26.11.2003 · Kopf hoch, Schultern gerade: In Zukunft gibt es Jil Sander und "Jil Sander". Die Modeschöpferin verabschiedet sich in Mailand.
Von Alfons KaiserAm Ende musste Jil Sander ihre Anhängerinnen trösten. Die Schau war vorüber, hinter der Bühne brach Jubel los wie selten, die Modeschöpferin verneigte sich kurz, verschwand hinter der weißen Wand, bis die meisten Fotografen gegangen waren, kam dann wieder nach vorn, um den Moderedakteurinnen aus aller Welt noch einen letzten Blick und einen letzten Kuss zu gönnen. Während manche getreue Weggefährtin zum Taschentuch griff, stand sie lächelnd da, munterte auf, verlor freundliche Worte, tappte einer der Amerikanerinnen vorsichtig auf die Schulter: "Up!"
Die Tränen kamen nicht von ungefähr. Mit der Kollektion, die sie am Donnerstag im Showroom gegenüber dem Castello in Mailand zeigte, hört Jil Sander auf. Vorläufig zumindest. Vor einem Jahr noch hätte man sich kaum vorstellen können, dass die wichtigste deutsche Modeschöpferin nicht mehr hinter ihrem weltbekannten Markennamen steht. In Zukunft wird es Jil Sander geben und "Jil Sander". Jil Sander bleibt bei sich, "Jil Sander" ist schon Teil eines Modeimperiums. Im vergangenen Sommer hatte Sander 75 Prozent der Stammaktien und 15 Prozent der Vorzugsaktien an Patrizio Bertelli verkauft, den Ehemann der einflussreichen Modeschöpferin Miuccia Prada und Leiter der Prada-Gruppe - wohl in der Hoffnung, die Marke könne schneller wachsen unter dem Dach eines reichen Hauses. Dann trat zur geschäftlichen Verbindung die persönliche Auseinandersetzung, und seit Januar wusste man, dass Jil Sander am Donnerstag auf den Modenschauen für den Herbst und Winter zum letzten Mal "Jil-Sander"-Mode zeigen würde. Natürlich in Mailand. Ausgerechnet Mailand!
Gedrückte Stimmung
Die Stimmung vor der Schau war gedrückt. Kaum 200 Besucher verloren sich bei den zwei Präsentationen in den neuen Showroom, der mit der Abschiedsschau eröffnet wurde. Die blonden Damen von Jil Sander versuchten verzweifelt, gute Stimmung zu verbreiten, und im Pressetext hieß es in schöner Doppeldeutigkeit über die Kollektion: "Kopf hoch, Schultern gerade, Blick nach vorn." Nach vorn blickten aber auch die Nachfolge-Gerüchte, die durch den Saal schwirrten. Bertelli umwerbe Hedi Slimane, der angeblich als Designer der Herrenlinie von Yves Saint Laurent aufhört - was immerhin glaubwürdig klingt, da dort nun Gucci-Designer Tom Ford "creative director" ist und keine Götter neben sich dulden wird. Auch sagt man, ein Abgesandter Bertellis habe sich mit dem britischen Designer Hussein Chalayan getroffen. Der Name des aus Belgien stammenden Hermes-Designers Martin Margiela wird genannt. Und, nicht zuletzt: Bertelli und Sander würden sich schon wieder einig werden, und dann gehe es weiter. Aber das ist wohl unwahrscheinlich.
Jil Sander wird sich, so muss man vermuten (denn sie äußert sich nicht), wohl kaum aus der Mode zurückziehen. Soll sie ganz in Gartengestaltung und Landschaftsarchitektur aufgehen? In der Holsteinischen Schweiz Hortensien züchten und Clematis beim Wachsen zuschauen? Den lieben langen Tag übers Wasser auf das Plöner Schloss hinüberblicken? Das sind schöne Beschäftigungen, aber die Natur war für Jil Sander bisher mehr Inspiration für die Arbeit als Abschied von ihr. Es würde auch lebensgeschichtlich nicht zu der nun 56 Jahre alten Heidemarie Jiline Sander passen. Sie stammt aus kleinen Verhältnissen, zog aus Dithmarschen hinaus in die Welt, machte aus der Heidi eine Jil, um die Mode zu erobern. Schon immer hat sie sich gegen Widerstände durchsetzen müssen, scheiterte in Paris, ließ sich in Mailand feiern, machte unverdrossen weiter: Streng mit sich selbst, zuweilen mit den Mitarbeitern, immer mit ihren Entwürfen.
