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Veröffentlicht: 12.05.2009, 19:05 Uhr

Island Egils Töchter und Helgas Sohn

Familiennamen? Glatte Fehlanzeige! In dem nordeuropäischen Inselstaat Island werden Kinder nach ihren Eltern benannt. In der Krise erst recht.

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© AFP In Island werden Kinder nach ihren Eltern benannt, Familiennamen spielen kaum eine Rolle

Vieles auf Island ist ungewiss, nicht erst seit die Krise („kreppa“) die Insel an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hat. Auch die kontinentale Zugehörigkeit ist zweifelhaft, denn Island liegt halb auf der eurasischen, halb auf der nordamerikanischen Erdplatte – heiße Quellen und aktive Vulkane zeugen davon.

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Ein dritter Faktor der Instabilität betrifft jeden einzelnen Neugeborenen: der Nachname. Denn aus Familiennamen, die Jahrhunderte überdauern, machen sich Isländer nichts. Kinder werden stattdessen nach ihrem Vater benannt, jede Generation aufs Neue. Was Laien verwirrt, lässt Namenforscher frohlocken: eine Sensation, ein Relikt aus tiefen Schichten der Sprachgeschichte. Produktive Patronymik! Auf nach Island!

Im Telefonbuch entscheidet der Vorname

Für Onomastiker sind die Arbeitsverhältnisse auf der Insel zudem ausgesprochen komfortabel: Während sich Vulkanologen an Kraterränder wagen und Finanzwissenschaftler auch in unsicheren Kreisen verkehren, müssen sie nur das Telefonbuch aufschlagen – es gibt für die Insel mit ihren 330 000 Einwohnern nur ein einziges mit rund 1000 Seiten – und darin nach Guðrún Kvaran fahnden.

Island1 © REUTERS Vergrößern Auch im einzigen Telefonbuch zählen die Vornamen

Tückisch ist allein das Ordnungsprinzip: Nicht nach Kvaran, sondern nach Guðrún muss suchen, wer die Vorsitzende des Isländischen Sprachrats finden will. Hier, wo selbst der Regierungschef geduzt wird, entscheidet auch im Telefonbuch der Vorname.

„Wir möchten das nicht ändern“, sagt Guðrún Kvaran. Nicht nur die Namen, die Sprache insgesamt sei für das kleine Land ein Identitätsfaktor. Das Isländische hat sich – anders als die skandinavischen Schwestersprachen – seine komplizierte Grammatik mit einem voll ausgebildeten Deklinations- und Flexionssystem erhalten, seinen Vokalreichtum auch.

Auch modernes Isländisch klingt nach Wikingern

Außerdem finden Kvaran und ihre Kollegen für Fremdwörter konsequent einheimische Begriffe: Aus Telefon wird sími („Draht“), aus dem Internet veraldarvefurinn („Weltverflechtung“). So klingt auch das moderne Isländische noch nach den Wikingern, nach altnordischer Sagaliteratur und Charakterköpfen wie Egill Skallagrímsson, einem blutrünstigen und poetischen Helden aus dem rauhen zehnten Jahrhundert.

Skalla-Grímr („Glatzen-Grímr“) war sein Vater. Egill setzte diesen Vornamen, im Genitiv und mit der Endung -son, hinter seinen eigenen Vornamen. Folgerichtig hießen seine eigenen Söhne dann Böðvar, Gunnar und Þorsteinn Egilsson, seine Töchter aber Þorgerðr und Bera Egilsdóttir – die Endung -dóttir signalisiert das weibliche Geschlecht.

Ein „Vaternamensystem“

So funktioniert Patronymik, das „Vaternamensystem“, das es früher auch anderswo gab, etwa in Schottland mit der Vorsilbe „Mac“. Und jede Familie Petersen aus Norddeutschland kann auf einen Ahnen namens Peter schwören. Auf Island aber hat sich der Insellage und der geringen Einwohnerzahl wegen seit Egils Tagen nichts daran geändert.

Einspruch!, würde Guðrún Kvaran rufen. Denn so pauschal stimmt das nicht. In der Namenfrage spiegelt sich vielmehr die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes: der Kampf um die Unabhängigkeit von der bis 1944 dauernden dänischen Vorherrschaft zunächst, die Diskussion über ausländische Zuzügler, schließlich die Emanzipation der Frauen. Das Ergebnis ist eine Gesetzeslage zwischen Reglementierung und Vielfalt.

Ihre eigene Tochter Steinunn, rechnet Kvaran vor, hat zur Gestaltung ihres Nachnamens nun gleich ein Dutzend Varianten zur Wahl: So kann sie sich nach ihrem Vater Jakobsdóttir nennen oder nach ihrer Mutter (seit 1991 sind Metronymika den Patronymika gleichgestellt) Guðrúnardóttir. Mutternamen sind zwar schon in der Egilssaga belegt, in der die Söhne der Hildiríður, Hárekur und Hrærekur, eine ehrbare Rolle spielen. Später aber kamen sie in Verruf, da sie Spekulationen über den Kindsvater beförderten. Heute ist der nach seiner Mutter Helga benannte Profifußballer Heidar Helguson der wohl bekannteste Isländer mit Metronymikon.

Eine Amnestie für Familiennamen

Das 1991 vom Althing, dem Parlament, verabschiedete Gesetz schließt neben der Rückkehr zu der schon aus dem Mittelalter verbrieften Gleichberechtigung auch eine Amnestie für bestehende Familiennamen ein. Guðrún Kvarans Tochter dürfte deshalb auch Steinunn Kvaran heißen.

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