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Jade Goody und Craig Ewert Individuell bis in den Tod

 ·  Sie entstammten unterschiedlichen Milieus, doch ihr Ende bewirkt einen gemeinsamen Effekt: Das öffentliche Sterben des TV-Sternchens Jade Goody und des Wissenschaftlers Craig Ewert steht für ein neues Verhältnis der Briten zum Tod.

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Professor Craig Ewert und Jade Goody haben ihr Leben in den entgegengesetzten Milieus der weit gespreizten britischen Gesellschaft gelebt, haben durch ihren Tod aber einen gemeinsamen, gesellschaftsändernden Effekt hinterlassen. Beide, der todkranke Wissenschaftler aus Yorkshire wie der krebskranke, skandalträchtige Fernsehstar aus der Südlondoner Vorstadt, wollten die Öffentlichkeit an ihrem Sterben teilhaben lassen, wenn auch aus individuell verschiedenen Motiven. Ewert beging im September 2006 mit Hilfe seiner Frau in der Schweiz Suizid und ließ seinen Tod für einen privaten Fernsehkanal dokumentieren. Damit wollte er die Debatte über den Anspruch Todkranker befeuern, den Zeitpunkt ihres Endes selbst bestimmen zu dürfen.

Bei Jade Goody hingegen stellten Kameras ohnehin konstante Begleiter ihres Erwachsenenlebens dar. Nach einer siebenjährigen Wanderung durch fast sämtliche Sendeformate des „Reality“-Fernsehens hätte es inkonsequent gewirkt, sich zum Sterben ins Private zurückzuziehen. Stattdessen machte Goody ihren Gebärmutterhalskrebs zur Neuigkeit und gab als verstärkendes Motiv an, die Fernseh-Honorare sollten die materielle Zukunft ihrer Söhne sichern.

Seit Diana herrscht die Lust am Trauern

Die beiden vier und fünf Jahre alten Jungen wurden freilich schon zum Einwerben der Tantiemen herangezogen, die ihnen später einmal zugutekommen sollen: Ohne die Bilder mit Bobby und Freddie, ohne die Geschichten über ihre Muttertagskarten (der Tag wird in Großbritannien im März begangen), die die Adressatin nicht mehr erreichten, wäre das Schicksal Jade Goodys weniger ins Gemüt der Boulevardblatt- und Illustriertenleser gedrungen. Inzwischen allerdings, seit der – von Goody seit Jahren getrennte – Vater die Obhutspflicht und Entscheidungsgewalt innehat, sind die Jungen aus dem Blickwinkel der Fotografen verschwunden. Sie sollen auch nicht an der Trauerfeier und der Beerdigung ihrer Mutter Mitte April teilnehmen.

Damit fehlt der letzten Inszenierung ein entscheidendes Element. Es hätte, wären die Kinder anwesend, das angekündigte „große Fest“ zum Abschied Jade Goodys jener Beerdigung ebenbürtig machen können, die vor elf Jahren den Maßstab für öffentliche Gefühlsausbrüche in Großbritannien setzte. Die Trauerfeier für Prinzessin Diana war das erste Ereignis in dieser Kategorie, bei dem die teilnahmehungrige, gefühlswallende Öffentlichkeit – angeleitet und bedient von Zeitungen und Fernsehen – einen Todesfall aus seinen privaten Umständen herausriss. Jade Goody hat dank ihrer Herkunft und ihrer Fernsehkarriere der egozentrischen Trauerlust des Publikums keineswegs so reserviert gegenübergestanden wie einst die königliche Familie im Falle Dianas, sie hat sie vielmehr instinktiv begriffen und bedient.

Trauerfeier auf der Großbildleinwand

Es heißt, Goody habe auch in den letzten Tagen vor ihrem Tod am 22. März noch an den Grundzügen ihrer Trauerfeier mitgewirkt. Ihr Sarg wird in einem Rolls-Royce-Oldtimer eines Londoner Bestattungshauses von Bermondsey aus, wo Jade einst aufwuchs, bis zu ihrem Wohnort nach Essex rollen, begleitet von einer Eskorte von vier schwarzen Daimler-Limousinen und einem Bentley, weil, wie der Bestatter mitteilt, dies ihr Lieblingsauto gewesen sei.

