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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Isolda Dychauk Eine Pubertät als Schauspielerin

28.01.2012 ·  Während ihre Freunde im Klassenraum saßen, stand Isolda Dychauk, die derzeit als Gretchen in „Faust“ zu sehen ist, vor der Kamera. Und irgendwann merkte sie, dass sie nicht mehr viel gemeinsam hatten. Wie es ist, beim Filmen erwachsen zu werden.

Von Julia Schaaf
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Nach „Borgia“ war es besonders schwer, in ihr altes Leben zurückzufinden. Sieben Monate lang hatte Isolda Dychauk in Prag gedreht. Das Filmteam war ihre Familie geworden, ihre Rolle als Papsttochter Lucrezia eine Art Gefährtin. Sie hatte ihren 18. Geburtstag am Set gefeiert und zum ersten Mal das Gefühl, nicht mehr das Kind zu sein, sondern ernst genommen zu werden von den Kollegen. Als sie anschließend nach Hause kam, in ihre Wohnung am Prenzlauer Berg, zu ihrem Freund und den beiden Kätzchen, fühlte sie sich dort nicht wohl. Sie träumte auf Englisch. Nachts schreckte sie hoch und schrie ihren Freund an: „Why do you talk in German?“

„Es war wie ein Auslandsjahr“, sagt Isolda Dychauk, und der Vergleich trifft es gut: Viele Teenager gehen in ihrer Oberstufenzeit ein Jahr lang nach Frankreich, nach Amerika, nach Großbritannien. Sie lassen Eltern und Freunde zurück, erobern sich ihren Platz in einer anderen Welt und kehren darüber ein Stück selbstbewusster, reifer und mehr sie selbst geworden zurück. Dieser Schritt ist zum Standardbaustein bildungsorientierter Biographien geworden. Ist man wieder daheim, mag es holpern. Anschließend jedoch geht das Leben mehr oder weniger seinen vertrauten Gang.

Dychauk steht vor der Kamera seit sie dreizehn ist

Bei Isolda Dychauk liegen die Dinge anders. Ihr ist es schon so oft passiert, dass sie nach dem Abschluss von Dreharbeiten in ein Loch gefallen ist, dass sie inzwischen weiß: Abwarten hilft. Oder ihr Freund fängt sie auf und erinnert sie daran, dass es „auch schöne Sachen zu Hause“ gibt. Dychauk ist keine gewöhnliche Achtzehnjährige mehr. Während ihre Altersgenossen sich auf Abiturklausuren über Goethe vorbereiten, gibt die russischstämmige Berlinerin derzeit in Alexander Sokurovs in Venedig prämierter „Faust“-Verfilmung das Gretchen.

Der fortdauernde Wechsel zwischen den Welten, das Hin und Her zwischen Set und Schulalltag, hat irgendwann bewirkt, dass ihr Leben eine andere Richtung nahm. Nie hat sie eine Entscheidung getroffen, von der sie wusste: Von jetzt an wird alles neu. Aber Dychauk steht vor der Kamera, seit sie dreizehn ist. Sie traut sich inzwischen, diese Arbeit einen Beruf zu nennen, und immer öfter sagt sie von sich selbst: „Ich bin Schauspielerin.“ Vor anderthalb Jahren hat sie die Schule abgebrochen. Und vielleicht war „Borgia“, das Renaissance-Epos über Sex, Gewalt und Macht, das im Herbst im ZDF ein Millionenpublikum fand, die entscheidende Weiche.

Eine Pubertät an Film-Sets

„Also“, sagt Isolda Dychauk mit heller Stimme, „allgemein fühlt sich alles momentan sehr surreal an.“ Sie sitzt im Café einer Chocolaterie am Berliner Gendarmenmarkt. Gerne hätte man das Mädchen in der Nähe seiner alten Schule getroffen, in einem Umfeld, wo sich der Übergang von einer normalen Jugendlichen zum Jungstar nachzeichnen lässt. Aber Dychauk sagt, ihr sei kein Ort eingefallen. Das Schokoladencafé hat ihre Presseagentin ausgesucht. Der Unterschied zu Schauspieler-Interviews in Hotelsuiten besteht insofern in der Botschaft: Diese Darstellerin ist besonders jung und besonders süß. Dabei bestellt sie nicht einmal Kakao.

Wie wird man erwachsen, wenn man seine Pubertät damit verbringt, sich eine Karriere als Schauspielerin aufzubauen?

