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Istanbul : Brooklyn Bridge über den Bosporus

Dritter Weg: Die neue Yavuz-Sultan-Selim-Brücke überspannt den Bosporus im Norden der Meerenge. Bild: dpa

Istanbul feiert die Eröffnung der dritten Brücke über die Meerenge. Viele Einwohner vergleichen ihre Stadt schon mit New York. Doch das Projekt ist umstritten.

          Wenn die Istanbuler ihre Stadt mit einer anderen Metropole vergleichen, dann nur mit New York. Von diesem Freitag an haben sie dazu einen weiteren Grund. Beide Millionenstädte liegen am Wasser, Istanbul und Manhattan haben die gleiche Telefonvorwahl (212), die Immobilienpreise nähern sich einander an – und die dritte Bosporusbrücke, über die von diesem Freitag an der Verkehr rollen wird, eifert der Brooklyn Bridge nach.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Zwar wird sie nicht das Stadtbild Istanbuls prägen, wie es in New York die im Jahr 1883 in Betrieb genommene Brücke tut, die über den East River Brooklyn mit Manhattan verbindet. Denn sie liegt ganz im Norden der 30 Kilometer langen Meerenge, die Europa und Asien trennt. Sie greift aber die Technik auf, die damals der aus Thüringen stammende Ingenieur John August Roebling entwickelt hatte: eine Hängebrücke mit einer Schrägseilbrücke zu kombinieren. Dabei werden zusätzlich zu den vertikal verlaufenden weichen Tragseilen einer Hängebrücke steife Schrägseile gespannt.

          Bild: F.A.Z.

          Das ist bei der dritten Bosporusbrücke nötig geworden, weil sie große Lasten auszuhalten hat und sehr stabil sein muss. Mit 59 Metern ist die Fahrbahn ungewöhnlich breit. In ihrer Mitte werden auf zwei Spuren Hochgeschwindigkeitszüge Richtung Ankara rasen; keine Eisenbahnbrücke der Welt hat eine längere Spannweite als diese 1408 Meter lange Brücke. Auf beiden Seiten werden auf je vier Spuren Autos von einem Kontinent auf den anderen übersetzen. Die harfenförmigen Pylone auf beiden Seiten sind jeweils 322 Meter hoch und damit doppelt so hoch wie die der ersten Bosporusbrücke, die im Jahr 1973 weiter südlich eröffnet worden war.

          Gigantisches Projekt: Der Bau der dritten Bosporusbrücke im Oktober 2014 aus der Luft aufgenommen.
          Gigantisches Projekt: Der Bau der dritten Bosporusbrücke im Oktober 2014 aus der Luft aufgenommen. : Bild: Picture-Alliance

          Damals hatte Istanbul nach offiziellen Angaben drei Millionen Einwohner. Die erste Brücke ist von allen dreien die schönste, weil grazilste. Wie ein Silberstrich zieht sie sich über das Wasser. Als 1988 die zweite Bosporusbrücke sieben Kilometer nördlich davon eröffnet wurde, waren es bereits sieben Millionen Einwohner, heute sind es mindestens 15 Millionen und im Ballungsraum Istanbul noch viel mehr. Die Stadt wuchs und mit ihr der Verkehr. Es kam, wie die Kritiker befürchtet hatten: Eine Brücke zieht die nächste nach sich. Dabei führt seit 2013 ein erster Tunnel für die S-Bahn unter dem Bosporus hindurch; ein weiterer, der „Eurasia-Tunnel“, wird für den Autoverkehr gebaut.

          Türkei : Neue Megabrücke über den Bosporus

          Projekte der Superlative

          Über die zwei mautpflichtigen Brücken fahren jeden Tag 380.000 Autos. Zu den Stoßzeiten reicht der Rückstau weit in die Zufahrtsstraßen hinein. Schon bald nach der Eröffnung der zweiten Brücke war über eine dritte gesprochen worden. Erst sollte sie zwischen den beiden ersten verlaufen. Dagegen sprach, dass in den dicht bebauten Stadtvierteln keine großen Zufahrtsstraßen mehr gebaut werden können. Daher sollte der Norden für eine weite Umgehung Istanbuls erschlossen werden – zumal dort auf der europäischen Seite der größte Flughafen der Welt gebaut wird.

          Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzte die Konstruktion, um sich medienwirksam als Erneuerer und oberster Bauherr Istanbuls zu inszenieren.
          Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzte die Konstruktion, um sich medienwirksam als Erneuerer und oberster Bauherr Istanbuls zu inszenieren. : Bild: dpa

          Am 29. Mai 2013, dem Jahrestag der Eroberung von Konstantinopel durch Sultan Mehmet Fatih, wurde der Grundstein gelegt. Vorausgegangen waren zähe Verhandlungen über die Finanzierung des Projekts. Um die Kosten von drei Milliarden Dollar zu finanzieren, musste das türkische Schatzamt – in der türkischen Regierung war es umstritten – eine Garantie an die beiden Bauunternehmen und künftigen Betreiber, Ictas aus der Türkei und Astaldi aus Italien, für den Fall abgeben, dass die Mauteinnahmen unter den Zielvorgaben bleiben sollten. Das könnte durchaus der Fall sein. Denn die Brücke liegt weit außerhalb des Stadtgebiets, so dass sie den Verkehrskollaps in Istanbul kaum abwenden kann. Die Mautgebühr beträgt umgerechnet 2,50 Euro.

          Letzten Grünflächen in Gefahr

          Die dritte Brücke ist auch aus anderen Gründen umstritten. Ihre Zufahrtswege verlaufen durch die letzten Waldgebiete Istanbuls, die einen Großteil der Trinkwasserversorgung sicherstellen und die letzten Reste einer einst großen grünen Lunge der Stadt bilden. Die Brücke wird das stetige Wachstum Istanbuls Richtung Norden zum Schwarzen Meer hin beschleunigen und so zum Abholzen der letzten Waldgebiete führen.

          Schon als der letzte Teil der Brücke im März plaziert wurde, gab es eine große Zeremonie mit gigantischer Türkeiflagge.
          Schon als der letzte Teil der Brücke im März plaziert wurde, gab es eine große Zeremonie mit gigantischer Türkeiflagge. : Bild: dpa

          Kontrovers ist auch der Name. Benannt ist die Brücke nach Sultan Selim I., der von 1512 bis 1520 das Osmanische Reich regiert hatte. Seinen Beinamen Yavuz, der Grausame, verdankt er dem gnadenlosen Vorgehen gegen seine Gegner. Kein Herrscher hat so viele Aleviten abschlachten lassen wie er. Den Aleviten gilt er als Symbol für den Versuch, sie auszulöschen. Auf Unverständnis außerhalb der Türkei stößt zudem die Umbenennung der ersten Brücke, die bisher schlicht „die Bosporusbrücke“ hieß. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte nach dem gescheiterten Putsch angeordnet, sie in die „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ umzubenennen. Mehr als andere Entwicklungen zeigt diese Umbenennung, wie sehr sich die Türkei von Europa ab- und dem Nahen Osten zuwendet. Denn in allen großen Städten des Nahen Ostens gibt es Straßen und Brücken, die nach „Märtyrern“ benannt sind. Nun auch in Istanbul.

          Die Brücke am Tag ihrer Fertigstellung im März. Diese Aufnahme wurde vom Pressebüro des Premierministers persönlich herausgegeben.
          Die Brücke am Tag ihrer Fertigstellung im März. Diese Aufnahme wurde vom Pressebüro des Premierministers persönlich herausgegeben. : Bild: AFP

          Mehr zu den großen Bauprojekten Istanbuls lesen Sie in diesem Multimedia-Spezial.

          Quelle: F.A.Z.

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