19.09.2005 · Was braucht ein deutscher Politiker, um eine Regierung zu bilden? Natürlich Dreadlocks, Dormagen und Jackson Browne. Seit der Wahl ohne Wahlsieger plagen sich die Machthungrigen mit karibischen Gefühlen: „Jamaica, say you will“!
Wenn Fidel Castro von Kuba nach Süden blickt, sieht er die schöne karibische Insel Jamaika. Seit der Bundestagswahl am Sonntag sind die deutsch-jamaikanischen Beziehungen geradezu innig geworden, denn die Flaggenfarben des Inselstaates sind Schwarz, Gelb und Grün, und das sind in Deutschland die politischen Farben einer möglichen „Schwampel“, einer „Schwarzen Ampel“, einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen. Die heißt seit Sonntag aber immer öfter „Jamaika-Koalition“, und dieser Begriff wird sich duchsetzen, so wahr Gerhard Schröder aus den größten Stimmenverlusten einen Wählerauftrag zum Weiterregieren destilliert.
In der Flagge Jamaikas steht die Farbe Schwarz für die Härten der Vergangenheit und der Gegenwart, was Angela Merkel nach dem Wahlausgang in zuckerrohrsüße Albträume von immerwährendem Sommer auf einer karibischen Insel verfallen lassen könnte. Das Grün symbolisiert in Jamaika die Hoffnung, die sich bei den Grünen in Deutschland vorerst zerschlagen hat, was das „Projekt Rot-grün“ angeht. Grün steht aber auch für die Landwirtschaft, was möglicherweise anregend wirkt wie Jamaika-Rum auf Renate Künast. Das Gelb schließlich steht für die Schönheit Westerwelles, äh, die Schönheit des Sonnenlichts auf Jamaika.
Am 15. September um vier Minuten nach elf Uhr erschien in einer Analyse des Deutschen Depeschendienstes das Wort „Jamaika-Connection“ zum ersten Mal in Zusammenhang mit besagter Konstellation. Der Schöpfer der karibischen Koalitionsbezeichnung zu sein, das will der Autor, Tom Levine, nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen, wohl aber, daß er ihm von allein eingefallen ist. Die Assoziationskette, sagt Levine, war folgende: Schwarz-gelb-grün, die Farbkombination kenne ich irgendwo her - Bob Marley - Reggae - Jamaika! Außerdem sei er in gewisser Weise durch die Umstände inspiriert worden, daß am 15. September eine derartige Konstellation noch undenkbar erschien und die Protagonisten des Reggae eine ausgeprägte Affinität zum grünen Kraut hatten: „Man muß ja völlig benebelt sein, um das für möglich zu halten“, habe er damals gedacht.
Ursprünge in Dormagen
Ihren Ursprung hat die inzwischen von Politikern und Journalisten wie selbstverständlich bemühte Koalitionsbezeichnung allerdings nicht in einer Alberei unter Agenturjournalisten in Berlin, sondern in harten „Koalitionsverhandlungen“ während der Bürgermeisterwahl im nordrhein-westfälischen Dormagen im vergangenen Jahr. Da hatten der CDU, FDP und Grüne die Stimmen ihrer Wähler nutzen wollen, um dem damaligen CDU-Bürgermeister, Reinhard Hausschild, in zweiten Wahlgang der Direktwahl zu einer zweiten Amtsszeit zu verhelfen. „Die Jamaika-Koalition ist die einzig stabile Koalition“, hatte er während einer Wahlrede gesagt. Jedoch, Heinz Hilgers wurde zum Bürgermeister gewählt, und die FDP verließ das Jamaika-Bündnis. Der Erfinder des Begriffs, sagt Hauschild, sei der damalige Franktionsvorsitzenden Wilhelm-Josef Wimmer gewesen.
„Positiv besetzt“, sagt 44 Jahre alte Rechtsanwalt, sei der Begriff. Jamaika sei ein attraktives Urlaubsziel. Er sei jedoch noch nie dort gewesen - was er mit der Vorsitzenden der Grünen, Claudia Roth gemein hat, die sich als leidenschaftliche Anhängerin der Reggae-Musik offenbarte, deren wohl bekanntester Interpret der Jamaikaner Bob Marley ist. „Ich war noch nicht in Jamaika, aber ich bin alter Reggae-Fan. Und das hat herzlich wenig mit der Leitkultur von Herrn Stoiber zu tun“, sagte sie der Deutschen Presseagentur. In Amerika hätte sie derzeit in jedem Fall viele Freunde, denn dort erlebt der Reggae eine Renaisance, und einer der neuen Stars ist der jüngste Sohn Bob Marleys, Damian. Was sie an dieser Musik wohl besonders liebt? Die dominanten Baß-Riffs, die ein Kennzeichen der Musikrichtung sind - einer Mischung aus New Orleans Rythm & Blues und Folk-Pop von den westindischen Inseln (Calypso)? Oder vielleicht die Texte vieler Reggae-Musiker, über die es in einem Musiklexikon heißt, sie enthielten „schwelgerische Hinweise auf Erlösungshoffnungen“, wenn auch nur solche der Rastafari, die den verstorbenen äthiopischen Despoten Haile Selassie als Heilstifter verehren?
Bermuda-Dreieck für die Grünen?
Und während dem Außenminister Joschka Fischer schon zukünftige Kabinettsmitglieder mit schulterlangen verfilzten Haaren (Dreadlocks) und mit „einer Tüte in der Hand“ vor dem geistigen Auge erscheinen, sieht sein Parteifreund Hans-Christian Ströbele in einer „Jamaika-Koalition“ gar „das Bermuda-Dreieck für die Grünen, in dem sie schnell untergehen würden“.
Mal angenommen, es käme zu Verhandlungen über eine „Jamaika-Koalition“, dann sollten die beteiligten Politiker sie vielleicht auf dieser Karibik-Insel führen, während wir Wähler im deutschen Herbst auf ihre lichtdurchfluteten Entscheidungen warten. Es gibt in Jamaika viele hübsche am Meer gelegene Städte, mit Namen, wie sie für Koalitionsverhandlungen nicht beziehungsreicher sein könnten, etwa Black River, Discovery Bay, Rocky Point und Alligator Pond.
„Jamaica, say you will“
Jamaika ist nach dem „World Fact Book“ des amerikanischen Geheimdienstes CIA 10,991 Quadratkilometer groß, hat 2.731.832 Einwohner, das Klima ist tropisch, die höchste Erhebung ist der Blue Mountain Peak mit 2256 Metern. Die Bevölkerung ist zu neunzig Prozent schwarz - von Hautfarbe, nicht von politischer Vorliebe. Sie erwirtschaftet ein Bruttosozialprodukt von etwas mehr als elf Milliarden Dollar. Beim Wirtschaftswachstum lag Jamaika im vergangenen Jahr mit 1,9 Prozent ein gutes Stück vor dem damals noch rot-grünen Deutschland.
Damit sich das nicht wiederholt, so hoffen jetzt einige in der Union, soll „Jamaika“ es machen. Es ist, als hätte der amerikanische Liebermacher Jackson Browne sein flehendes „Jamaica, say you will“ von seinem Debutalbum aus dem Jahr 1972 nur für den Tag nach der Bundestagswahl geschieben. Er besingt die Tochter eines Kapitäns in schwerer See in einem Lied, das voll Schmerz und doch voll zaghafter Hoffnung ist, mit einer klaren Aussage am Schluß: „Help me find a way to fill these sails and we will sail until our waters have run dry.“
Albträume
Martin Feuerhahn (mfeuerhahn)
- 20.09.2005, 12:10 Uhr