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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Abi-Feiern in Norwegen Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

 ·  In Norwegen feiern sich die Abiturienten schon vor der Prüfung und fahren in Latzhosen und roten Kleinbussen nach Oslo. Viele planen die Fahrt in die Hauptstadt jahrelang - und geben dafür ein kleines Vermögen aus.

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© Sebastian Balzter Vor dem Abi geht’s ab: Ihren VW-Bus nutzen Rikke Vergeland (links), Olivia Granaas Thon (Mitte) und Lena Marie Stalsberg als Party-Zentrale

Mit dem Frühling sind die Latzhosen nach Oslo gekommen. Rikke Vergedal trägt ihr Exemplar seit dem 23. April ununterbrochen. Auf dem knallroten Stoff haben sich Freundinnen, Klassenkameraden und Verehrer der Schülerin aus der norwegischen Kleinstadt Larvik, 140 Kilometer südlich von Oslo, mit Filzstiften verewigt. Auf das rechte Hosenbein ist eine Tasche mit Sichtfenster genäht. Darin steckt ein kreditkartengroßer Ausweis, der Vergedal als Abiturientin der Thor-Heyerdahl-Schule ihrer Heimatstadt identifiziert und ihr damit nach den Gepflogenheiten in Norwegen einen wochenlangen Ausnahmezustand beschert.

Wer sich an die inzwischen auf vielen Internetseiten aufgeschriebenen Gesetze dieser Phase hält, zieht seine Latzhose eben weder tags noch nachts aus. „Richtig angenehm ist das nach fast vier Wochen nicht mehr“, gibt Rikke Vergedal zu. Sie sitzt auf der Ladefläche eines rot lackierten VW-Busses, den sie und ihre beiden Mitschülerinnen Olivia Granaas Thon und Lena Marie Stalsberg als Partymobil mit Schlafsäcken, Chips und Ketchupflaschen umfunktioniert und auf einem Parkplatz in Oslo abgestellt haben, und zeigt auf die vielen Flecken auf ihrer Hose. Leicht angeekelt verzieht sie dazu das Gesicht. Am ersten Tag der Festwochen galt es, einen halben Liter Bier in einem Zug zu trinken. Was übrig blieb, wurde ihr von den Mitschülern über den Kopf geschüttet. „Und danach haben wir jedes Wochenende gefeiert. Jetzt bin ich müde. Aber den Endspurt schaffe ich auch noch!“

Latzhosen und rote Kombis

Der Endspurt, das waren die Tage bis zum 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, an dem der Feierwille der „russ“ kulminiert. So heißen - für Ein- und Mehrzahl, weiblich und männlich gleich - die Schüler der Abschlussklassen der weiterführenden Schulen in Norwegen. Das Wort nimmt die letzte Silbe der lateinischen Verbform „decorniturus“ auf. So wurden einst die Erstsemester an der Universität in Kopenhagen genannt, als zu deren Einzugsgebiet noch ganz Norwegen gehörte. Übersetzen lässt sich der Ausdruck mit „Ein zu Enthörnender“. Aber davon haben Rikke Vergedal und ihre beiden Freundinnen noch nie etwas gehört. Sie sind wie Tausende andere Abiturienten aus allen Teilen des Landes in ihren Latzhosen und roten Kombis oder Kleinbussen zum Feiern nach Oslo gekommen, nicht zum Vokabelnlernen. Dabei haben sie ihre Abschlussprüfungen noch vor sich: Die Examenswoche beginnt erst am kommenden Montag.

Zum Kuriosum machen die norwegische Feierkultur nicht die Latzhosen, auch nicht die vielen roten Kleintransporter, erst recht nicht die vielen zu leerenden Bierdosen. Einzigartig dürfte vielmehr der Termin sein, der allen Erwartungen widerspricht. „Die Feierlichkeiten haben sich auf die falsche Seite der Prüfungen verschoben“, beschreibt Harald Jarning von der Hochschule in Oslo das Phänomen.

