Es ist August, aber in Fregene lassen sich noch immer Ferienwohnungen mieten. Liegestühle und Sonnenschirme am Strand bleiben zu. „Das war vor zwei Jahren noch undenkbar“, sagt Franco, der ein „stabilimento“ betreibt, eine Strandanlage mit Trattoria und Bar, Liegestühlen und Sonnenschirmen, Duschen und Tennisplatz. „Im geheiligten Ferienmonat, im Ferragosto, ist sonst nirgends mehr Platz.“ Schon gar nicht in Orten wie Ostia, Fregene oder Ladispoli, die von Rom per Bahn, Auto oder Motorroller in weniger als einer Stunde erreichbar sind. „Hier verbrachten früher die Frauen und Kinder mehrere Wochen, während die arbeitenden Väter am Wochenende kamen und dann zumindest die zwei Kernwochen Mitte August blieben.“
Die Rezession hat nun auch die normale italienische Familie erreicht, die sich stets Ferien in Fregene oder in einem der Tausenden Badeorte an der italienischen Mittelmeerküste leisten konnte, die meist keineswegs luxuriös sind. Etwa die Hälfte der Italiener - 30 Millionen - bleibt nach Angaben der Handwerkskammer Confartigianato in diesem Jahr aus wirtschaftlichen Gründen zuhause. Schon schlägt der Hotelbesitzerverband Federalberghi Alarm. Der massive Rückgang habe schon im Juni eingesetzt. Übers Jahr sei mit einem Einbruch von gut 20 Prozent zu rechnen. Federalberghi fordert die Regierung und das Parlament in Rom auf, den „Krisen-Status“ der Branche auszurufen.
Die neuesten Nachrichten beim Cappuccino
Sommerferien am Meer schienen zum Leben eines jeden Italieners zu gehören. Wenn die Sonne blass auf das platte silberne Meer scheint, tauchen die Jogger am noch leeren Strand auf. Dann erscheinen die ersten Kunden schon in Badehose, aber noch mit dem T-Shirt. Sie kommen mit der Tageszeitung zu Franco in die Strandbar, wo seine Frau Kaffee und Cornetti bereithält. Zum Cappuccino werden die neuesten Nachrichten studiert, und die ersten Gespräche mit den altbekannten Nachbarn im Apartmenthaus oder „stabilimento“ nehmen ihren Lauf. Franco kennt seine Gäste. Er weiß, wer den Cappuccino mit oder ohne Wasser oder mit frisch gepresstem Orangensaft schätzt. Franco weiß auch, wie er die Familien zu setzen hat, damit altbekannte Ferienfreunde wie in den früheren Jahren mit ihren Liegestühlen wieder Nachbarn werden.
Franco klagt übrigens dieses Jahr nicht nur über fehlende Auslastung. Der Mittfünfziger arbeitet mit seiner Frau und den zwei jugendlichen Kindern im Sommer schon seit Jahrzehnten am selben Strandstück. Er erbte den Platz vom Vater und Großvater. Nie stand in Frage, dass ihm der Abschnitt nicht gehört. Aber er konnte den Strand pflegen, ein paar Hütten darauf bauen, den einen Platz für Beach-Volleyball und einen weiteren für Tennis an der Straße herrichten. Nun fordert eine neue EU-Richtlinie, dass von 2016 an Lizenzen für Strandabschnitte in Versteigerungen neu und transparent vergeben werden sollen. Italien hat rund 30000 solcher privaten Anlagen, und überall geht nun die Sorge um die Zukunft um. In Ostia gab es vor einigen Tagen einen Streik. Francos Kollegen ließen die Sonnenschirme geschlossen, um ihre Kunden auf das Unrecht aufmerksam zu machen.
Strandbesuch selten gratis
Da werden die Reichen ihre Strände ersteigern, und wir werden draußen bleiben“, meint Franco. „Die gemütlichen privaten Strände werden verloren gehen. Und alles, was wir hier gebaut haben, wird für die Katz gewesen sein.“ Franco zeigt auf das langgestreckte weißgestrichene Holzhaus, vor dem blaue Tische und Stühle stehen. Davor entstand eine weiß-blaue Sitzlandschaft mit einem Barhaus in der Mitte, wo der Sohn Getränke verkauft. Francos Kunden, so sagt er, zahlen gerne für gutes Essen, Getränke, Liegestuhl und Schirm; vor allem für einen sauber geharkten Strand ohne Plastikabfall und Zigarettenkippen. Es gibt in Italien kaum Strände, an denen der Sonnenhungrige gratis das Badetuch auslegen kann. Die meisten sind zudem schmutzig. Aber in Neapel gründeten jetzt Bürger die Initiative für einen kommunalen öffentlichen Strand und nutzen dafür nun ein verlassenes Industriegelände.
Gegen Mittag ist der Sand so heiß, dass niemand ohne Flip-Flops an den Füßen vom Liegestuhl ins Meer gelangen kann - ganz Italien leidet gerade unter extremer Hitze mit Temperaturen um die 40 Grad, für 13 Städte von Bologna bis Reggio Calabria gaben die Behörden sogar einen Hitze-Alarm heraus.
„Spritz“ ohne Krisengespräche
Viele essen bei Franco einen Salat oder Pasta. Manche kehren zum Mittagsschlaf in ihre Unterkunft zurück. Allein die fliegenden Händler lassen die Hitze an sich abperlen und preisen unermüdlich ihre Waren an. Längst haben asiatische Migranten die italienischen Strandverkäufer verdrängt, die bisher Eis oder frisch geschnittene Kokosnüsse anboten: „Cocco bello, cocco fresco“. Die Fremden wollen dagegen Strandtücher und Sonnenbrillen, Luftmatratzen und aufblasbare Gummilöwen loswerden. Sie fahren auf Wagen Strandkleider und Bikinis, Schuhe und Schmuck vorbei. Nach den Worten von Franco haben die meisten keine Genehmigung. „Sie werden wie Tiere von einigen Mafiosi gehalten, die sie vor der Polizei schützen und ihnen Unterschlupf gewähren.“ Sie kommen aus asiatischen oder afrikanischen Ländern und hoffen auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Auch Frauen sind unter ihnen und wollen die Badegäste massieren.
Beliebt ist ein junger Mann aus dem Sudan, der auf der Passage von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa auf einem rostigen Kutter einen Bruder verlor - den Verdursteten warfen sie tot ins Meer. Der Überlebende bastelt wunderbaren Schmuck. „Dem Jungen musst Du helfen“, rät Franco. „Vu compra“ kann der junge Mann schon sagen. Es soll eigentlich „vuoi comprare?“ heißen: Willst Du kaufen? In der Heimat war der Mann Techniker. Dann geriet er in politische Auseinandersetzungen und musste fliehen. Aus Olivenholz und bunten Steinen hat er Ketten und Ohrringe kreiert. Am Abend an Francos Bar, wenn die Sonne feuerrot im Meer untergeht, ist der Schmuck beim „Spritz“ - Prosecco und Campari - jedes Mal wieder ein erfreuliches Gesprächsthema. Dann muss man wenigstens nicht schon wieder über die Hitze reden. Oder gar über die Krise.
Francos Kunden ... zahlen gerne für ... Liegestuhl und Schirm
Erol Bilecen (Bilecen)
- 09.08.2012, 09:12 Uhr