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Biohof : Tod auf der Weide

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Nils Müller war 20 Jahre Vegetarier. Heute schlachtet er Vieh auf seinen Weiden. Die Tiere hatten vorher ein gutes Leben auf seinem Schweizer Biohof.

          Mit routinierten Handgriffen werden die roten, saftigen Stücke vom Rind durch den Fleischwolf gedrückt und zu Hackfleisch verarbeitet. Ein angenehm warmer Geruch liegt in der Luft. So gar nicht, wie man es sich in einem Raum, in dem Fleisch verarbeitet und gelagert wird, vorstellen würde. An den Wänden gibt es himmelblaue Kacheln. Auf zwei Plakaten werden die Stücke vom Rind und Schwein dargestellt und beschrieben. Nils Müller legt die mit Blut verschmierten Plastikhandschuhe neben die Fleischwanne und streicht sein kariertes Hemd glatt. „Das war Ueli, eines unserer zweijährigen Angus-Rinder“, erklärt der 39-jährige Biobauer vom Küsnachter Berg in der Nähe von Zürich.

          Als Quereinsteiger in der Landwirtschaft machte sich der im Bündnerland aufgewachsene Zürcher mit seiner Frau Claudia Wanger vor sechs Jahren selbständig und schuf sich mit seinem Bauernhof eine Bio-Oase. Zusammen mit Aishling Greenan, ihrer 39-jährigen Angestellten aus Irland, bewirtschaften sie 15 Hektare Land. Im Hofladen und in der Beiz verkaufen sie ihr selbst geschlachtetes und verarbeitetes Vieh.

          Von Mutterkühen gesäugt

          Als Tierliebhaber war Nils Müller 20 Jahre lang überzeugter Vegetarier. Durch die Auseinandersetzung mit artgerechter und biologischer Nutztierhaltung und dem außergewöhnlichen Prozess der Weideschlachtung fand er jedoch den Sinn darin, Fleisch zu essen und in seiner Vielfalt zu genießen. „Mein Hof ist ein in sich aufgehender Kreislauf. Unser Vieh wird von den Mutterkühen geboren und gesäugt. Sie leben unter ihresgleichen im Stall und auf der Weide, wo sie sich nur mit Gras und Heu ernähren, so wie es schon seit Jahrhunderten durch die Natur und unsere Vorfahren vorgesehen war“, erklärt der gelernte Landwirt, während er den Paddock der Pferde öffnet. Der offene Freilaufstall ist wie eine Terrasse an den Hang gebaut. Auf dem Obergeschoss leben die Pferde, deren Mist durch die Schwerkraft in den unteren Stock gelangt. Somit dient der Grund der Pferde als Dach für das Vieh, das sich im unteren Stockwerk befindet.

          Schuss in die Mitte der Stirn

          Wie die Angus-Rinder werden nebenan auch kroatische Schweine als Nutztiere gehalten. Dank dieses Systems wird der Mist der Pferde, Rinder und Schweine ohne Energieaufwand – beispielsweise einer Pumpe – gesammelt und als natürlicher Dünger auf die Felder verteilt. Vom Stall aus haben die Tiere freie Sicht auf die Felder und einen dichten Tannenwald. Auf dem Hof leben auch Hühner der Zweinutzungsrasse Sulmtaler. Was bedeutet, dass sie hauptsächlich Eier legen, aber vielleicht auch mal als Suppenhuhn enden. Mit zwei Jahren haben die jungen Rinder das Alter erreicht, in dem sie ihr Leben als Nutztier beenden. Auf der Weide, unter all ihren Artgenossen, führt Nils Müller in Begleitung eines Metzgers eine Weideschlachtung durch. Vom Schießstand aus, der sich direkt neben der Weide befindet, tötet Nils Müller eines der Tiere mit einem Schuss in die Mitte der Stirn. Vor diesem Akt gibt der auch als Jäger tätige Biobauer einen Probeschuss auf eine kleine Zielscheibe ab. Ohne Stress und Aufregung für das Tier und alle rundherum fällt das Rind zu Boden. Innerhalb von 90 Sekunden wird es kopfüber aufgehängt und mit einem Schnitt durch die Kehle ausgeblutet.

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