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Interview „Aids ist inzwischen eine Familienkrankheit“

30.11.2005 ·  Der UN-Aids-Direktor Peter Piot im F.A.Z.-Gespräch über Strategien der Aids-Bekämpfung weltweit, die steigende Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland und mögliche Waffen gegen die Epidemie.

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Der UN-Aids-Direktor Peter Piot im F.A.Z.-Gespräch über Strategien der Aids-Bekämpfung weltweit, die steigende Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland und mögliche Waffen gegen die Epidemie.

Das Jahr 2004 stand im Zeichen der internationalen Aids-Konferenz, die erstmals in einem asiatischen Land stattfand. Was war für Sie an Bangkok besonders?

Sonia Gandhi war gekommen. Das war ein großer Schritt für einen ganzen Kontinent, der ihr Mut abverlangte. Es war ein Symbol dafür, daß Asien mehr ins Blickfeld der Welt rücken muß.

Für die Weltöffentlichkeit war es neu, daß auf einer Aids-Konferenz viel über Asien und Osteuropa gesprochen wurde. Warum gibt es gerade in diesen Gebieten so viele Neuinfektionen?

In Osteuropa ist es keine Übertreibung, wenn wir bereits von einer Epidemie reden. Im Baltikum, in der Ukraine oder auch in Rußland ist schon mehr als ein Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert. Das gibt es in keinem westeuropäischen Land. Das größte Problem in Osteuropa und auch in Zentralasien sind junge Menschen, die Drogen injizieren. Zugleich infizieren sich immer mehr Menschen durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Staaten wie Kasachstan oder Kirgistan erleben heute das, was sich vor wenigen Jahren in Rußland und Weißrußland, in der Ukraine und im Baltikum abgespielt hat.

Wie arbeitet Unaids mit diesen Ländern zusammen?

Eine Zusammenarbeit ist zumindest nicht unmöglich. Die ukrainische Regierung gibt sich redlich Mühe. Vor einigen Jahren schon traf ich mich mit Präsident Leonid Kutschma, was im Land selbst für Aufsehen sorgte und den Menschen das Thema Aids vor Augen führte. Wir sind aber leider noch immer nicht in dem Maße in Rußland vertreten, wie wir uns das wünschen würden. Und auch die meisten anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind offenbar der Meinung, daß sie zunächst noch mit anderen Problemen zu kämpfen haben. Ohne die Politik geht es aber nicht. Solange Wladimir Putin nicht sagt, der Kampf gegen HIV und Aids sei ein Kernpunkt seiner Politik, weil die Epidemie die Entwicklung seines Landes bedroht, so lange kann Unaids in Rußland keine großen Fortschritte verzeichnen.

Welche Hilfen benötigen diese Staaten?

Die ärmsten, etwa Tadschikistan, brauchen vor allem mehr Geld. In den meisten Staaten müssen jedoch zunächst einmal mutige Entscheidungen getroffen werden: Aids kann nicht bekämpft werden, ohne die Fakten zu akzeptieren, etwa wie die Krankheit übertragen wird und wie eine Infektion verhindert werden kann. Menschen, die Heroin spritzen, müssen entkriminalisiert werden - in vielen Ländern werden sie noch immer einfach ins Gefängnis gesteckt. Und gerade in Gefängnissen sind die Infektionszahlen sehr hoch, weil benutzte Nadeln ausgetauscht werden. In der Ukraine wiederum gibt es schon staatliche Programme, in denen benutzte Nadeln gegen neue ausgetauscht werden.

Wie viele Aids-Kranke haben Zugang zu einer antiretroviralen Therapie?

Insgesamt viel zu wenige. Besonders problematisch ist, daß die Medikamente in Osteuropa und in Zentralasien teurer sind als in Westeuropa. Das liegt an der Struktur des Marktes. In den Ländern gibt es viele Zwischenhändler. Sie treiben die Preise in die Höhe. Die wenigsten Kranken sind zudem versichert, und oft wird eine antiretrovirale Therapie von staatlicher Seite auch gar nicht gefördert. Die Situation ist also dramatisch.

Der amerikanische Präsident hat nur ein asiatisches Land ausgewählt, das er finanziell im Kampf gegen HIV und Aids unterstützen will . . .

. . . Vietnam.

Eine gute Wahl?

