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Josef Marias Mann, das unbekannte Wesen

An der Krippe steht er im Hintergrund, zu Wort kommt er nie. Wer also ist dieser Josef? Eine Spurensuche in sieben Kapiteln.

© Jan Bazing

Kapitel 1

Es ist ein Elend mit diesem Josef.

Julia Schaaf Folgen:

Da machen die Eltern eine Reise in die Großstadt und nehmen zum ersten Mal ihren Jungen mit, immerhin ist der jetzt zwölf. Plötzlich ist der Sohn verschwunden. Einfach weg. Die Eltern suchen ihn. Drei Tage, drei Nächte, man mag sich kaum ausmalen, wie ihnen zumute sein muss: Das hat man ja oft genug gelesen, wie gerade die Ungewissheit, diese Mischung aus Hoffnung und Horror die Eltern vermisster Kinder an den Rand des Wahnsinns treibt.

Als die verzweifelten Eltern ihren Sohn schließlich wiederfinden, im Tempel in angeregte Gespräche verwickelt, bricht es aus der Mutter heraus: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“

Der Vater sagt, wie immer, wenn es darauf ankommt: nichts. Woraufhin der Sohn, typisch Vorpubertät, nichts Besseres zu tun hat, als dem Papa Salz in die Wunde seines Lebens zu reiben. Er erinnert ihn daran, dass er gar nicht sein richtiger Vater sei.

Anschließend ist es der Vater, der sich gewissermaßen in Luft auflöst. Er verpasst die Jugend seines Ziehsohnes, dessen Berufseinstieg, eine steile Karriere. Wir wissen nicht einmal, wie er auf den viel zu frühen Tod seines Jungen reagiert. Nach der Geschichte im Tempel von Jerusalem erwähnt ihn die Bibel mit keinem Wort. Und schon vorher hat Josef keine prominente Rolle.

Kapitel 2

Spurensuche in einer beliebigen von Hunderten Sankt-Josefs-Pfarreien in Deutschland. Berlin-Weißensee, eine mächtige Backsteinkirche, deren Bänke auch an einem verschneiten Adventssonntag gut gefüllt sind. Das zentrale Fenster über der Apsis, das einen braungelockten Josef mit Lilie zeigt, hat als einziges den Zweiten Weltkrieg überstanden. Wer ist dieser Mann? Was weiß man über Josef?

“Er ist der Begleiter Marias, der natürlich eine unheimliche Toleranz bewiesen hat“, sagt eine hübsche Blonde. „Das war ein tougher Typ“, sagt der Pfarrer, der die hölzerne Statue des Namenspatrons jedes Jahr zum Josefstag am 19. März aus dem Seitenschiff in den Altarraum schleppt: „Er war kein Mensch der vielen Worte, der erst eine Planungskonferenz einberufen musste. Er hat angepackt und gemacht. Und er hat traumhaft genau das Richtige getan.“

Die männlichen Gemeindemitglieder indessen sind keine große Hilfe. „Da bin ich überfragt“, sagen sie, ganz gleich, ob sie Mitte siebzig sind oder Jeans und Kapuzenjacke tragen. Ein Kfz-Meister, Vater von drei Kindern, erklärt, warum das bei einer normalen katholischen Sozialisation auch gar nicht anders sein könne: „Man hat zu wenig Kontakt mit Josef. In den Kirchen ist er ’ne Randfigur.“

Alle Jahre wieder an Weihnachten wird das besonders deutlich. Klar steht Josef irgendwie im Stall mit seiner Frau und dem Neugeborenen. Aber selbst wenn Papa gelegentlich die Laterne halten darf: Die anderen Figuren des Krippengeschehens sind wichtiger als er. Die Hirten mit ihren Schafen bezeugen allerfrüheste Anbetung, die drei Weisen haben eine mühevolle Reise auf sich genommen, um Geschenke zu bringen. Das Kind ist König. Die Frau ist die Mutter Gottes. Und weil Ochs und Esel schon beim Propheten Jesaja Erwähnung fanden, steht selbst das Vieh mitunter näher bei der Krippe als dieser Mann, der Vater sein soll, ohne das Baby gezeugt zu haben. Nicht einmal in der Lage war er, für die Niederkunft seiner schwangeren Frau eine ordentliche Herberge zu organisieren.

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