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Interview „Die Leute rennen uns die Bude ein“

06.12.2006 ·  Seit dem Tod des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko kann sich das Restaurant „Polonium“ im englischen Sheffield vor Gästen kaum retten. Inhaber Sidorowicz im Interview über den ungewöhnlichen Namen seines Restaurants.

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Ein Restaurant im mittelenglischen Sheffield hat seit dem Mord an dem früheren russischen Spion Alexander Litwinenko plötzlich viel mehr Gäste als zuvor. Der Grund: Das polnische Lokal heißt wie der radioaktive Stoff, mit dem Litwinenko vergiftet wurde. Dazu der Inhaber des Restaurants „Polonium“, Boguslaw Sidorowicz.

Mögen Sie Spionagethriller?

Ich mag James Bond, und ich interessiere mich sehr für Spionagegeschichten aus der Zeit des Kalten Krieges. Die Nachrichten um den Mord von Alexander Litwinenko verfolge ich natürlich auch mit großem Interesse, aber viel Zeit habe ich nicht dafür.

Die mysteriöse Ermordung des einstigen Spions hat Ihnen offensichtlich ein ziemlich gutes Geschäft gebracht.

Manchmal scheint des einen Pech des anderen Glück zu sein. Es ist unglaublich. Vor Weihnachten haben wir ohnehin mehr Gäste als sonst, aber in diesem Jahr erleben wir einen Buchungsboom. Die Leute rennen uns die Bude ein. Seit dem vorvergangenen Wochenende haben wir ungefähr 40 Prozent mehr Umsatz gemacht.

Erzählen Ihnen die Gäste, wieso sie sich plötzlich so sehr für Ihr Restaurant interessieren?

Leider habe ich wenig Zeit für Gespräche mit den Gästen. Ich kümmere mich darum, daß der Betrieb reibungslos läuft und wir genug Personal haben. Wir mußten schon einen zusätzlichen Koch einstellen, so viel gibt es plötzlich zu tun. Die Leute machen Fotos von unserem Lokal. Unsere Internetseite hatte zuletzt 728.000 Besucher.

Es ist ja nicht gerade üblich, ein Restaurant nach einem radioaktiven Stoff zu benennen. Wie kam das Restaurant zu seinem Namen?

Ich habe in einer polnischen Volksmusik-Gruppe gespielt, die „Polonium“ hieß. Ein Freund von mir, ein Chemiker, kam auf die Idee, die Gruppe nach dem chemischen Stoff zu benennen.

Hat der Name schon früher Aufsehen hervorgerufen?

Nein, das Restaurant hieß 28 Jahre lang „Polonium“, ohne daß es jemand gekümmert hätte. Manchmal fragten uns Gäste, was der Name bedeutet. Jetzt kennt die ganze Welt Polonium.

Was essen und trinken poloniumbegeisterte Restaurantbesucher am liebsten?

Der Renner ist unser Winter-Spezial, ein Vier-Gänge-Menü mit traditionellen polnischen Gerichten für 11 Pfund (16 Euro). Außerdem schenken wir verschiedene Sorten Wodka und polnisches Bier aus.

Haben Sie etwas an der Speisekarte oder an dem Lokal geändert?

Nein, es ist alles beim alten geblieben. Wir überlegen allerdings, auch während der Woche mittags zu öffnen. Und wir haben 5000 zusätzliche Flugblätter mit unserer Speisekarte drucken lassen, 3000 davon sind schon vergriffen.

Wie lange wird der Ansturm wohl anhalten?

Wir versuchen, nicht zu aufgeregt zu sein. Wenn wir einen sehr guten Dezember haben, sind wir schon zufrieden.

Die Fragen stellte Claudia Bröll

Quelle: F.A.Z., 06.12.2006, Nr. 284 / Seite 11
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