Home
http://www.faz.net/-gum-2mhn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview „Industrie ignoriert bedeutende Entwicklungen in der Forschung“

29.05.2001 ·  Der Pressesprecher der Wissenschaftsorganisation Leibniz-Gemeinschaft kritisiert im FAZ.NET-Interview das Thesenpapier der deutschen Industrie zur Neuorganisation der Forschung.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Frank Stäudner ist Pressesprecher der Leibniz-Wissenschaftsgemeinschaft bezieht im Interview mit FAZ.NET Stellung zum Thesenpapier des Bundesverbandes der deutschen Industrie und des Deutschen Industrie- und Handelstag zur Neugestaltung der öffentlichen Forschungslandschaft in Deutschland.

Herr Stäudner, in dem Thesenpapier werfen die Industrieverbände den staatlich geförderten Forschungseinrichtungen „eklatante Effizienzmängel bei der Verwendung der öffentlichen Forschungsmilliarden“ vor. Wie reagiert die Leibniz-Gemeinschaft auf diesen Vorwurf?

Die Kritik trifft, zumindest für die Leibniz-Gesellschaft, voll daneben. Scheinbar ignorieren die Industrieverbände bedeutende Entwicklungen in der Forschungslandschaft der letzten Jahre. Zu den wesentlichen Entwicklungen der Leibniz-Gesellschaft gehört die Schaffung eines umfassenden Qualitätsmanagements. Unabhängige Gutachtergruppen bewerten regelmäßig die wissenschaftliche Arbeit der 78 Institute, mit direkten Auswirkungen auf die Mittelausstattung, ja sogar sechs Institutsschließungen in den letzten fünf Jahren. Bis 2003 werden alle Institute auch eine Kosten- und Leistungsrechnung einführen und ihre Mittel flexibel bewirtschaften.

Die Wirtschaft fordert mehr Mitsprache bei der öffentlich finanzierten Forschung. Kann das funktionieren?

Wo die Mitsprache der Wirtschaft nötig und sinnvoll ist, findet sie doch längst statt. Zum Beispiel in einigen wissenschaftlichen Beiräten der Leibniz-Institute. Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, der nun gewählter Präsident der Leibniz-Gemeinschaft ist, sagte vor kurzen: „Sie werden von einem Wirtschaftsführer niemals eine wirklich langfristige Perspektive bekommen. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe des Staates, für langfristige Forschung Mittel zur Verfügung bereitzustellen.“

Im Thesenpapier der Industrieverbände wird geklagt, dass die Ergebnisse der deutschen Forschung „häufig nur auf Mittelfeldrängen“ bleiben. Schiebt die Wirtschaft da den Forschungsinstituten den schwarzen Peter zu?

Das scheint so und es ist unfair. Oft hemmt auch die mangelnde Beweglichkeit und Phantasie der Industrie den Weg von der Grundlagenforschung in die Anwendung. Zum Beispiel stieß die neue Silizium-Germanium-Kohlenstoff-Technologie zur Chipherstellung bei vielen Firmen auf Zurückhaltung. Einige haben sogar über die neue Technik nur geschmunzelt. Jetzt soll in Frankfurt/Oder für drei Milliarden Mark eine Fabrik gebaut werden, die mit dieser Technik Chips herstellt.

Die Wirtschaft fordert mehr Wettbewerb und Chancengleichheit und fordert, dass sich alle kompetenten Forschergruppen um öffentliche Gelder für Projekte bewerben können. Außerdem verlangt die Industrie eine Absenkung der Grundfinanzierung für einige Großforschungseinrichtungen, darunter die Leibniz-Gemeinschaft. Kann das funktionieren?

Gegen mehr Wettbewerb ist wenig zu sagen. Die Leibniz-Gemeinschaft will in nächster Zeit das Augenmerk auf neue Modelle richten. Generell ist die Forderung nach pauschaler Absenkung der Grundfinanzierung aber unsinnig. Es gibt langfristige wissenschaftliche Aufgaben, die kaum Chancen in der klassischen Projektförderung haben, aber trotzdem wichtig sind. Letztlich macht's ein gesunder Mix aus Grundfinanzierung und Drittmitteln. Dabei unterstützen wir den Ruf nach mehr Autonomie der Forschungsinstitute uneingeschränkt.

Das Interview führte Thomas Klein


Die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V., kurz die Leibniz-Gemeinschaft, ist ein Zusammenschluss von derzeit 78 wissenschaftlich, rechtlich und wirtschaftlich eigenständigen Forschungsinstituten und wissenschaftlichen Serviceeinrichtungen in Deutschland, die von Bund und Ländern gemeinsam finanziert werden. Die Leibniz-Gemeinschaft ist keine Trägerorganisation. Sie koordiniert gemeinsame Interessen der Mitgliedseinrichtungen und vertritt diese in der Öffentlichkeit.

Quelle: @tk
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel