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Judentum Kein alter Hut

Auch strenggläubige Juden sind modebewusst: Die Zeit bleibt nicht stehen, nicht einmal in Itzak Fersters Geschäft in Mea Schearim

© dapd Vergrößern Ein Mann braucht einen Hut: Chassiden in einer Talmudschule in Jerusalem

Itzhak Ferster kann keinen Hut aus der Hand legen, ohne sanft über den schwarzen Filz zu streichen. Die Augen des Mannes mit dem langen grauen Bart und den Schläfenlocken beginnen zu leuchten. „Jeder Hut ist anders. Je weicher der Filz, desto besser ist er“, sagt der 65 Jahre alte Israeli und legt das Exemplar vorsichtig zurück in die Schachtel. Hunderte Hüte stapeln sich in den Regalen des Geschäfts, dessen unscheinbarer Eingang im Jerusalemer Ultraorthodoxen-Viertel Mea Schearim leicht zu übersehen ist. Eine Bettlerin bittet um Almosen, während Frauen im Laden nebenan Lebensmittel einkaufen. Zum Hutgeschäft geht es an Briefkästen vorbei, aus denen die Werbung ragt, ein paar Stufen hinab ins Souterrain.

Nicht nur die frommen Männer der Heiligen Stadt finden trotzdem ihren Weg zu Ferster. Seit vier Generationen ist Itzhak Fersters Familie im Hutgeschäft, erst in Polen, dann in Wiesbaden und seit 1932 in Jerusalem. Neun Geschäfte gibt es mittlerweile in Israel, dazu Filialen im Ausland. Die meisten Hüte aus Hasenfell lässt er heute in seiner Fabrik in Ungarn fertigen. Dann liefert er sie bis nach Amerika. Mehrere tausend sind es im Jahr. „A Mann braucht immer einen Hut“, scherzt Itzhak Ferster in einer eigenwilligen Mischung aus Jiddisch und Deutsch. Das hat bei seinen Kunden auch mit ihrer Religion zu tun: Die meisten gläubigen Juden bedecken immer ihren Kopf. Wenigstens mit einer kleinen Kippa, die Frommen meist auch noch mit einem stattlichen Hut.

Ein Kneitsch kann bis zu 200 Euro kosten

Draußen in den engen Straßen von Mea Schearim wirken die ultraorthodoxen Männer auf den ersten Blick alle gleich, wie ein großer, schwarzer Block. Doch der Eindruck täuscht. Sie achten genau darauf, wie sie sich kleiden und was sie auf dem Kopf tragen. Bis zu 200 Euro kann ein Hut kosten. Besonders gefragt ist der „Kneitsch“ - aus dem Namen hört man noch das deutsche Wort „knautschen“ heraus. Das Oberteil des hohen Hutes ist zu einem Dreieck zusammengedrückt. Er ist Erkennungszeichen der Lubawitscher Chassiden, für die sich in dem Dreieck die drei Anfangsbuchstaben ihrer Gruppe Chabad wiederfinden. Aber sie sind nur eine von vielen Chassiden-Gruppen.

Das klingt kompliziert und ist es auch. Chassidismus wird die Erweckungsbewegung genannt, die unter orthodoxen Juden im 17. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Für Chassiden besteht die Religion nicht nur aus dem Studium von Tora und Talmud. In ihrem Verständnis des Judentums spielen das Herz und das religiöse Gefühl eine genauso wichtige Rolle wie der Kopf. Chassiden dürfen sogar ein Gebet verschieben, wenn sie sich zum vorgeschriebenen Zeitpunkt innerlich nicht dazu bereit fühlen. Dazu kommt meist noch eine enge Bindung an einen Rabbiner und dessen „Hof“.

22108217 © AFP Vergrößern Behütet: Fromme Juden demonstrieren im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim gegen Parkplätze, die am Sabbath geöffnet haben

Einen Eindruck davon, wie viele solcher „Höfe“ und religiösen Strömungen es gibt, vermitteln Fersters Hutregale. Die alteingesessenen Jerusalemer unter seinen Kunden bevorzugen zum Beispiel einen vergleichsweise flachen Hut mit besonders flauschigem Filz. Der „Kneitsch“ ist wiederum auch bei den Litauern beliebter, so nennt man die historischen Gegner der Chassiden, für die das Studium der heiligen Schriften das Allerwichtigste ist. „Sie sind ein bisschen niedriger und haben dafür zwei Oigen“, sagt Itzhak Ferster - und meint damit zwei Einbuchtungen, die an Augen erinnern. Auch Sefarden, aus Nicht-Europa stammende Juden, kaufen gerne diese Hüte.

Nicht nur die Kopfbedeckung, sondern die ganze Kleidung verrät viel. Sie ist ein reicher Code“, erläutert Ester Muchawsky-Schapper. Die in Deutschland geborene Wissenschaftlerin ist oft in den Vierteln der Ultraorthodoxen in Jerusalem unterwegs und kehrt, fasziniert von der Vielfalt, zurück ins Israel-Museum, wo sie als Kuratorin arbeitet. „Die Zeit ist nicht stehengeblieben“, sagt Ester Muchawsky-Schapper, obwohl sich in diesen Stadtteilen viele Besucher eher in ein osteuropäisches Schtetl vor mehreren hundert Jahren zurückversetzt fühlen. Das Israel-Museum zeigt gerade ihre Ausstellung „Eine Welt für sich - nebenan“, die versucht, die Tür zur sonst schwer zugänglichen Welt der frommen Chassiden einen Spalt breit zu öffnen.

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