Dychauk trägt schmale Jeans, ein schwarzes Fledermausshirt und Silberschmuck mir großen Steinen, die rötlichen Locken fallen lang über ihre Schultern. Trotz Kulleraugen und Herzmund wirkt sie weniger puppig als im Film: eine junge, urbane Frau mit einer großen Handtasche über der Schulter. Die Stiefeletten mit der breiten Fellkrempe sind einen Tick zu hoch und vermutlich zu teuer für eine durchschnittliche Achtzehnjährige. Die kurzgeschnittenen Nägel in Gelb, Rot und Blau hingegen, mit denen sie ein Zuckertütchen platt streicht, sind ein Überbleibsel vom jüngsten Dreh, bei dem sie eine Sechzehnjährige gespielt hat. Wenn Dychauk kichert, wenn sie impulsiv losprustet, dabei die Augen zusammenkneift und den Kopf zurückwirft, verbreitet sie diese Mischung aus Frische und Naivität, die auch Lucrezia und ihr Gretchen prägt.

Diese Kindfrau also sagt über ihre Karriere: „Es ist schon so, dass ich mein Ziel immer sehr genau vor Augen habe.“ Und: „Mein Hauptgeheimnis ist meine Intuition.“ Und: „Es gehört eine Menge Glück dazu. Und ich habe viel Glück gehabt.“

„Da müsste ich Mama fragen.“

Alles begann damit, dass sich Dychauk in ihrer Schultheater-AG mit Rollen zufriedengeben sollte, in denen sie wenn überhaupt einen einzigen Satz zu sagen hatte. Als die Elfjährige dann einen Flyer für eine Schauspielschule fand, meldete sie sich an, fiel einer Agentin auf und wurde gefragt, ob sie Lust habe, auch mal in einem Film mitzuspielen. Also feilte Dychauk daran, ihr russisch rollendes R abzulegen, und ließ sich gelegentlich zu Castings schicken.

„In dem Alter machst du dir noch gar keine Gedanken darüber, was du da tust“, sagt sie. Die Agentin kümmerte sich um die Rollenauswahl, die Mutter besorgte den Rest. Sie verkündete der Dreizehnjährigen unter Freudentränen, dass ihr erstes Engagement eine Hauptrolle an der Seite von Marianne Sägebrecht sein würde. Sie begleitete ihre Tochter ans Set. Sie verwaltete das Konto, auf das die Gagen überwiesen wurden. Wer heute fragt, wie viele Vorsprechen es brauchte, bis die erste Klappe fiel, bekommt die Antwort: „Da müsste ich Mama fragen.“

Isolda Dychauk stammt aus Russland. Ihre Mutter, ausgebildete Pianistin, arbeitet als Klavierlehrerin, ihr Onkel war Balalaikaspieler; eine Laufbahn als Künstlerin schien also nichts Abwegiges. Das Mädchen bekam von klein auf Ballettunterricht; auch nachdem es mit seiner Mutter nach Deutschland ausgewandert und im Süden Berlins heimisch geworden war, besuchte Dychauk Hip-Hop-Klassen und lernte Standardtanz. Irgendwann sagte sie ihrer Mutter, sie solle sich keine Hoffnungen mehr machen, dass sie eine Tänzerinnenkarriere machen würde: „Das ist mehr dein Traum als mein Traum.“

Die Schauspielerei hingegen war ihr eigenes Ding. Dychauk lässt keinen Zweifel daran, dass ihre Mutter eine zuverlässige Unterstützerin gewesen sei - nie jedoch die treibende Kraft, die ihre Tochter auf Erfolg getrimmt hätte. So ging es weiter. Ein Job folgte dem nächsten, Kino auf ZDF, „Polizeiruf“ auf „Tatort“. Die Agentin handelte mit der Schule aus, dass Dychauk die Hälfte des Schuljahres für Dreharbeiten verpassen durfte, solange sie Klassenarbeiten mitschrieb und die Noten in Ordnung waren. Wenn sie nach einem Dreh wieder im Unterricht saß, frotzelten die Mitschüler: „Auch mal wieder da?“ Aber das sei nie böse gewesen, erzählt Dychauk: „Ich glaube, ich hatte da größere Probleme mit als die Schüler.“ Sie erinnert sich an Übernachtungsbesuche bei Freundinnen und scheinbar endlose Mädchengespräche.

Dann kippte es. Dychauk war von der Realschule an eine Oberstufe gewechselt, um ihr Abitur zu machen, die Noten wurden schlecht, sie kam weder mit den Lehrern noch mit den Schülern klar. Rückblickend sagt sie, die Pubertät habe sie erwischt. Nicht, dass es direkt an der Schauspielerei gelegen habe. Aber natürlich habe es sie geprägt, dass sie arbeitete und viel mit Erwachsenen zu tun hatte. „Mir waren andere Sachen wichtig als den Leuten in der Klasse“, sagt sie: Während die Mitschüler sich betranken, habe sie gelesen und Nachrichten geguckt. Schließlich war sie es gewohnt, einen Teil ihrer Freizeit allein im Hotel zu verbringen. „Es war nicht so, dass wir uns nicht leiden konnten. Wir hatten einfach keine Gemeinsamkeiten mehr.“

Ungefähr zur selben Zeit lag sie wach, nächtelang, um über das Wesen der Schauspielerei zu sinnieren: wie das funktioniert, dass man sich wirklich als jemand anderes fühlt. Wenn es zur Pubertät dazugehört, sich über sich selbst klarzu werden und eine eigene Identität herauszuschälen, sagt Dychauk heute: „Ich glaube, dass ich damit früher angefangen habe als andere.“ Wobei sie sich nicht in ihrer Fortsetzung nächste Seite persönlichen Entwicklung belastet fühlte, auch nicht durch die frühe Konfrontation mit Mord und Totschlag. Gewalt im Film habe viel mit Technik zu tun, sagt Dychauk, dadurch schwäche sich die Wirkung realer Gewalt eher ab. Was den Sex angeht, den ersten Kuss, das erste Mal: Bis zu den Borgias, wo sie sich bei den Dreharbeiten sehr beschützt gefühlt habe, sagt Dychauk, habe sie „nur so schwache Szenen“ gehabt, „die waren nicht so schlimm“. Und nein - nie habe ein Drehbuch ihr eigene Erfahrungen vorweggenommen.

Isolda Dychauk plappert nicht einfach los, wie andere Frauen ihres Alters es vermutlich täten. Seit „Borgia“ hat die Jungschauspielerin eine Presseagentin, und auch Kollegen haben ihr die wichtigste Regel für den Umgang mit den Medien eingeschärft: Lieber zu wenig reden als zu viel. Das macht die Achtzehnjährige letztlich vorsichtiger als manchen Profi. Überhaupt, sagt Dychauk, sei die internationale Medienarbeit rund um die Papstserie für sie eine „krassere Erfahrung“ gewesen als das Drehen selbst: „Das Gefühl, es ist meine Arbeit, etwas von mir preiszugeben, das mochte ich nicht.“

Über ihre Kindheit in Sibrien schweigt sie einfach

Und so sagt sie über das vorläufige Ende ihrer Schulzeit: „Ich flüchte mich in die Ausrede rein, dass das eine Pause ist.“ Das Für und Wider einer Schauspielausbildung wägt sie mit den Worten: „Ich lasse das auf mich zukommen.“ Über ihre Kindheit in Sibirien schweigt sie einfach. Neun Jahre war sie alt, als sie mit ihrer Mutter und einem dicken Kater per Transsibirische Eisenbahn ihre Heimat verließ. Die Mutter hatte sich in einen Deutschen verliebt, mit dem sie bis heute zusammenlebt. Über die Jahre davor sagt Dychauk nur: „Das war eine sehr, sehr harte Zeit für meine Mutter und mich. In Russland ist es so: Die einen müssen ums Überleben kämpfen, und den anderen geht es gut.“

Heute hat Isolda Dychauk einen Freundeskreis, der ihre Arbeit respektiert, ohne viel Aufheben darum zu machen. „Ich war für die nie ein anderer Mensch, als ich es bin“, sagt sie. Ihr Freund macht eine Tischlerlehre, andere stehen unmittelbar vorm Abitur. Man philosophiert über die Vorzüge und Träume der eigenen Generation und tanzt lieber auf privaten Partys als in Clubs. Dychauk liest noch immer gern. Mode interessiert sie nicht, Musik sehr, „momentan habe ich eine Psytrance-Phase“, sagt sie. Ihre Naturverbundenheit erklärt sie mit ihrem russischen Erbe. Die Mutter ist nach wie vor pikiert, wenn sie die Tochter bei einer Filmpremiere mit einem Glas Weißwein in der Hand erblickt. Auch das gelegentliche Rauchen sei hart für sie gewesen und dass die Tochter immer nur so wenig von den Dreharbeiten erzählt habe daheim: Variationen einer Schauspielerinnen-Pubertät.

Manchmal sorgt sich Dychauk, sie könnte eines Tages keine Arbeit mehr finden. Aber sie weiß auch, dass sie sich da nicht hineinsteigern darf. Zukunftsängste habe schließlich jeder, sagt sie. Und im Gegensatz zu vielen anderen Achtzehnjährigen ist ihr wenigstens klar, was sie will, Aufträge hin, Erfolg her: „Ich weiß, dass ich nicht ohne zu spielen leben kann. Weil ich es über alles liebe.“

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