12.05.2009 · Familiennamen? Glatte Fehlanzeige! In dem nordeuropäischen Inselstaat Island werden Kinder nach ihren Eltern benannt. In der Krise erst recht.
Von Sebastian BalzterVieles auf Island ist ungewiss, nicht erst seit die Krise („kreppa“) die Insel an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hat. Auch die kontinentale Zugehörigkeit ist zweifelhaft, denn Island liegt halb auf der eurasischen, halb auf der nordamerikanischen Erdplatte – heiße Quellen und aktive Vulkane zeugen davon.
Ein dritter Faktor der Instabilität betrifft jeden einzelnen Neugeborenen: der Nachname. Denn aus Familiennamen, die Jahrhunderte überdauern, machen sich Isländer nichts. Kinder werden stattdessen nach ihrem Vater benannt, jede Generation aufs Neue. Was Laien verwirrt, lässt Namenforscher frohlocken: eine Sensation, ein Relikt aus tiefen Schichten der Sprachgeschichte. Produktive Patronymik! Auf nach Island!
Im Telefonbuch entscheidet der Vorname
Für Onomastiker sind die Arbeitsverhältnisse auf der Insel zudem ausgesprochen komfortabel: Während sich Vulkanologen an Kraterränder wagen und Finanzwissenschaftler auch in unsicheren Kreisen verkehren, müssen sie nur das Telefonbuch aufschlagen – es gibt für die Insel mit ihren 330 000 Einwohnern nur ein einziges mit rund 1000 Seiten – und darin nach Guðrún Kvaran fahnden.
Tückisch ist allein das Ordnungsprinzip: Nicht nach Kvaran, sondern nach Guðrún muss suchen, wer die Vorsitzende des Isländischen Sprachrats finden will. Hier, wo selbst der Regierungschef geduzt wird, entscheidet auch im Telefonbuch der Vorname.
„Wir möchten das nicht ändern“, sagt Guðrún Kvaran. Nicht nur die Namen, die Sprache insgesamt sei für das kleine Land ein Identitätsfaktor. Das Isländische hat sich – anders als die skandinavischen Schwestersprachen – seine komplizierte Grammatik mit einem voll ausgebildeten Deklinations- und Flexionssystem erhalten, seinen Vokalreichtum auch.
Auch modernes Isländisch klingt nach Wikingern
Außerdem finden Kvaran und ihre Kollegen für Fremdwörter konsequent einheimische Begriffe: Aus Telefon wird sími („Draht“), aus dem Internet veraldarvefurinn („Weltverflechtung“). So klingt auch das moderne Isländische noch nach den Wikingern, nach altnordischer Sagaliteratur und Charakterköpfen wie Egill Skallagrímsson, einem blutrünstigen und poetischen Helden aus dem rauhen zehnten Jahrhundert.
Skalla-Grímr („Glatzen-Grímr“) war sein Vater. Egill setzte diesen Vornamen, im Genitiv und mit der Endung -son, hinter seinen eigenen Vornamen. Folgerichtig hießen seine eigenen Söhne dann Böðvar, Gunnar und Þorsteinn Egilsson, seine Töchter aber Þorgerðr und Bera Egilsdóttir – die Endung -dóttir signalisiert das weibliche Geschlecht.
Ein „Vaternamensystem“
So funktioniert Patronymik, das „Vaternamensystem“, das es früher auch anderswo gab, etwa in Schottland mit der Vorsilbe „Mac“. Und jede Familie Petersen aus Norddeutschland kann auf einen Ahnen namens Peter schwören. Auf Island aber hat sich der Insellage und der geringen Einwohnerzahl wegen seit Egils Tagen nichts daran geändert.
Einspruch!, würde Guðrún Kvaran rufen. Denn so pauschal stimmt das nicht. In der Namenfrage spiegelt sich vielmehr die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes: der Kampf um die Unabhängigkeit von der bis 1944 dauernden dänischen Vorherrschaft zunächst, die Diskussion über ausländische Zuzügler, schließlich die Emanzipation der Frauen. Das Ergebnis ist eine Gesetzeslage zwischen Reglementierung und Vielfalt.
Ihre eigene Tochter Steinunn, rechnet Kvaran vor, hat zur Gestaltung ihres Nachnamens nun gleich ein Dutzend Varianten zur Wahl: So kann sie sich nach ihrem Vater Jakobsdóttir nennen oder nach ihrer Mutter (seit 1991 sind Metronymika den Patronymika gleichgestellt) Guðrúnardóttir. Mutternamen sind zwar schon in der Egilssaga belegt, in der die Söhne der Hildiríður, Hárekur und Hrærekur, eine ehrbare Rolle spielen. Später aber kamen sie in Verruf, da sie Spekulationen über den Kindsvater beförderten. Heute ist der nach seiner Mutter Helga benannte Profifußballer Heidar Helguson der wohl bekannteste Isländer mit Metronymikon.
Eine Amnestie für Familiennamen
Das 1991 vom Althing, dem Parlament, verabschiedete Gesetz schließt neben der Rückkehr zu der schon aus dem Mittelalter verbrieften Gleichberechtigung auch eine Amnestie für bestehende Familiennamen ein. Guðrún Kvarans Tochter dürfte deshalb auch Steinunn Kvaran heißen.
