in einer Welt aufwächst, wo Bibelgeschichten vorm Schlafengehen zur Routine gehören, sich das Paradies als einen Ort mit schwertbewehrten Engeln vorstellt, ist auch aus psychologischer Sicht nicht unbedingt ein Wunder. „Gerade bei jungen Kindern ist die neuronale Plastizität, also die Formbarkeit des Gehirns, noch groß“, sagt die Berliner Diplom-Psychologin Conny Wendel.

Skeptiker lädt er ein in ein Dorf mit mehr Kirchen als Banken

Todd Burpo jedoch hält den Bericht seines inzwischen zwölfjährigen Sohnes weder für Phantasie noch Halluzination, sondern für einen Augenzeugenbericht. Auch die Unterstellung, er habe seinen Sohn gecoacht, weist er zurück. Skeptiker, die in „Heaven is for real“ Geschäftemacherei wittern, lädt er zur Recherche nach Imperial ein, einem 2000-Seelen-Nest in Nebraska „mit mehr Kirchen als Banken“, wie der Mittvierziger sagt. Elf Kirchen, zwei Golfplätze und fünf Arztpraxen führt die Website der Stadt auf, jeder kenne jeden in diesem Nest, sagt Burpo, und alle hier hätten Zugang zu Colton. Man möge unter den Einwohnern einen finden, der glaube, der Junge sei manipuliert worden.

Doch die Skepsis kommt nicht von ungefähr. Kinder sind schon oft als Propheten Gottes verkauft worden; zu den prominentesten amerikanischen Beispielen zählt Marjoe Gortner, der von seinen Eltern in den fünfziger Jahren als göttlich inspirierter Mini-Apostel ausgestellt wurde. Sie hatten ihm bereits als Vierjährigem das Repertoire der Wanderprediger eingebleut, die ihre Schäfchen erst in Ekstase versetzen und dann zur Kasse bitten, wie Gortner 1972 in einer oscargekrönten Dokumentation bekannte.

Todd Burpo behauptet, noch nie von Gortner gehört zu haben, und er hat nach eigenen Angaben auch nicht damit gerechnet, dass sein Buch, das sich seit Erscheinen im November 2010 weltweit über eine halbe Million Mal verkaufte, zum Bestseller werden würde. Obwohl Burpo sein Unternehmen, das mit Garagentoren handelt, verkauft hat, weil er in Sachen „Heaven“ viel unterwegs ist, wohne die Familie immer noch in ihrem alten Haus.

„Ich wollte nie ein Buch schreiben“

Burpos Buch, mit Hilfe von Sarah Palins Ghostwriterin Lynn Vincent verfasst, liest sich wie eine biblische Parabel: Da ist das kranke Kind, dessen Leid fünf Tage lang undiagnostiziert bleibt; der Vater, der den „Schatten des Todes“ auf dem Gesicht seines Sohnes sieht; da sind die Angst und Selbstvorwürfe der Eltern, nicht früh genug das Richtige getan zu haben; Todd Burpos wütende Anklage gegen Gott während der Operation; die Rettung des Kindes; und schließlich, Monate später, die Offenbarung von Coltons Besuch im Paradies, welche die Qual der Familie in den Rahmen einer göttlichen Prüfung und Auserwählung fasst.

Nein, sagt Todd Burpo, er sei nicht enttäuscht, dass das von Colton beschriebene Nachleben zwar ein tröstliches, aber mystisch eher anspruchsloses Szenario ist. Im Gegenteil: In seiner Gemeinde wurden Coltons Berichte mit solcher Erleichterung aufgenommen, dass man den Pastor zur Niederschrift drängte. „Ich wollte nie ein Buch schreiben, ich hatte wahrhaftig genug zu tun“, sagt Burpo. „Aber dann dachte ich an den Frieden, der meine Frau und mich erfüllte, als wir von unserer Tochter im Himmel erfuhren. Und ich dachte, es ist nicht recht, so was für uns zu behalten.“

Hin und wieder News aus dem Jenseits

„Inspirational literature“ boomt in Amerika. In Buchläden und Flughafenkiosken sind Drehgestelle mit Titeln wie „Angels are for real“ oder „The boy who came back from heaven“ gefüllt. Pedanten aus den Lagern der Atheisten wie auch der Evangelikalen hält das nicht davon ab, theologische Fehler in Coltons Geschichte aufzuweisen. Die Burpos ficht das nicht an. Nach einer illustrierten Kinderversion des Buchs schreiben Todd und Sonja mit „Heaven changes everything“ jetzt an einer weiteren Inkarnation von Coltons Geschichte, diesmal mit Bibelsprüchen garniert. Sie soll im Oktober auf den Markt kommen.

Colton Burpo offenbart unterdessen nur noch hin und wieder News aus dem Jenseits. Neulich, sagt sein Vater, habe er kundgetan, dass die Welt nicht, wie von den Maya-Apokalyptikern befürchtet, im Dezember 2012 ihr Ende finden wird. Was insofern gut ist, als Colton sich dann womöglich seinen Traum von einer Laufbahn als Musiker erfüllen kann. Nur „We will rock you“ singt er nicht. Nachdem die Engel den Song für ihn nicht anstimmen wollten, haben die Burpos ihre Queen-CD weggeworfen.

Die deutsche Ausgabe „Den Himmel gibt’s echt“ ist im Februar im Hänssler-Verlag erschienen; 160 Seiten, 14,95 Euro.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel