Die Farbe einer Jacke - momentan eine Nebensache. Ihr Schnitt, ihr Stoff - völlig zweitrangig, solange man sich noch nicht damit beschäftigt hat, auf welche Art und Weise immer mehr Frauen ihre Jacken in diesem Frühjahr tragen. Darin geben sie ein Bild vor, das zunächst annähernd an das folgende Szenario erinnert: Er und sie sind spätabends zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Sie beginnt in ihrem Kleid, das der Temperatur nicht mehr angemessen ist, zu frösteln.
Aber noch bevor sie überhaupt ein Wort sagen kann, hat er, ganz der Mann, in einem solchen Moment schon automatisch zur Gentleman-Geste ausgeholt und ihr im nächsten seine Jacke wie einen Umhang über die Schultern geschlungen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Zeigt die Jacke um die Schultern also, dass Frauen in der heutigen Zeit, selbst wenn kein Mann weit und breit in Sicht und die Jacke ihre ist, noch immer von Männern beschützt werden wollen?
Alexa Chung, Model, Moderatorin und It-Girl aus London, legt sich das, was zwei Arme hat und aus Stoff ist, egal ob es sich um einen urigen Dufflecoat oder einen maskulinen Smoking handelt, ob sie in einem Kamelhaarmantel oder dem Oma-Cardigan steckt, mit Vorliebe nur über. Und auf den Schultern der Schauspielerin Kristen Wiig ruhte Anfang des Monats anlässlich einer Party im New Yorker Standard Hotel einen ganzen Abend lang ein weißer Blazer, den man in den achtziger Jahren auch an Joan Collins aus „Dynasty“ vermutet hätte. Es fehlten nur noch die breiten Schultern, das modische Merkmal der Ära.
Aber die hat man ja - so scheint es in diesen Tagen - gegen nicht sichtbare und funktionslose Schultern unter dem Umhang eingetauscht. Das Model Lara Stone wirft sich in der aktuellen Kampagne von CK Calvin Klein einen ähnlichen Blazer ebenfalls lediglich über und sieht darin aus, als stünde sie nach einer durchfeierten Nacht in ihrem Vorgarten irgendwo im Tropischen. Auch die Besucher der gerade stattgefundenen Modewochen, die sich den Umhang-Look schon seit längerer Zeit zu eigen machen, trugen ihre Baseball- und Lederjacken, Pelzmäntel, Jeans- und Strickjacken dieses Mal noch verstärkter wie Capes.
Dabei ist es ausgerechnet eine Designerin, die den Mantel mit funktionslosen Ärmeln populär gemacht haben könnte. Phoebe Philo, Creative Director von Céline, warf den Mädchen in ihrer aktuellen Resort-Kollektion schwarze Ledermäntel und mit Blumen gemusterte Blazer über die Schultern, ein Kniff, den sie ebenso in ihrem eigenen Auftreten auf Fotos beherrscht.
Die Assoziation des nach Schutz quengelnden Mäuschens hat es allerdings auf Philos Schultern schwer. Ist sie doch eine Frau, die ihre Karriere so im Griff hat, dass sie das Label Céline schon in ihrer ersten Kollektion vor einigen Jahren komplett umkrempelte. Seitdem baut sie es neu auf, erzieht zwei Kinder, ist mit dem dritten schwanger und prägt nebenbei ein Verständnis von Mode, das aus Frauen, wie die „New York Times“ schrieb, Philophiles macht, die in den praktischen wie eleganten Entwürfen der Designerin eine Spur selbstsicherer auftreten, als sie es eigentlich sind.
Wirklich praktisch kann man den Umhang, unter dem letztlich ja Teile des Bewegungsapparates gehandicapt sind, zwar nicht nennen, aber wenigstens antwortet die Jacke über den Schultern auf den zweiten Blick mit einem Augenzwinkern. Schließlich nimmt sie sich, indem sie nur über- und nicht angezogen ist, selbst nicht allzu ernst. Als Trägerin kann man unter der Schicht Stoff gelassen über dem Image des wehrlosen Dings stehen und sich die Dramatik des Umhangs ähnlich zunutze machen wie Grace Kelly oder Ava Gardner in Hollywood in den fünfziger Jahre. Auch in dem im April anlaufenden Marilyn-Monroe-Film „My Week With Marilyn“ hat Monroe in diesem Aufzug einen ihrer großen Auftritte. Zwischen einer Horde Fotografen steigt sie die Flugzeug-Gangway hinunter, in der einen Hand der Blumenstrauß, auf der Nase die große Sonnenbrille und auf den Schultern der nicht angezogene cremefarbene Mantel.
Gut möglich, dass man Gwyneth Paltrow deshalb anlässlich der diesjährigen Oscar-Verleihungen das weiße Kleid mit Armschlitzen von Tom Ford nahelegte, das so aussah, wie man eine Jacke heute eben wieder trägt. In ihrem wöchentlich in die Welt geschickten Newsletter „Goop“ verkauft sich Paltrow schließlich äußerst ungeschickt unrealistisch, und im echten Leben kommt sie kühl daher. Ein paar Schlitze an der richtigen Stelle hätten sicherlich für mehr Souveränität mit Pfiff sorgen können. Wäre da nicht Angelina Jolie gewesen, die mit einem Schlitz an der völlig falschen Stelle die Aufmerksamkeit an diesem Abend gepachtet hatte und Paltrow wie ein Mädchen aussehen ließ, dem wirklich schrecklich kalt zu sein schien.