Damit würde sie das Erbe ihres Ururgroßvaters fortsetzen. Der nämlich nutzte einen der 15 Paragraphen im ersten isländischen Namengesetz von 1913. Gedacht war es als Reaktion auf die nach dänischem Vorbild aufgekommene Mode der Familiennamen, die sich nach Ansicht nationalbewusster Kritiker wildwuchernd ausgebreitet hatte: War bei der Volkszählung 1703 noch kein Familienname notiert worden, lag ihre Zahl 1855 bei 108, 1910 schon bei 297.
Olaf Lederschuh
Nach dem Gesetz waren fortan Ableitungen des Vaternamens, Hof- oder Landschaftsbezeichnungen sowie Beinamen aus den Sagas – Ólafur Kvaran, also Olaf Lederschuh heißt darin ein irischer König – zwar als Familiennamen erlaubt, aber gebührenpflichtig: Zehn Kronen waren dafür fällig. Allerdings kam nur 246 Mal Geld in die Kasse. Schon 1925 folgte eine Gesetzesnovelle mit der klaren Ansage: „Keiner darf ab jetzt mehr einen Familiennamen registrieren.“
Der Preis hatte die Namen- zur Klassenfrage gemacht. Damit sollte nun Schluss sein, die einmal registrierten Familiennamen sollten nur noch eine Generation länger in Gebrauch bleiben dürfen. Dieser Passus wiederum hatte nur auf dem Papier Bestand. Die Schonfrist für die bis 1924 eingetragenen Familiennamen endete nie, weder für die Nachkommen des nach einer lachsreichen Halbinsel benannten Schriftstellers Halldór Laxness noch für Guðrún Kvarans Tochter.
Vietnamflüchtlinge mussten Namen wechseln
Mit der Gesetzesnovelle von 1991 legitimierte der Althing nicht nur diese Praxis. Er erlaubte außerdem Einwanderern, ihre Nachnamen zu behalten. Vorher war die Annahme eines isländischen Namens Voraussetzung für die Einbürgerung gewesen.
„Der Vietnamkrieg brachte viele Flüchtlinge zu uns“, sagt Guðrún Kvaran. „Wenn sie Isländer werden wollten, mussten sie Namen tragen, die sie selbst kaum aussprechen konnten.“ Die Novelle sei der befürchteten internationalen Ächtung dieses Prinzips zuvorgekommen, das für Prominente obendrein zuweilen durchbrochen wurde: Der Pianist Wladimir Dawidowitsch Aschkenasi etwa durfte 1972 mit seinem nicht gerade nordgermanischen (wenn auch nach russischem Prinzip auf seinen Vater Dawid verweisenden) Namen Isländer werden. Als 1995 der frühere Schachweltmeister Bobby Fisher die isländische Staatsbürgerschaft annahm, war diese Grauzone beseitigt.
Ein Mal im Leben dürfen Isländer ihren Nachnamen ändern
Im Jahr darauf folgte die bislang letzte Präzisierung der Nomenklatur: Ein bis drei Vornamen sind seither erlaubt, außerdem ein Mittelname sowie ein Nachname; neue Familiennamen dagegen nicht. Ein Mal im Leben dürfen Isländer ihren Nachnamen ändern, können zum Beispiel vom Vater- zum Mutternamen wechseln.
Dass sich die genehmigungspflichtigen, aber gebührenfreien Mittelnamen zu einer Art Familiennamen-Ersatz entwickeln könnten, beobachtet Guðrún Kvaran mit Sorge. Die dreiköpfige „Mannanafnanefnd“ („Menschennamenkommission“), der sie selbst sieben Jahre lang angehörte, hat seit 1996 mehr als 100 neue Mittelnamen als akzeptabel angenommen.
Aus diesem im Internet veröffentlichten Pool darf sich jeder bedienen, so dass sich die exakte Zahl der Mittelnamenträger nur schwer beziffern lässt. Kinder dürfen nun nach Vater und Mutter benannt werden, und ein geerbter Familienname darf mit neuem Patro- oder Metronymikon kombiniert werden.
Zurück zur Tradition?
Der Name von Vater oder Mutter darf außerdem – im Genitiv – als Mittelname geführt werden. So ergeben sich die weiteren neun Varianten für Guðrún Kvarans Tochter: Steinunn Guðrúnar Jakobsdóttir, Steinunn Jakobs Guðrúnardóttir, Steinunn Guðrúnar Kvaran, Steinunn Kvaran Jakobsdóttir, Steinunn Jakobsdóttir Kvaran, Steinunn Jakobs Kvaran, Steinunn Guðrúnardóttir Kvaran, Steinunn Guðrúnardóttir Jakobsdóttir und Steinunn Jakobsdóttir Guðrúnardóttir.
Tatsächlich hat die Frau am schlichten Vaternamen Jakobsdóttir festgehalten, zu dem es bei ihrer Geburt noch keine Alternative gab. Ihre Mutter ist froh darüber. Auch sie sucht in der Krise nach der Chance: „Viele Isländer werden sich wieder auf die einheimische Tradition besinnen.“ Das Investmentbanking, die Wurzel des Übels, sei schließlich auch eine aus dem Ausland importierte Mode gewesen. An der Regierungsspitze hat sich der Trend schon durchgesetzt: Geir Haarde, Familiennamenträger von vermutlich norwegischer Abkunft, ist im Januar zurückgetreten. Seine Nachfolgerin heißt Jóhanna Sigurðardóttir.