Fest verankerte Tradition

Noch Anfang der siebziger Jahre sei das ganz anders gewesen, berichtet der Pädagogik-Professor. Damals sei erst nach der schriftlichen Prüfung gefeiert worden - nicht vier Wochen, sondern 24 Stunden lang. „Mit der Bildungsexpansion, als die Hochschulen für große Teile der Bevölkerung zugänglich wurden, ist der Termin nach vorne gerückt.“

Inzwischen sei daraus eine derart fest verankerte Tradition geworden, dass alle Debatten darüber im Sande verlaufen seien. Zuletzt hat 2010 eine Kommission der staatlichen Schulbehörde festgestellt, dass es für eine Reform weder eine politische noch eine gesellschaftliche Mehrheit gebe. „Die Feiern sind die Privatangelegenheit volljähriger Schüler“, heißt es in dem Bericht. „Es ist schwer vorstellbar, dass das Bildungsministerium sie regulieren könnte.“ Für die Lehrer sei die Situation jedoch durchaus problematisch, wendet Jarning ein. Sie unterrichteten den Prüfungsstoff inzwischen schon vor den Feierwochen, weil später die Konzentration stark nachlasse. Denn längst nicht alle „russ“ beschränken sich auf die Wochenenden.

Um Status geht es natürlich auch

“Wir haben schon vor drei Jahren mit den Planungen angefangen“, sagt Didrik Gjertsen. Auch er trägt Latzhosen in diesen Tagen, aber seine sind blau - es ist die Farbe der Schüler mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt, die sich so vom Rot der allgemeinbildenden Schulen unterscheiden. Zu Hause ist Gjertsen im wohlhabenden Osloer Westen, wo viele Schüler ihre Abschlussfeiern generalstabsmäßig vorbereiten und dafür auch viel Geld ausgeben. Ein umlackierter Kombi kam für Gjertsen und die 27 Freunde, mit denen er sich zu diesem Zweck zusammengefunden hat, nicht in Frage. „Unser Budget liegt bei rund 35.000 Kronen je Person, ohne Getränke“, überschlägt er. Umgerechnet sind das fast 4500 Euro, insgesamt also gut 120.000 Euro.

Dafür haben sie einen alten Reisebus gekauft, ihn mit Kunstleder-Sofas, einer Bar und einer High-End-Musikanlage ausgestattet. Auf dem Dach sind Scheinwerfer montiert, zwei Generatoren erzeugen den Strom für das technische Gerät. Und weil sich Gjertsen und seine Mitschüler auf das Motto „Gotham City“ geeinigt haben, prangen sowohl außen als auch auf den Innenwänden des Gefährts die Konterfeis von Helden aus dem Reich der Comicfigur „Batman“. Der Bus sei jede Nacht unterwegs, versichert Gjertsen, von 23 Uhr bis zum ersten Gong in der Schule. „Dort schlafen wir dann.“ Der Spaß und das Gemeinschaftsgefühl seien die Hauptsache, sagt er. Aber um den Status geht es natürlich auch: Mit 35 anderen Schülergruppen hat das Team „Gotham City“ am vergangenen Wochenende beim größten norwegischen Abituriententreffen am Stadtrand von Oslo um den Titel „Bus des Jahres“ konkurriert. Die Freude über den zweiten Platz war begrenzt.

Neben dem alljährlich wiederkehrenden Alkoholexzess und den Auswirkungen auf die Prüfungen sind die finanziellen Anforderungen der dritte Kritikpunkt besorgter Eltern und Lehrer. Die Regeln für den Verkauf von Kleidern und Accessoires auf dem Schulgelände sind vor kurzem verschärft worden. Ein gutes Geschäft machen die kommerziellen Anbieter immer noch. Verbraucherschützer warnen nun besonders vor Kreditangeboten, die sich speziell an „russ“ wenden. Nach einer Umfrage liegen die Abiturientinnen aus Larvik, die das mit Ferien- und Wochenend-Jobs erwirtschaftete Budget für den Kauf und Umbau ihres VW-Busses mit 500 Euro je Kopf beziffern, im Landesdurchschnitt. Die jungen Männer aus dem Osloer Westen dagegen gehören in die Spitzengruppe. So deutlich sie sich bei den Ausgaben für das vorgezogene Vergnügen unterscheiden - seit Freitag gelten für alle norwegischen Abiturienten wieder dieselben Voraussetzungen: Sie dürfen ihre Latzhosen ausziehen. Und an ihre Prüfungen denken.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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