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Interview „Bei der Geburt und bei der Hinrichtung von Helden dabeisein“

Der Psychiater Mario Gmür im Interview mit der F.A.Z. über den jüngsten RTL-Einfall „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“, die Lust am Quälen und künstliche Prominenz.

© dpa/dpaweb Vergrößern Deutschland, deine „Stars”: Stahnke, Küblböck

Der Psychiater und Psychotherapeut Mario Gmür ist Dozent an der Universität Zürich und Autor des Buchs "Der öffentliche Mensch". Im Gespräch mit der FAZ erklärt er, warum manche Stars bei Shows wie „Ich bin ein Star“ mitmachen.

Und wie finden Sie die RTL-Sendung "Ich bin ein Star"?

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Sie wirkt auf mich geschwätzig, kitschig, unprägnant, klischeehaft, kindisch. Die ganze Sendung kündet von einer regrediert-infantilen Verfassung.

Es ist halt ein Abenteuerspiel.

Ja, aber ein Abenteuer zeichnet sich durch Überraschungen aus, durch Unglaubliches. Diese Sendung ist konstruiert-artifiziell, eine hausbackene Urwald-Folterkammer, eine Geisterbahn: Man bezahlt und kommt wieder heraus. Authentizität wird nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit ist es eine Versuchsanordnung.

Ein Menschen-Experiment?

Mich erinnert es stark an das Milgram-Experiment, in dem die Versuchspersonen Elektroschocks verabreichen konnten und dafür Schmerzen des Opfers in Kauf nahmen, wenn nur jemand den Befehl zum Quälen gegeben hatte.

Versuchsperson ist also der Zuschauer?

Ja, denn er kann per telefonischer Abstimmung den auswählen, der die Dschungelprüfung bestehen muß, so daß die Gruppe zu essen bekommt. Wie stark der Druck ist, sah man an Daniel Küblböck, der seinen Kopf in ein Aquarium mit Wasserspinnen steckte.

Teilnehmer wie Lisa Fitz, Susann Stahnke, Costa Cordalis kennen sich aber in der Medienwelt aus.

Das hilft ihnen nicht. Hier geht es um eine Instrumentalisierung von Menschen für ein dramaturgisches Konzept in der Öffentlichkeit. Die Zuschauer wollen bei der Geburt und bei der Hinrichtung von Helden dabeisein. Zunächst wird Mittelmäßigkeit in den Himmel gehoben, und es entsteht künstliche Prominenz ohne Exzellenz, Substanz, Relevanz. Dann folgt der Abstieg: Der Star wird nicht nur auf den Boden zurückgeholt, sondern gleich in die Hölle gesteckt.

Man wird, wie Daniel Küblböck, als er in Kakerlaken badete, gewissermaßen den Tieren zum Fraß vorgeworfen.

Es ist eine narzißtische Beziehung zwischen Öffentlichkeit, Medienmachern und Stars. Die Stars werden gebraucht als Projektionsfläche. Sie sind in einem gruppendynamischen Spiel und werden als Hexe, Teufel oder Liebling dargestellt. Sie werden zu Empfängern von Attributen und Anschauungen mittels parasozialer Interaktion: Man kann auf sie losschlagen, ohne daß ein Feedback kommt.

Und am Ende will es, wie beim Milgram-Experiment, niemand gewesen sein?

Das sind klassische Tricks der Massenpsychologie. Das Zentrum der Verantwortung wird arbeitsteilig aufgelöst, ist unberechenbar und kann in jede Richtung gehen. Das Publikum kann als Voyeur Angstlust empfinden und sadistische Bedürfnisse ausleben. Die Medien surfen ja auf den Gefühlen der Zuschauer und können Ekel, Grusel oder Angst hervorrufen, indem sie Obszönes, Makabres, Unheimliches, Gefährliches bieten. Die Medien rufen beliebige Gefühle hervor. Das Sadistische daran wird gar nicht mehr sozial geächtet, wie die Einschaltquoten zeigen.

Gewähltwerden und Abgewähltwerden, auch Hoffnungen und Enttäuschungen sind alltäglich. Könnte das Fernsehen bei der Verarbeitung solcher Gefühle helfen?

Das kann sein. Das Sharing, wie man das Teilen solcher Erfahrungen in der Psychologie nennt, kann auch etwas Positives haben: Man könnte auf verschiedene Herausforderungen besser vorbereitet sein.

Und die Kehrseite?

Das sind Medienopfer, Menschen, die durch aggressive und bloßstellende Publizistik Schaden erleiden. Ich unterscheide fünf Kategorien: Paparazzi-Opfer, die gejagt werden, Outing-Opfer, deren meist sexuelle oder finanzielle Geheimnisse durch Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangen, Lügen- und Falschdarstellungsopfer, Tribunalisierungsopfer, die öffentlich an den Pranger gestellt werden, und schließlich Instrumentalisierungsopfer, die für ein Konzept verwendet werden und dann wieder nach Hause gehen können.

Was sind die Folgen?

Die Opfer werden stigmatisiert, also nur noch auf eine Eigenschaft reduziert. Es könnte Situationen geben, auf die ein posttraumatisches Streßsyndrom folgt, wenn jemand Kot essen muß oder mit Ungeziefer übersät wird.

...und das in der Öffentlichkeit!

Die Öffentlichkeit kann geradezu die Psyche enteignen. Was dann passiert, entzieht sich der Kontrolle. Das Verhältnis des einzelnen zur Öffentlichkeit ist asymmetrisch, Medien bestimmen über Ausmaß, Zeitpunkt, Wertung. Was gesendet wird, ist irreversibel und omnipräsent. Dadurch können im Extremfall massenpsychologische Phänomene bis hin zu Pogromen oder Lynchjustiz ausgelöst werden.

Es fällt auf, daß man Menschen in die Wildnis schickt, die Stars waren, aber nicht mehr sind.

Die absteigenden Stars haben eine Öffentlichkeitssucht entwickelt und kommen nicht davon los. Ungeziefer zu essen - das erinnert mich an den Alkoholiker, der statt Spitzenwein auch Fusel nimmt, um den Pegel zu halten. Im Extremfall heißt das: Lieber tot und ein bißchen berühmt als lebendig und unbekannt.

Aber immerhin ist die "Bild"-Zeitung, die der Popularität der Sendung hilft, selbstreflexiv und schreibt: "Psycho-Terror gegen Daniel Küblböck".

Das ist ja das Verlogene. Typisch für sadistische Diktatoren war immer die Selbstironisierung. So zeigten sie, daß sie omnipotent sind und es sich sogar leisten können, selbstkritisch zu sein. Der Diktator ist zuckersüß und zeigt damit, daß er die Macht hat. Man nennt das auch Zynismus. Solche Selbstkritik dient nur der Stabilisierung des Systems.

Was sollten die Medien denn machen?

Die Medien haben eine Verantwortung. Sie müssen auf Nebenwirkungen aufmerksam machen wie ein Arzt. Sie sollten nicht menschliche Schwächen ausnutzen. Manche Menschen haben ein biographisches Defizit an Zuwendung und wollen das in den Medien kompensieren. Zu solchen Leuten müßten Fernsehmacher eigentlich sagen: Das machen wir jetzt nicht.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2004 / Nr. 11

 
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