Die Trauerfeier in Buckhurst Hill, in der Kirche ihres Wohnortes, soll auf Großbildleinwänden nach außen zur Menge der Schaulustigen übertragen werden.

Ein spektakulärer Abschied

Der spektakuläre Abschied akzentuiert nur eine Entwicklung, die in Großbritannien ohnehin im Gange ist: über den Umgang mit dem eigenen Sterben zu bestimmen und entweder – im Falle unheilbarer Krankheit – das Ende selber zu setzen, oder den Abschied individuell zu inszenieren. Das meiste Aufsehen erregen die in der Schweiz vollzogenen Fälle von Sterbehilfe, die nach britischem Recht bislang grundsätzlich strafbar sind, allerdings nicht strafrechtlich verfolgt werden. Die Eltern eines 23 Jahre alten Sohns, der sich eine Querschnittslähmung beim Rugbyspiel zuzog, blieben straffrei, nachdem sie ihr Kind auf die Reise nach Zürich begleitet hatten. Gleiches wird voraussichtlich für Mary Ewert gelten, die Witwe des öffentlich gestorbenen Professors.

Die frühere Gesundheitsministerin Patricia Hewitt hat vor einer Woche im Unterhaus den Antrag gestellt, mittels Gesetzesänderung die Sterbehilfe von Briten im Ausland zuzulassen. Gleichzeitig hat die Ärzteaufsicht in England mitgeteilt, es werde an neuen Richtlinien gearbeitet, die das Grundsatzgebot der medizinisch möglichen Lebensverlängerung bei Sterbenskranken durch ethische und menschenrechtliche Maßstäbe begrenzen könne.

Verbrennen auf dem Scheiterhaufen erwünscht

Das höchste Londoner Zivilgericht befasst sich momentan mit einem Sikh aus dem nordenglischen Newcastle, der die Erlaubnis erstreiten will, nach indischer Sitte auf einem offenen Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Der Kläger gibt an, die Zeremonie sei für die Loslösung der Seele aus dem toten Körper unabdingbar – ein Argument, das die Kommunalverwaltung in Newcastle immerhin derart beeindruckte, dass sie die Klage in London zuließ.

Dabei erzeugt schon die durch herkömmliche Kremationsverfahren gewonnene Asche bürokratische Sorgen. Immer mehr Briten entscheiden sich gegen eine Urnenbeisetzung und wünschen stattdessen, die Asche möge an markanten oder ihnen vertrauten Orten ausgestreut werden. Die Statistik sagt, 70 Prozent aller Beerdigungen in Großbritannien seien mittlerweile Feuerbestattungen, in fast zwei Drittel der Fälle werde die Asche anschließend von den Angehörigen mitgenommen.

Jane Austens Rasens erstickt in Asche

Die Museumswärter, die das Wohnhaus der Schriftstellerin Jane Austen betreuen, empfinden diese Entwicklung als großes Ärgernis: Überall sei auf dem Rasen ums Haus verstreute Asche zu entdecken. Der Bergsteiger-Ausschuss der schottischen und walisischen Naturfreunde hat eine offizielle Bitte veröffentlicht, vom Verwehen der Asche Verstorbener auf Berggipfeln abzusehen, weil der Phosphateintrag in den Boden zu einem unnatürlichen Pflanzenwachstum führe.

Und die britische Umweltverwaltung ist zwar einverstanden mit dem „gelegentlichen Verstreuen von Asche in Flüssen und Seen“, warnt aber davor, „Plastikblumen oder ähnliche Gegenstände“ ins Wasser zu werfen, weil Fische und Vögel sie verschlucken und sich verletzen könnten. Die Umweltagentur erteilt jetzt sogar erstmals auch Ratschläge für Beerdigungen im eigenen Garten: Der betreffende Ort müsse mindestens zehn Meter Abstand von Entwässerungsgräben halten, 30 Meter von Brunnen und Seen und 50 Meter von Quellen und Bohrlöchern.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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