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Veröffentlicht: 05.05.2017, 14:03 Uhr

Auswandern Angst vor den fliegenden Teufeln

Häuser, Tiere, eigenes Ackerland: Ein Mann aus Venezuela hat einst armen Menschen im Breisgau das Paradies versprochen. Daran erinnert ein Verein.

von Elena Kost, Gymnasium, Kenzingen
© Philip Waechter

He, do wachst d’ Butter an dr Beim!“, zitiert Bernd Meyer begeistert die Vorfahren von Lucia Schmuck-Bergmann und Ralf Muttach. Diese nicken zustimmend, denn die handballgroßen, cremigen Avocados, von denen die Rede ist, sind eines der vielen Dinge, die die beiden an ihrer Heimat vermissen. „Aber auf jeden Fall auch das Wetter! So kalt wie zur Winterzeit in Deutschland wird es in Venezuela nie.“ Lucia und Ralf stammen aus der Colonia Tovar, einer Siedlung an der Küstenkordillere Venezuelas, 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Caracas. Die äquatornahe Lage 1800 Meter über dem Meeresspiegel und das milde Klima bieten ideale Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Meyer, Vorsitzender des „Freundeskreises Tovar“, beschreibt die Bewohner der Colonia Tovar als gastfreundlich. „Wir Tovarer sind fröhliche Menschen. Eigentlich immer gut gelaunt“, bestätigt die 28-Jährige Lucia.

Der Kartierer sollte im Ausland Siedler finden

Trotzdem haben sie und Muttach vor dreieinhalb Jahren ihre Heimat verlassen und in Deutschland einen Neuanfang gewagt. Warum es sie in die badische Kleinstadt Endingen am Kaiserstuhl zog, hat mit der Gründungsgeschichte der Colonia Tovar zu tun. Der Endinger Bernd Meyer ist ein Fachmann auf diesem Gebiet. Im Rathaus der Stadt, im Tovar-Museumsstüble, erklärt er Besuchern anhand von Schautafeln, dass im Sommer des Jahres 1842 zwei Männer im Endinger Gasthaus Pfauen Quartier bezogen. Einer der beiden, ein venezolanischer Kartierer und Lithograph namens Salvador Codazzi, war von der Regierung beauftragt worden, im Ausland um Siedler für die unbevölkerten Gebiete des südamerikanischen Staates zu werben. Er reiste in Begleitung des Endingers Alexander Benitz, den Codazzi in Paris kennengelernt und der ihn auf die Idee gebracht hatte, den Menschen im Breisgau die Auswanderung nach Venezuela schmackhaft zu machen. „Codazzi hat ihnen das Paradies versprochen. Häuser, Tiere und eigenes, fruchtbares Ackerland“, erzählt Meyer.

Missernten und Hungersnot

Die meisten Menschen in Baden litten damals unter den Folgen mehrerer Missernten. Von Hungersnot und Armut geplagt, sahen sie eine Chance auf ein besseres Leben. So fuhren 375 Siedler, die meisten aus dem Breisgau und dem Kaiserstuhl, Mitte Dezember 1842 auf selbstgezimmerten Holzkähnen nach Le Havre, von wo aus sie die Reise nach Venezuela antraten. Ihre Atlantiküberquerung war von einem wochenlangen Kampf gegen Hunger und Krankheiten geprägt. „Bei ihrer Ankunft am 8. April 1843 wurden sie allerdings bitter enttäuscht. Von einem Paradies war dort nichts zu sehen, stattdessen standen die armen Leute vor einer kahlen, brandgerodeten Fläche, mitten im Urwald“, berichtet Meyer. Mühevoll bauten sie eine Siedlung und machten das Land nutzbar. Bis heute werden sie darum von den Einheimischen aus Bewunderung für ihre Leistungen als harte Arbeiter bezeichnet. Durch den Urwald abgetrennt von jeglicher Zivilisation, entwickelte sich die Colonia Tovar über lange Zeit hinweg völlig autark.

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