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Interview „Eine Tante ist wie ein Festtag“

 ·  Die Bibel, die alten Griechen, Shakespeare - sie alle zeigen an Tanten wenig Interesse. Anders Rupert Christiansen: Er hat ihnen sogar ein Buch gewidmet. Ein Gespräch über die unterschätztesten Verwandten, Lennons Glück und die Simpsons.

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Rupert Christiansen, Sie sind - und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal zu jemandem sagen würde -, Sie sind ein Experte für Tanten. Gerade ist in England Ihr Buch „The Complete Book of Aunts“ erschienen. Eigentlich glaubt man ja zu wissen, wie es sich verhält mit der Tante, weil fast jeder eine hat, aber: Was zeichnet für Sie als Fachmann die ideale Tante aus?

Für mich ist das Ideal der Tante die Schriftstellerin Jane Austen.

Autorin von „Sinn und Sinnlichkeit“, „Stolz und Vorurteil“, „Emma“.

Sie war nicht verheiratet, hatte keine eigenen Kinder, aber viele Brüder und Schwestern. Und während viele Frauen unglücklich sind, weil sie keine Kinder haben, beschloss Austen, stattdessen einfach die beste Tante zu sein, die man sich vorstellen kann. Sie zeigte Interesse an all ihren Nichten und Neffen, hatte eine Begabung dafür, mit ihnen von gleich zu gleich zu verkehren. Mit den Buben tobte sie im Garten herum, mit den Mädchen sprach sie über Jungs und Gefühle und dergleichen. Sie konnte aber auch streng sein. Sie regte ihre Phantasie an, indem sie ihnen Geschichten erzählte; es gibt viele Geschichten darüber, dass sie sie in London zum Essen ausführte oder in angeblich unpassende Theaterstücke.

Als ihre älteste Nichte Fanny, so schreiben Sie, mit zwanzig nicht wusste, ob sie einen Verehrer heiraten sollte, riet Austen ihr: „Es gibt nichts, was einer Ehe ohne Zuneigung nicht vorzuziehen wäre.“

Ja, sie beriet ihre beiden Nichten, die Schriftstellerinnen werden wollten, beim Schreiben wie auch in Liebesfragen, und das mit der perfekten Mischung aus Sympathie und Kritik. Das ist das ideale Verhältnis der Tante zu Nichten und Neffen: Es ist auf diese gewisse Art anders als das zu den Eltern.

Die Tante ist in einer besonderen Situation: Sie gehört zur Familie, aber nicht zu deren unmittelbarem Kern. Sie gehört der gleichen Generation an wie die Eltern, muss aber nicht so streng sein.

Es ist viel einfacher, eine Tante zu sein. Tanten können Spaß mit den Kindern haben. Es ist wie ein Festtag, ein Tag Karneval: Man geht die Tante besuchen, und dann können die Regeln auch mal gebrochen werden. Besonders wichtig ist, dass Nichten und Neffen darauf vertrauen können, dass nicht sofort die Eltern benachrichtigt werden darüber, was da passiert. Die Tante muss eine Art sicheres Territorium bieten.

Was ist noch wichtig?

Dass man als Tante Nichten und Neffen so behandelt, als seien sie ein wenig älter, als sie tatsächlich sind.

Das gibt ihnen quasi eine Decke, nach der sie sich strecken können.

Ja, und ein Gefühl der Freiheit, eines Horizonts, der weiter ist als der im eigenen Zuhause.

Ich fand auch immer, dass Tanten einem das Gefühl geben, gute Menschen zu sein.

(lacht) Ach so?

Sie sind zwar durch die Biologie geneigt, einen zu lieben, müssen es aber strenggenommen nicht, weil sie eben nicht Eltern oder Geschwister sind. Dass sie es trotzdem tun, ist ein gutes Gefühl.

Weil man sich wie ein guter Mensch vorkommt, ja. Bei der Tante - auch beim Onkel übrigens - kann ein Kind außerdem lernen, wie es eine Beziehung zu einem Erwachsenen aufbaut. Eine Tante, so erfährt das Kind, kann eine Freundin sein; Freunde sind nicht nur Leute im eigenen Alter.

Sie sind im Hauptberuf Kritiker und Kolumnist. Dass Sie nun das Buch über die Tanten geschrieben haben, hatte das auch mit Ihrer eigenen Tante Janet zu tun, von der Sie im ersten Kapitel berichten?

Ja, als sie gestorben war, stand ich an ihrem Grab und dachte, ich habe ihr nie gesagt, wie viel sie für mich getan hat. Das war der Kern der Idee. Ein paar Tage später saß ich beim Dinner mit Freunden, wir redeten über Tanten, und ihr kleiner Sohn fragte: Warum gibt es überhaupt Tanten? Und ich dachte: Das ist eine sehr gute Frage.

Die Bibel oder die griechischen Dramatiker, so fanden Sie dann bei den Recherchen heraus, zeigen an der Tante wenig Interesse . . .

Shakespeare auch . . .

Zu einer wirklich faszinierenden Gestalt wird sie dann aber seit Mitte des 18. Jahrhunderts.

Ja, das ist bemerkenswert. Es hat vermutlich etwas damit zu tun, dass damals Frauen mehr Kontrolle darüber gewannen, wen sie heiraten. Dafür brauchten sie den Rat anderer Leute. Und wenn man jung ist, will man nicht auf seine Eltern hören, sondern sucht sich die Weisheit anderswo: bei jemandem, der ebenfalls Lebenserfahrung hat, aber neutraler ist - eben bei der Tante. Viele Romane dieser Zeit kennen die Tante, an die sich ein junges Mädchen auf der Suche nach Rat wendet.

Ein ganz zentraler Typ der Tante ist die mütterliche - John Lennon ist bei einer solchen aufgewachsen.

Eine hochinteressante Geschichte. Als Mimi Stanley, seine Tante, ihn nach der Geburt im Krankenhaus zum ersten Mal sah, dachte sie sofort: Das ist mein Kind. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass seine Mutter - ihre Schwester Julia - ein recht hoffnungsloser Fall war; auch sein Vater Alf Lennon war eher unzuverlässig. Julia war offenbar nicht unglücklich darüber, dass John mit fünf zu seiner Tante kam.

Wo Julia ihn besuchte.

Ja, es kam zu einem bemerkenswerten Tausch der Rollen. Julia, seine Mutter, wurde zu seiner Tante. Sie kam etwa einmal im Monat zu Besuch, nahm das Kind mit auf herrliche Ausflüge und brachte ihn dann zurück zu Mimi. Bezeichnenderweise fragte John Mimi: Warum kann ich dich nicht Mummy nennen? Sie war eine sehr gute, eine konventionelle Mutter, die ihm eine gesicherte Kindheit bot. Sie blieb ihm bis ans Ende seines Lebens sehr eng verbunden; er rief sie jede Woche an, als er in New York lebte.

Wir wollen aber nicht so tun, als gäbe es nicht auch die schlimme Tante, in Ihrem Buch neben anderen vertreten durch die Bouvier-Schwestern - die Tanten von Bart und Lisa Simpson aus der gleichnamigen Zeichentrickserie.

Ja. jemand sagte mir, die Tanten der Simpsons seien doch ganz lustig, aber ich finde sie schrecklich. Sie repräsentieren den Niedergang der Tante, wenn man so will; sie sind streng, aber auch dekadent.

Kettenraucherinnen.

Langweilig sind sie zudem; man kann sich nicht vorstellen, dass Bart oder Lisa mit ihnen einen Tag verbringen könnten - und Spaß haben. Außerdem gibt es nicht nur eine von ihnen; diese schreckliche Tante tritt gleich im Doppelpack auf.

Ändert sich eigentlich die Beziehung zur Tante, wenn der Neffe oder die Nichte auch erwachsen ist?

Hm. Als meine Tante älter wurde, kehrte sich die Beziehung um, und ich kümmerte mich mehr um sie. Es ist, nehme ich an, wie bei den Eltern, nicht wahr? Sie blieb weiterhin meine Freundin, aber sie konnte mich jetzt nicht mehr mit Dingen oder Orten bekanntmachen, die mir neu waren.
Es gab einige Dinge in meinem Leben, die sie nicht verstand oder nicht billigte. Ich habe versucht, ihr meine Welt näherzubringen - ich habe jetzt ein schlechtes Gewissen, weil ich mehr hätte tun können -, aber ich glaube auch nicht, dass sie daran sehr viel Spaß hatte.

Und wie ist der Stellenwert der Tante in unseren Tagen?

Das goldene Zeitalter der Tante ist vorbei. Mit dem Zweiten Weltkrieg hatte sich ein Bild der Tante durchgesetzt, das sie mit Vorschriften, mit dem Establishment gleichsetzte. Heute ist der Punkt erreicht, wo sich niemand gerne Tante nennen lässt. Das ist einem peinlich, wenn man 30 ist. Keiner meiner Freunde lässt sich von Nichten und Neffen Tante nennen, sondern beim Vornamen.

Und Ihre eigenen Nichten und Neffen?

Nennen mich nicht Onkel, sondern beim Vornamen. Diese Entwicklung hat auch mit der Krise der Autoritäten zu tun; junge Leute sind nicht mehr an der Weisheit der Älteren interessiert, sondern orientieren sich an den Gleichaltrigen.

Könnte man sich nicht vorstellen, dass der nächste Schritt die „coole Tante“ ist, die Nichten und Neffen an die guten Bücher, die angesagteste Musik heranführt?

Ja, das wäre ein Kapitel für die zweite Auflage des Buches. (lacht) Das gefällt mir: Die coole Tante - das wäre die moderne Version der Tante, die den Horizont ihrer Nichten und Neffen erweitert.

Was würden Sie denn einer Tante - ob sie nun den Titel führt oder nicht - empfehlen, damit sie eine gute Tante ist?

Das erste ist: Zuhören. Als Tante sollte man einem Kind nicht die eigene Persönlichkeit aufzwingen; sie sollte das Kind sagen lassen, was es ihr sagen will.

Und was macht der ideale Neffe, die ideale Nichte?

Oh dear, das wird jetzt sehr altmodisch klingen: Danke sagen. Anerkennen, dass da jemand eine Anstrengung unternommen hat.

Weil man dazu neigt, eine Tante für selbstverständlich zu halten - zu glauben, sie hätte kein Leben außer dem, das sie mit uns teilt?

Ja, genau. Das sagt dieses Danke: Man weiß, dass sie an einen gedacht hat - obwohl sie das nicht müsste.

Das Gespräch führte Bertram Eisenhauer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.01.2007, Nr. 2 / Seite 12
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