Ich glaube schon. Die Zahl der HIV-Infektionen steigt in Vietnam deutlich, zugleich öffnet sich das Land, und seine wirtschaftliche Entwicklung ist vielversprechend. Doch es gibt natürlich viele asiatische Länder, die Hilfe brauchen. Sicherlich gibt es politische Beweggründe: Amerika hat eine Vergangenheit in Vietnam. Und das macht es spannend, denn die kommunistische Partei kontrolliert noch immer die Gesellschaft. Wie geht das zusammen? Der Bush-Fund unterstützt ja mit seinen fünfzehn Milliarden Dollar vor allem Nichtregierungsorganisationen und nichtstaatliche lokale Gruppierungen, die es durchaus in Vietnam gibt. Auch wir arbeiten mit ihnen zusammen. Geführt werden sie allerdings meist von pensionierten Bürokraten aus der Regierung. Wir nennen sie darum „Gongos“ - Governmental Organized Non Governmental Organizations.

Was halten Sie von bilateralen Programmen wie dem sogenannten Bush-Fund?

Eine Zeitlang dachte ich, es wäre besser, wenn es für die ganze Welt nur eine große Aids-Organisation gäbe. Doch die Bürokratie würde ihr schnell den Garaus machen. Es ist nicht so einfach, große Summen Geldes zu bewegen. Und wir brauchen einfach mehr Geld. Es ist gut, Optionen zu haben - internationale und bilaterale, kirchliche und Nichtregierungs-Hilfsprogramme -, auch wenn es zur Zeit wahrscheinlich zu viele sind.

China scheint bereits ein großes Problem mit Aids zu haben. Was sind die größten Schwierigkeiten?

Die Zentralregierung in Peking hat die Aids-Problematik zwar inzwischen erkannt. Der Kampf gegen Aids kann aber nur effektiv sein, wenn die Demokratisierung eines Landes weit fortgeschritten ist: Die Betroffenen - homosexuelle Männer, Heroinsüchtige und Prostituierte - müssen die Chance haben, sich zu organisieren. Aber es gibt noch Diskriminierung und das Stigma, das den Betroffenen anhaftet. Das verhindert die Arbeit in den Provinzen. Wir müssen damit rechnen, daß sich in den nächsten Jahren Dutzende Millionen Chinesen mit HIV anstecken.

Am Weltaidstag 2003 haben UN-Aids und WHO die „3 by 5“-Initiative gestartet: Ende 2005 sollen drei Millionen HIV-Infizierte Zugang zu Aids-Medikamenten haben. In welchen Regionen werden diese drei Millionen Menschen leben?

Im Moment haben nur etwa eine halbe Million Kranke Zugang zu Medikamenten, weil überall auf der Welt zu viel Zeit verloren wurde. Und so wie es aussieht, werden wir das „3 by 5“-Ziel auch nicht erreichen. Wir müssen uns fragen: Wo gibt es die größten Fortschritte? In Lateinamerika - Brasilien hat wohl das beste Programm im Kampf gegen Aids auf die Beine gestellt - und in Südafrika, das erst vor einem Jahr seine politische Kehrtwende erlebte.

UN-Aids hat auch ausgerechnet, daß 2005 zwölf Milliarden Dollar für den Kampf gegen Aids benötigt werden.

Als Unaids 1995 gegründet wurde, hatten wir 200 Millionen Dollar zur Verfügung. Die gute Nachricht ist also, daß wir heute viel mehr Geld bekommen, als wir uns das noch vor wenigen Jahren hätten vorstellen konnten. Wenn wir alles addieren, was der „Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria“, die Weltbank sowie vor allem die Bush-Administration, aber auch andere Regierungen im Kampf gegen Aids ausgeben, dann werden es wohl acht Milliarden Dollar im nächsten Jahr sein.

Unter den Geldgebern sind auch einige Unternehmen aus der Privatwirtschaft.

Das stimmt. Und sie beteiligen sich aus zweierlei Gründen: Die Krankheit verursacht Kosten, etwa wenn Arbeitskräfte ausfallen. Das Unternehmen Anglo Gold in Südafrika mit seinen etwa 135 000 Mitarbeitern hat ausgerechnet, daß Aids die Kosten für jede geschürfte Unze Gold um fünf bis sechs Dollar in die Höhe treibt. Darum zahlt Anglo Gold allen an Aids erkrankten Mitarbeitern die Behandlung. Andererseits versuchen Firmen, mit dem Kampf gegen HIV und Aids ihr Image zu verbessern. Wenn sie zu den zwölf Milliarden Dollar beitragen, ist uns das nur recht.

Die wenigsten geben aber wirklich viel Geld. Eigentlich gibt es doch nur einen Großspender: Bill Gates.

Das stimmt. Obwohl Richard Feachem vom „Global Fund“ und ich viel herumreisen und um Geld geradezu betteln. Oft frage ich mich: Könnten wir unsere Zeit nicht besser nutzen? Doch wenn wir es nicht machen, dann haben wir noch weniger Geld zur Verfügung. Unternehmen investieren eben nicht gerne in Schwarze Löcher, in denen ihr Geld scheinbar verschwindet. Und darum kaufen Oligarchen aus Osteuropa eben immer noch lieber eine Fußballmannschaft in England.

