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Radikalisierung : „Die Kinder verabschieden sich nicht, sie verschwinden“

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Wie nah ist uns der Terror? Der Dschihadist Philip B. („Abu Usama“) aus Dinslaken auf einem Propagandavideo 2013 in Syrien. Bild: Screenshot Youtube

Was tun, wenn der Sohn plötzlich radikal wird und vom Dschihad spricht? Islamismus-Expertin Claudia Dantschke will Familien helfen und spricht im Interview über die Anziehungskraft des „Pop-Dschihadismus“.

          Frau Dantschke, Sie beraten für das Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) Angehörige von sich radikalisierenden Jugendlichen. Was geht in den Köpfen dieser Jugendlichen nach den Attentaten von Paris vor?

          Ich habe es ja auch mit Jugendlichen zu tun, die eine Affinität zu der Szene haben. Das heißt, das sind Kreise, die zwar selbst weder gewalttätig noch wirklich schon ideologisiert sind, aber die in den Karikaturisten durchaus auch Islamhasser sehen, also das Empfinden haben: Die haben den Islam beleidigt. Viele denken: Das hat eigentlich nicht die Falschen getroffen. Das sagen sie aber nicht offen.

          Führt dieses Denken häufig zu weiterer Radikalisierung?

          Es gibt noch keinen Fall, bei dem wir sagen würden: Bisher verlief die Beratung ganz gut, aber durch die Attentate in Paris ist alles gekippt. Die Anrufer sind mehr geworden, aber auch nicht erst seit Paris, sondern schon seit letztem Sommer, das steigt unaufhörlich. Die Angst bei den Eltern ist größer, und sie melden sich zeitiger.

          Sie sprechen von einem „Pop-Dschihadismus“. Was verstehen Sie darunter?

          Ungefähr seit drei, vier Jahren hat sich in Deutschland wie zuvor schon in England und in anderen westeuropäischen Ländern eine radikale salafistische Jugendkultur entwickelt. Das ist eine hippe Jugendkultur, und sie können dort vieles finden, was Jugendkulturen ausmacht: Abgrenzung von den Eltern, Aufmerksamkeit, Gruppengefühl, vermeintlich starke Männlichkeitsbilder. Auch wenn diese Jugendlichen nicht auf der Suche nach Religion sind, werden die Begründungsmuster aus der Religion entlehnt und zugespitzt.

          Und was macht den Pop-Dschihadismus so verführerisch?

          Claudia Dantschke berät für das Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) Angehörige von radikalisierten muslimischen Jugendlichen
          Claudia Dantschke berät für das Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) Angehörige von radikalisierten muslimischen Jugendlichen : Bild: Privat

          Dass du der Held sein kannst, dass du zur auserwählten Gruppe gehörst, und selbst wenn du dann stirbst, wirst du dafür mit dem perfekten, glücklichen Leben im Paradies belohnt. Und da diese Jugendlichen in ihrem bisherigen Leben, sozusagen im Diesseits, nur Misserfolge und Frust hatten, sich nicht wahrgenommen fühlten, haben sie endlich das Gefühl, dazuzugehören. Die meisten haben auch nicht gelernt, für irgendwelche Misserfolge die Verantwortung zu übernehmen oder sich nach einem Misserfolg wieder aufzurappeln und ihn zu verkraften.

          Also hätten sie sich theoretisch auch einer anderen Jugendbewegung anschließen können, um zu rebellieren?

          Ja, der Zufall spielt da eine große Rolle. Erfolg hat der Pop-Dschihadismus auch dadurch, dass er die jugendkulturellen Medien ganz stark nutzt. Die dschihadistischen Gruppen werben für sich anders, als es früher Al Qaida getan hat. Es gab damals schon dschihadistische Internetforen, auf die man aber nicht zufällig stieß. Jetzt gibt es Facebook-Seiten und einzelne Dschihadisten aus Syrien mit eigenen Twitter-Accounts. Das heißt, sie sprechen die Jugendlichen genau dort an, wo sie sich schon befinden.

          Spielt es auch eine Rolle, dass der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) mit Logos und Uniformen arbeitet und so hohe Identifikationsmerkmale schafft?

          Das haben diese Gruppen immer schon gemacht. Für eine Jugendkultur ist es wichtig, sich abzugrenzen von anderen Jugendkulturen, denn es ist ja eine Gemeinschaft, zu der man gehört, und da ist das Outfit, die Markierung ganz wichtig. Die Dschihadisten laufen nicht wie traditionell fromme Muslime herum, sondern tragen Military-Look. Das hat auch schon Al Qaida gemacht, aber der IS hat über die letzten Jahre eine Art westliches Pop-Outfit entwickelt, so eine Art Streetwear mit eigenen Fanshops. Im Internet kann man von der Basecap über das T-Shirt alles Mögliche bestellen, und das ähnelt dann eben genau diesem dschihadistischen Outfit.

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