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Buddenbrook-Haus : Eine Flatrate für Tony Buddenbrook

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Archivarin des Buddenbrookhauses in Lübeck über eine große Familie, das unglaubliche Werk eines 25-Jährigen, kostbare Briefe und enttäuschende Auktionen

          Behutsam streift sich Britta Dittmann, die Archivarin des Buddenbrookhauses in Lübeck, weiße Stoffhandschuhe über und öffnet vorsichtig eine Mappe, in der sich Briefe der Brüder Thomas und Heinrich Mann befinden. Vor allem die handschriftlichen Briefe begeistern sie, da man durch sie viel Persönliches über die beiden erfährt. Während die akkuraten und immer auf denselben Papierbögen fein säuberlich geschriebenen Briefe Thomas Manns so wirken, als wären sie für die Öffentlichkeit bestimmt, wurden die Briefe Heinrich Manns spontaner geschrieben. Er verwendet oft Kosenamen für seine Frauen, bringt seine Gefühle darin zum Ausdruck und beschreibt Papier, das ihm gerade in die Hände fällt: oft irgendwelche Rückseiten oder Briefbögen eines Hotels. Deshalb erscheint Britta Dittmann Heinrich Mann menschlich näher. Dennoch gibt sie zu: „Ich war schon, bevor ich hier gearbeitet habe, ein Thomas-Mann-Fan.“

          Enthusiastisches Strahlen

          Die Lübeckerin studierte Germanistik, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Kiel und verfasste ihre Magisterarbeit über Thomas Mann. Seit 19 Jahren ist sie in der Mengstraße 4 als Archivarin tätig. Nach einem Praktikum im Buddenbrookhaus, das sie zur Berufsfindung nutzte, wurde sie fest angestellt und mit der Leitung von Bibliothek und Archiv betraut. „Als ich hier ankam, da wusste ich, wo mein Platz ist“, sagt sie mit einem enthusiastischen Strahlen in den Augen. Zu ihren Aufgabenfeldern gehört, dass sie die Bibliothek und das Archiv aktualisiert und instand hält. Sie holt die neueste Forschungsliteratur heran, recherchiert und beschafft Material für hauseigene Ausstellungen.

          Berlin, München, Zürich und Yale

          Am meisten Spaß bereitet es der Archivarin, neue Dokumente von Mitgliedern der Familie Mann zu lesen und zu untersuchen. Britta Dittmann empfindet ihren Beruf deshalb als „sehr lebendig“, da immer wieder neue Materialien auftauchen, die oft aus dem Privatbesitz stammen. Dies war beispielsweise im September vergangenen Jahres der Fall, als sie nach einer privaten Begegnung in London unverhofft mehr als 50 Briefe von Erika Mann mitbrachte. Aber auch durch die vielen Kontakte zu anderen Nachlassstätten der Manns wie zum Beispiel in Berlin, München, Yale oder in Zürich, wo das meiste Material liegt, werden im Austausch immer wiederAusstellungen erarbeitet und Hintergründe erschlossen.

          Für die Wissenschaft verloren

          Allerdings zeugt der Archivarberuf auch von manchem frustrierenden Ereignis. So wurde im Mai 2015 im Londoner Auktionshaus Sotheby’s ein Konvolut aus Briefen und Postkarten Thomas Manns an einen Schulfreund versteigert, die teils von Hand, teils mit der Schreibmaschine geschrieben sind. Das Lübecker Buddenbrookhaus schaffte es in kurzer Zeit, die notwendigen finanziellen Mittel zusammenzulegen, die das Mindestgebot überschritten, und sprach sich rasch mit den verschiedenen Nachlassstätten der Familie Mann ab, um sich nicht gegenseitig zu überbieten. Vor Ort aber ersteigerte ein Antiquar, der eine erheblich höhere Geldsumme bot, das Konvolut, wodurch es, so Britta Dittmann, „der Wissenschaft leider durch die Lappen ging“.

          Über Elisabeth Mann Borgese

          Die Mitarbeiter des Buddenbrookhauses haben noch persönlichen Kontakt zu Familienmitgliedern. 2012, bei einer Sonderausstellung über Elisabeth Mann Borgese, kamen mehrere Nachfahren Thomas Manns in Lübeck zusammen, so dass die Archivarin dies schmunzelnd als ein Familientreffen bezeichnete. Britta Dittmanns erklärtes Lieblingswerk von Thomas Mann ist der Jahrhundertroman „Buddenbrooks“ aufgrund der vielen verschiedenen Aspekte, unter denen man das Werk lesen kann. Zuerst las die Lübeckerin ihn als Heimatroman, und es bereitete ihr großes Vergnügen, bekannte Orte und Straßen darin wiederzuerkennen. Im Zuge der Mitarbeit an der Dauerausstellung las sie den Roman mehrere Male. Besonders fasziniert sie daran, dass man das Buch in jedem Lebensjahrzehnt in die Hand nehmen und immer etwas Neues darin finden könne. Dass dieses imposante Werk von jemandem geschrieben wurde, der erst 25 Jahre alt war, findet sie besonders erstaunlich.

          Für Werbezwecke zertifizieren

          Vorsichtig nimmt Britta Dittmann ein weiteres zeitgeschichtliches Dokument aus der Mappe: Es ist eine Auflistung, wie sie von vielen Lübeckern Geschäften nach der Veröffentlichung von Manns Erstwerk angefertigt wurde. Auf ihr werden die Romanfiguren entschlüsselt und den realen Lübecker Kaufmannsfamilien zugeordnet. Thomas Manns „Buddenbrooks“ wurden zu jener Zeit zwar kritisch gesehen, da die Kaufmannsfamilien in ein schlechtes Licht gerückt wurden. Dies änderte sich aber durch den rasch zunehmenden Erfolg des Romans. Noch in der Gegenwart kommt es zu amüsanten Ereignissen. So ließ die traditionsreiche Lübecker Weinhandlung Tesdorpf sich für Werbezwecke zertifizieren, dass sie im Roman genannt wird. Dass die Buddenbrooks auch heute noch eine lebendige Familie sind, merkt die Archivarin daran, dass in der Mengstraße 4 ständig Post für die Buddenbrooks ankommt. Kürzlich erhielt Tony Buddenbrook Werbebriefe eines Internetanbieters, der ihr eine Flatrate verkaufen wollte.

          Flucht während der Nazizeit

          Als die Literaturwissenschaftlerin die Briefe der beiden Brüder in eine Schutzhülle zurücklegt, bedauert sie, dass gerade über die Jugend von Thomas und Heinrich Mann nur wenige Materialien vorliegen. Bekannt ist, dass die erste Schülerzeitung Deutschlands von Thomas Mann mitverfasst wurde, jedoch ist die erste Ausgabe bis heute unauffindbar, genau wie das Buddenbrooks-Manuskript. Möglicherweise gingen einige dieser Materialien aufgrund der Flucht der Manns während der Nazizeit verloren, wurden, wie auch die ersten Tagebücher Thomas Manns, verbrannt, oder sie schlummern irgendwo im Verborgenen auf einem Dachboden. Neue Erkenntnisse zu erlangen ist das, was Britta Dittmann an ihrem Beruf spannend findet: „Das weckt die Wühlmaus in mir. Da kann ich mich dann auch gerne für ein paar Tage einschließen, mich verkriechen und recherchieren.“

          Quelle: F.A.Z.

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