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Afrikahilfe : Hilfe für Hoffnungslose und eine Liebesgeschichte

  • -Aktualisiert am

Eine junge Schwäbin hat in Tansania ein Dorf für vernachlässigte Kinder gebaut. Ein gewaltiger Kraftakt. Denn es ziehen laufend neue, notleidende Kinder ein.

          Milap hatte Knochentuberkulose und war stark untergewichtig. Bei seiner Einlieferung wog der 12-Jährige nur 15 Kilogramm, war bettlägerig, appetitlos und hatte starke Schmerzen. Nach einem fünfmonatigen Aufenthalt im Pflegeheim Human Dreams India in Neu-Delhi konnte man deutliche Besserungen sehen. Milap hatte keine Schmerzen mehr, 2,5 Kilogramm zugenommen und konnte mit einem Walker laufen. Das Kinderpflegeheim wurde 2011 auf Initiative des Vereins Human Dreams eröffnet. Treibende Kraft ist die Schwäbisch Gmünderin Nicole Mtawa, die den Verein mit Freunden gründete. Fasziniert davon, wie durch die intensive Betreuung Kinder wieder zum Leben erwachen, verspürte sie den Drang, mehr Kindern mit ähnlichen Schicksalen zu helfen.

          Mit einheimischen Fachkräften

          Im ostafrikanischen Tansania wurde daraufhin 2013 ein Grundstück in Dar es Salam für den Bau eines Kinderdorfes für 30 schwerkranke und mehrfach behinderte Waisenkinder gekauft. Das Dorf besteht unter anderem aus fünf Häusern für je sechs Kinder und hat ein Rehabilitationszentrum. Im Juli vor zwei Jahren konnte das erste Kind einziehen. Seitdem kommen laufend neue Kinder dazu. In den jeweiligen Heimen arbeiten einheimische Fachkräfte wie Kinderpflegerinnen, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten sowie ehrenamtliche Deutsche, die in einem sozialen Beruf arbeiten und ein Jahr lang eine Auszeit nehmen. Kürzlich wurde eine Milchkuhzucht eröffnet. Die Einnahmen kommen dem Dorf zugute, um Gehälter, Essen, Arztbesuche, Medikamente und Ausrüstungen für die Kinder bezahlen zu können.

          In lebensbedrohlichem Zustand

          Die Projekte von Nicole Mtawa werden zum Großteil durch private Spender, Firmen und Fördermitgliedschaften finanziert. Die Verwaltungskosten in Deutschland werden von den Gründungsmitgliedern getragen, so dass alle Spenden zu 100 Prozent in die Projekte fließen. Die Plätze in den Kinderpflegeheimen sind Kindern vorbehalten, die aufgrund von Krankheiten oder Behinderungen voll pflegebedürftig sind, aus finanziell schwachen Familien, überfüllten Heimen oder von der Straße kommen. Für Nicole Mtawa ist die Auswahl, wer aufgenommen wird und ein Zuhause und eine Perspektive bekommt, eine der schwierigsten Aufgaben. Die Kinder, die aufgenommen werden, befinden sich in der Regel in einem lebensbedrohlichen Zustand.

          Berührt vom Schicksal des Mädchens

          Die Idee zu ihrem sozialen Engagement entstand, als Nicole Mtawa während ihres Textil- und Bekleidungstechnikstudiums in Albstadt längere Auslandsaufenthalte in Australien, Indien und Tansania absolvierte. Dort traf sie auf Menschen, deren Schicksale sie berührte. Allen voran ein neunjähriges Mädchen mit einem Gehirntumor. Nicole Mtawa begleitete dieses Mädchen und ihre Mutter zu Arztterminen. Trotz dieser Hilfe verstarb das Kind. Nicole Mtawa ist sich sicher, dass dieses Ereignis die Weiche für ihr weiteres Leben gestellt hat. „Fortan wollte ich mein Leben ganz und gar den notleidenden Menschen widmen.“ Es gab ein weiteres Ereignis, das ihr Leben ebenfalls komplett verändert hat. Im Frühjahr 2005 lernte sie in Dar es Salam den Straßenjungen Juma kennen. Sie war beeindruckt von ihm, da er ihr ehrlich gestand, ein Dieb zu sein. Juma litt an Tuberkulose. Nicole Mtawa half Juma mit einer Therapie. Juma war seit seinem siebten Lebensjahr gezwungen, auf der Straße zu leben. „Einmal habe ich sogar schon eine Flasche auf den Boden zerschlagen und die Glasscherben geschluckt, um mich umzubringen. Aber es hat nicht funktioniert“, erzählt Juma. Diese Verzweiflung war Ursache dafür, dass er drogenabhängig wurde. Obwohl Nicole Mtawa nie heiraten wollte, verliebte sie sich in Juma. Sie musste aber nach Deutschland zurück, um Geld für ihr Vorhaben zu verdienen.

          Aus Liebe zu Juma

          Dort startete sie ein Experiment. Sie wollte nachempfinden, wie es ist, auf der Straße zu leben. So wohnte sie zwei Monate in ihrem Mini-Cooper. Sie musste sich stark einschränken, konnte beispielsweise im Schlaf nie die Beine ausstrecken und musste wie die Straßenjungen nach einem ungestörten Platz und Duschmöglichkeiten suchen. Nicole Mtawa tat dies auch aus Liebe zu Juma, um ihm nahe zu sein und ihre Sehnsucht nach ihm zu stillen. Als sie genug Geld beisammenhatte, machte sie sich auf den Weg nach Afrika. Juma und Nicole heirateten gegen den Willen ihrer Eltern. Später wurde Juma aber von der Familie herzlich aufgenommen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann unterstützt Nicole Mtawa heute in ihrer neuen Heimat Tansania notleidende Kinder. Mittlerweile sind sie eine glückliche Familie. Tochter Julie ist vier Jahre alt.

          „Weiße Haut bedeutet reich sein“

          Als Weiße in Tansania wird man laut Nicole voll und ganz akzeptiert. „Mir fällt es nicht mehr auf, ob ich neugierig oder interessiert angeschaut werde, aber dennoch fallen die Reaktionen auf mich natürlich anders aus. Ich denke oft zu meinem Vorteil, weil man sehr nett und gastfreundlich zu den Ausländern sein möchte.“ Sie erklärt, dass viele Einheimische sich freuen, wenn sie mit einer Weißen befreundet sind. „Klar muss man auch aufpassen, dass man sich nicht ausnutzen lässt oder Betrüger sich als Freunde ausgeben, denn weiße Haut bedeutet reich zu sein. Egal, ob Student, Geschäftsmann oder Alkoholiker, solche Unterschiede werden meist nicht wahrgenommen.“

          Zwei Bücher über ihr Leben

          Da die Deutsche die Sprache schnell erlernt hat, wurde sie gleich integriert. „In Bezug auf die Sonne wünschte ich mir die Farbe der Einheimischen, in Bezug auf Gastfreundschaft und Aufmerksamkeit, die einem entgegengebracht werden, bin ich gerne weiß in Tansania.“ Eine weiße Frau hat eine deutlich bessere Stellung in Afrika, da die einheimischen Frauen Unterdrückung und sexuelle Belästigungen ertragen müssen. Auf Wunsch von Juma schrieb Nicole Mtawa zwei Bücher über ihr Leben. Juma wollte, dass die Menschen mehr über das harte Dasein von Straßenkindern erfahren. Die Bücher sind unter den Titeln „Sternendiebe“ und „Sonnenkinder“ im Knaur Verlag erschienen.

          Quelle: F.A.Z.

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