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Jüdische Flüchtlinge in Schanghai Mit dem Adler und mit dem J

21.02.2008 ·  Zeugen von Tränen und Blut: Thomas Dorn stieß in Schanghai auf Pässe geflohener deutscher Juden. Einen Besitzer hat er gefunden. Der gebürtige Berliner Peter Nash lebt heute in Sydney - er hat den Holocaust dank der Flucht seiner Eltern überlebt.

Von Frank Hollmann, Schanghai
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„Was haben wir für ein Schwein gehabt!“ Tränen liefen über Peter Nashs Wangen, die Hände des Australiers zitterten. Den Pass seiner einst aus Deutschland vertriebenen Eltern, den er gerade überreicht bekam, musste Nash erst mal beiseite legen, zu sehr bewegte ihn dieser Moment. Ein einziger Buchstabe in dem Pass steht für das Schicksal von Millionen und eben das Schicksal seiner eigenen Familie: J.

Mit 18 weiteren Pässen jüdischer Flüchtlinge wurde das Dokument erst vor wenigen Wochen in Schanghai entdeckt, es ist bislang der größte derartige Fund. Nur noch ein paar Dutzend solcher Pässe dürften irgendwo verborgen sein. Die ostchinesische Metropole war 1938 zum letzten Rettungshafen für etwa 18.000 Juden geworden, denn hier gab es weder Visumspflicht noch Aufnahmequoten.

Wer das Geld für die Überfahrt zusammenbekam, konnte sich vor dem Holocaust nach Schanghai retten. „Klein Wien“ und „Klein Berlin“ nannten die Entkommenen die engen Gassen rund um die Ohel-Moishe-Synagoge im Stadtteil Hongkou. Die Synagoge wurde erst im vergangenen Jahr nach aufwendiger Restaurierung wiedereröffnet. Eine Dauerausstellung dokumentiert das jüdische Leben während des Zweiten Weltkriegs.

„Mir lief ein Schauer über den Rücken“

Auch Peter Nash, geboren 1935 in Berlin als Peter Nachemstein, war geflüchtet. Die Familie rettete sich nach der Reichspogromnacht auf einem Schiff des Norddeutschen Lloyds nach China. Die Überfahrt von Genua über den Suezkanal, Colombo und Hongkong nach Schanghai erlebten die Nachemsteins als Passagiere erster Klasse, bedient von deutschen Stewards, in der Tasche den deutschen Familienpass, in dem auch der kleine Peter eingetragen war. Die meisten anderen Flüchtlinge konnten nicht mehr als ihr Handgepäck retten.

Fast 70 Jahre später zeigte der Schanghaier Antiquitätenhändler Yang Pingmei einem deutschen Stammkunden 19 deutsche Ausweise. Der Industriemanager Thomas Dorn bemerkte schnell, welch historische Dokumente er in Händen hielt: „Allein schon vom Adler auf dem Deckblatt war mir klar, dass die Pässe älter sind. Aber das große eingestempelte J auf der ersten Seite zeigte, auf welche Geschichte wir hier gestoßen waren. Mir lief ein Schauer über den Rücken.“

Die Stempel im Pass dokumentieren eine lange Flucht

Thomas Dorn recherchierte und ging dann auf Reisen. In fünf der Pässe waren Kinder eingetragen. Die suchte der Einundvierzigjährige im Internet. Der erste Name, auf den er stieß, war Peter Nash, wohnhaft in Sydney. Thomas Dorn beschloss, die Stationen der Flucht und die Wohnorte von Peter Nash aufzusuchen, eine Reise in die Vergangenheit von Berlin über Schanghai nach Sydney anzutreten. Nun hatte er den Pass von Peter Nash im Gepäck, leihweise. In Schanghai hatte Dorn dafür eine Kaution hinterlegt: „Ich habe die Chance am Schopf gepackt. Ich wusste von dem Ghetto hier in Schanghai und den Flüchtlingen. Aber die Möglichkeit, mit einem Überlebenden zu sprechen, seine Geschichte zu erfahren, das war für mich die Motivation nachzuforschen.“

Dorn flog nach Berlin und suchte das einstige Wohnhaus der Nachemsteins in Charlottenburg. Durch das Jüdische Museum führte ihn Sonja Mühlberger, auch sie ein Schanghaier Flüchtlingskind. Etwa 400 jüdische Kinder wurden zwischen 1939 und 1949 in diesem Exil geboren. „Solche Funde bedeuten für mich und die übrigen Schanghailander sehr viel, denn sie geben den ehemaligen Flüchtlingen ihre Identität zurück“, sagt Sonja Mühlberger, die noch den Pass ihrer Eltern besitzt. „Durch die Stempel kann man die Wege ihrer Flucht bis nach Schanghai verfolgen. Die Passfotos und die Originalunterschrift sind von einigen vielleicht das Einzige, was geblieben ist.“

Eine Geschichte von Tränen, Blut und Jammer

In Schanghai zog Dorn durch das einstige jüdische Ghetto, das die japanischen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs eingerichtet hatten. Dorn kam 1989 zum ersten Mal nach China, arbeitet seit 2001 in Schanghai und ist Vorstandsmitglied der deutschen Handelskammer. Aber dieses Mal, nach dem Fund der Pässe, sah er seine Wahlheimat mit anderen Augen. Und diese Eindrücke nahm er auch mit nach Sydney.

„Er hat mir eine große Freude gemacht“, erzählt Peter Nash auf Deutsch mit englischem Akzent. In seinem langen Leben hat er sich intensiv mit der Flucht aus Nazi-Deutschland beschäftigt. Er gibt Führungen im Jüdischen Museum von Sydney. Wenn, wie zuletzt vor drei Jahren, mal wieder ein Pass in Schanghai auftaucht, hilft er bei der Vermittlung. Nun wurde ihm geholfen. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten konnte er den Familienausweis einsehen. Er will ihn haben. „Er ist nicht nur ein Teil der jüdischen Geschichte in Schanghai und meiner Familiengeschichte. Ich möchte ihn an meine Kinder und Enkel weitergeben.“

Das kann allerdings noch dauern. Yang, der chinesische Antiquitätenhändler, möchte seinen Fund nur verleihen, etwa für Ausstellungen. Aber vielleicht kann er ihn ja noch umstimmen, hofft Thomas Dorn: „An jedem Dokument hängt eine Geschichte von Tränen, Blut und Jammer. Man sollte nicht versuchen, aus diesen Dokumenten Geld herauszupressen.“

Manager Thomas Dorn stieß in Schanghai auf Pässe
geflohener deutscher Juden und suchte die Besitzer.
Von Frank Hollmann

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