Auch in Deutschland gibt es wieder mehr Fälle von Aids. Was ist schiefgelaufen?

Deutschland ist nicht alleine. Steigende Zahlen beobachten wir in der ganzen westlichen Welt. Betroffen sind vor allem junge und ältere homosexuelle Männer, aber auch Frauen, die sich bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr anstecken. Dafür gibt es mehrere Gründe: Als die antiretrovirale Therapie vorgestellt wurde, gab es viele, die von der besiegten Krankheit Aids sprachen. Es schien so einfach: Wer sich mit HIV infiziert, schluckt halt ein paar Pillen. Zugleich gab es auf einmal kaum noch Beerdigungen von Menschen, die an Aids gestorben waren. Tatsächlich leben Aids-Kranke heute länger und oft auch besser. So verschwand die Krankheit aus unserem Bewußtsein. Genauso wie aus dem Bewußtsein der Politiker, die in den vergangenen Jahren massiv an Prävention sparten. Dafür zahlen wir jetzt einen hohen Preis: Die Infektionsraten steigen wieder.

In Afrika und Asien haben nur wenige HIV-Positive Zugang zu Medikamenten. Sind sie immer noch zu teuer?

Die Behandlung mit Generika kostet fast nur noch 50 Cent am Tag. Hinzu kommen allerdings noch Kosten für Bluttests, Laborarbeiten und ähnliches. Doch es sind ja nicht nur die Medikamentenkosten. In Afrika gibt es ganze Länder mit nur ein paar Dutzend Ärzten und vielleicht 1.500 Krankenschwestern.

Die Regierung Bush propagiert besonders Abstinenz und Treue als Schutz gegen HIV. Ist das richtig?

Für die meisten Frauen ist die ABC-Strategie (abstinence, be faithful, condoms) unerheblich, weil es so viel sexuelle Gewalt gibt. Selbst wenn Frauen abstinent sein wollen, haben sie darauf also keinen Einfluß. Viele werden als Minderjährige verheiratet, und Abstinenz in der Ehe ist nicht vorgesehen. Zugleich sind Ehemänner nicht immer treu. Und auch über den Gebrauch von Kondomen bestimmen meist nicht die Frauen. Das heißt nicht, daß wir die Idee ganz aufgeben sollten. Sie ist Bestandteil vieler Aids-Programme, etwa daß Jugendliche nicht zu früh Sex haben sollten, wie es in Uganda erfolgreich propagiert wird. Wer sich aber nur auf die ABC-Strategie verläßt, ist naiv.

Vor zwanzig Jahren galt Aids als „Schwulenseuche“. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte aller Erkrankten Frauen. Erleichtert das Ihre Arbeit?

Ja und nein. Jeder, der sich in den achtziger Jahren um Aids-Kranke kümmerte, also um weiße homosexuelle Männer aus der Mittelklasse, der galt selbst als homosexuell. Mittlerweile leben die meisten HIV-Positiven in Afrika. Das hat einiges verändert. Auch wenn wir natürlich nicht sagen, daß Aids die Krankheit der unschuldigen Frauen geworden ist. Frauen haben ja nicht nur Sex, weil sie sich nicht wehren können. Doch unsere Arbeit hat sich trotzdem verändert: Aids ist zunehmend eine Familienkrankheit geworden. Oft sind Eltern und Kinder betroffen. Deswegen ist es so wichtig, daß Frauen die Möglichkeit bekommen, sich zu schützen - mit mikrobentötenden Gels etwa, sogenannten Mikrobioziden, die sie in ihrer Vagina verteilen. Das wäre eine phantastische Errungenschaft. Ich bin ziemlich sicher, daß wir schneller Mikrobiozide gegen HIV auf dem Markt haben werden als einen Aids-Impfstoff.

Müssen wir dann wieder auf Generika von Mikrobioziden warten, bevor auch ärmere Länder davon profitieren können?

Eins muß klar sein: Wenn Mikrobiozide nicht superbillig sind, dann sind sie sinnlos. Deswegen werden wir nicht warten, bis sie auf dem Markt sind. Wir brauchen Geldgeber und am besten die Unterstützung der Kosmetikindustrie. Sie weiß genau, wie Produkte vermarktet werden müssen, die preiswert sind, keinerlei Nebenwirkungen haben und von denen Männer nicht einmal ahnen, daß ihre Frauen sie verwenden.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2004, Nr. 280 / Seite 7
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