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Veröffentlicht: 08.08.2015, 09:47 Uhr

Mittelalter-Forschung Menschen brauchen Monster

Rudolf Simek hat ein Buch über mittelalterliche Monster geschrieben. Die haben nichts mit Gruselgeschichten zu tun, sondern viel mit Moral. Ein Gespräch über Monster und darüber, was sich von ihnen lernen lässt.

von Wibke Becker
© Reproduktion Rudolf Simek Cyclopes, einäugige Riesen. Manchmal als Menschenfresser oder als Wildfleischfresser beschrieben.

Professor Simek, Sie sind ein Experte für mittelalterliche Monster. Erklären Sie mal: Was ist ein Monster?

Ein Monster im Mittelalter war ein Mensch oder ein Volk von Menschen, das sich durch den Körper, die Ernährung oder das soziale Zusammenleben von den Europäern unterschied. Und zwar so, dass es als moralisches Beispiel verwendet werden konnte. Aber warten Sie, ich habe Ihnen ein Monster mitgebracht (greift neben sich in eine Plastiktüte.)

Echt? Zeigen Sie her!

Ich hab hier eins, ein echtes Monster (zieht ein Alf-Kuscheltier heraus)! Beschreiben Sie mal Alf.

Okay. Alf kann sprechen. Er hat einen ähnlichen Körperbau wie ein Mensch, obwohl die Nase viel größer ist. Und er hat einen ziemlich starken Haarwuchs.

Bis jetzt haben Sie mich beschrieben. Was ist an Alf anders?

Er isst Katzen. Und er ist sehr klein.

Da haben wir es. Mittelalterliche Monster waren - mit wenigen Ausnahmen - dem Menschen unterlegen. Entweder hatten sie keine Kleidung, keine Häuser, oder sie aßen ganz komische Nahrung. Oder ihr Körper war auf die eine oder andere Weise mangelhaft. Monster waren deshalb eigentlich nicht bedrohlich. Meines Erachtens waren sie im Mittelalter eher etwas Bemitleidenswertes.

35544348 Panotii, Großohren. Besitzen riesige Ohren, mit denen sie sich bedecken können. Ein hervorragender Sonnen- und Kälteschutz © Reproduktion Rudolf Simek Bilderstrecke 

Ich denke bei Monstern eigentlich eher an fiese Zähne und fette Krallen.

Heute ist das so. Nach mittelalterlicher Definition aber nicht. Monster hatten immer etwas Menschliches an sich. Deshalb wurden Drachen oder andere monströse Tiere auch nicht als Monster bezeichnet.

Sie sagten am Anfang: Monster sollten als moralisches Beispiel dienen. Wie meinten Sie das?

Die Abweichungen - man könnte auch sagen: die Mängel - der Monster sollten auf mögliche moralische Defizite der Menschen hinweisen. Oder auch darauf, dass Gott die menschlichen Völker viel vielfältiger konzipiert hat, als wir das aus dem eurozentrischen Blick sehen.

Warum haben Menschen sich überhaupt mit Monstern beschäftigt?

Ich glaube, dass die Menschen Monster brauchen.

Wieso?

Um sich als Gruppe zu definieren. Im Mittelalter hieß das: als Europäer. Die Menschen fragten sich, was an ihnen eigentlich normal ist. Und was an den anderen anders war. Leute in Nordafrika waren auch Menschen, aber eben schwarz. Andere aßen fremde Dinge. Oder sie hatten Missbildungen. Mit diesen Unterschieden mussten die Leute im Mittelalter irgendwie umgehen.

Man braucht eine identitätsstiftende Abgrenzung doch nur, wenn man viel Kontakt mit dem Fremden hat, oder? Heute ist das so, aber im Mittelalter traf man selten auf andere Kulturen.

Dass man im Mittelalter nicht viel herumkam, ist ein Mythos. Klar, der leibeigene Bauer ist nie von seiner Scholle weggekommen. Aber alle anderen, Kleriker, Kaufleute, Soldaten, Könige und Adlige, später die Studenten und Handwerker - die waren alle pausenlos unterwegs! Es gab sehr viele Geschichten über Monster. Sie wurden von Augenzeugen manchmal abgeschwächt oder wie bei Marco Polo aufgefettet. Einer der einflussreichsten Schreiber war John Mandeville. Er ist zwar überhaupt nicht gereist, hat überall abgeschrieben. Trotzdem beschreibt er am überzeugendsten die damals als monströs empfundenen Völker und Sprachen. Und er erzählte dann zum Beispiel, dass es in manchen Regionen Völker gebe, die den Darm hinten raushängen hätten, weil es dort so heiß sei, dass sie ihn kühlend ins Meer hängen lassen müssten.

Ich mag es sehr, dass bei den Erzählungen über Monster so mit dem Körper gespielt wurde. Dass es etwa Monster gab, die sich ihre Lippe als Kapuze überziehen konnten.

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