„Etepetistisch“
Die auf einfache Formen reduzierte Mode, meist "minimalistisch", manchmal "etepetistisch" genannt, nahm im Modedesign die Globalisierung vorweg. Beeinflusst durch Amerika, wo sie als junge Frau fast zwei Jahre verbrachte, verbunden über Stoffhersteller und Produktionsstätten mit Italien, inspiriert durch Japan und geschäftlich zu Hause in der Hansestadt Hamburg, hat Jil Sander mit ihrer Mode schon immer große weite Welt verbreitet. Die weltläufige Frau ist auch nicht mehr so recht im Deutschen zu Hause, weil sie mit vielen Mitarbeitern Englisch sprechen muss - das verführt zu einem besonders modischen Pidgin-Deutsch. Ohnehin scheint sie sich lieber in der Mode auszudrücken, da man ihre Formensprache auf der ganzen Welt versteht.
Schon in ihrer ersten Kollektion - die letzte sollte das wieder aufnehmen - blieben die Blazer ungefüttert. Was zu viel ist, zu breit, zu ungebärdig, das kommt bei ihr schlicht und einfach weg. Daher vergeht ihre Mode nicht so schnell, zumal die Coordinates immer wieder mit neuen Teilen aufgefrischt werden können. Mit Hosenanzügen und Kostümen von Jil Sander, die man gestern, heute, morgen tragen kann, hat sich die Frau zum zweiten Mal in einem Jahrhundert modisch befreit: Coco Chanel nahm ihr das Korsett, Jil Sander nahm ihr die letzten Versteifungen. Nun dürfen sich Frauen endlich frei bewegen.
Persönliche Geschichte zusammengefasst
Ihre persönliche Modegeschichte hat Jil Sander noch einmal und geradezu mustergültig in ihrer letzten Kollektion zusammengefasst. Die grauen Jacketts hätten keinen weiteren Knopf vertragen: Einer muss reichen. Die knielangen Shorts, fast auf die Weite von Rockhosen geschnitten, geben jede Freiheit. Die mehrlagigen Kleider vertragen zur Abwechslung höchstens einen asymmetrischen Ausschnitt oder große schwarze Punkte auf weißem Grund. Die schwarzen Pullover werden an den Körper und auf Figur gebracht. Die Röcke sind ausgestellt, wippend vor Organza und Lebenslust. Die Ledermäntel, auf der Innenseite mit Kaschmir tragbar gemacht, verlieren ihre Strenge nach außen durch kassettierende Nähte. Alles ist pur und einfach, gefällig und schön, wenn man nur den Kopf hoch hält und die Schultern gerade.
Die Stoffe fein, die Schnitte karg, die Farben blass, die Preise hoch. Ein Blick zurück nach vorn. Es war, als hätte es Jil Sander noch einmal allen zeigen wollen. Kaum zu glauben nach diesem mutmaßlich letzten Auftritt unter eigenem Namen, dass ein junger Designer ihren Namen weiterführt, dass es vielleicht bald eine zweite (Jil?), dritte (Sander?), vierte (JL?) Linie geben wird, vor denen sich Jil Sander immer scheute, weil so etwas die Exklusivität und meistens auch die Qualität verdirbt. Die bittere Ironie der Modegeschichte will, dass globalisiertes Design nun auf das globalisierte Geschäft trifft und ihm nicht widerstehen kann. "Jil Sander" wird zu einer Marke ohne Gesicht, Jil Sander aber wahrt ihr Gesicht. Als ihr am Donnerstag nach der Schau jemand sagte, man hoffe, sie bald wieder zu sehen, antwortete sie: "Das hoffe ich auch." Da sie sich selbst oft im Spiegel sieht, war damit wohl die Mode gemeint.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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