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Interview 15 Jahre Mir: „Eine herausragende Leistung der Russen“

 ·  Die Raumstation Mir galt als fliegender Schrotthaufen. Ein Image, das der Leistung der russischen Raumfahrer nicht gerecht wird, meint Astronaut Ulf Merbold im FAZ.NET-Interview.

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Die Raumstation Mir ist Geschichte. Nach 15 Jahren ist das Ungetüm der neuen Internationalen Raumstation ISS gewichen. Genau zum richtigen Zeitpunkt, meint Ulf Merbold, der 1994 einen Monat auf der Mir verbrachte. Für den deutschen Esa-Astronauten war der Tag des Untergangs der russischen Station dennoch kein Freudentag. Im Gespräch mit FAZ.NET zieht Merbold Bilanz und betont: Das Image der Mir als Schrotthaufen ist ungerecht.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie das Ende der Mir?

Jeder, der im All war, hat eine emotionale Bindung an eine solche Station. Schließlich hat der Mensch „nackt“ im Weltraum keine Überlebenschance, und er kann den Aufenthalt nur unbeschadet überstehen, wenn die Maschinerie um ihn herum eine künstliche Welt erschafft, die sein Überleben möglich macht. Wenn man dann gesund zurückkehrt und auch noch die Missionsziele erfüllt hat, dann ist man dankbar. Daher ist es kein Freudentag, wenn die Station jetzt in Rauch und Feuer aufgeht. Rational betrachtet ist aber jetzt der richtige Moment gekommen, mit der Mir aufzuhören und die knappen Gelder für die ISS zu nutzen.

Die Ausrüstung, die mit der Mir verglüht, wird auf etwa 1,5 Milliarden Dollar beziffert. Gab es keine Chance, die Gerätschaften zu retten?

Es ist natürlich traurig, dass die Ausrüstung verloren geht. Aber es ist billiger das neu zu bauen als es aus dem Orbit zu holen, um es dann wieder hochzubringen. Es ist leider so, dass die Umlaufbahnen der ISS und der Mir es nicht ermöglichen, etwas von der einen auf die andere Station zu bringen.

Die Mir gilt wegen zahlreicher Pannen als kosmischer Schrotthaufen. Sie halten dieses Image der Station für unberechtigt. Warum?

Es wird zumeist vergessen, dass eine Raumstation eine Maschine ist. Es gibt ja auch kein Auto, das 15 Jahre lang wartungsfrei läuft. Doch dadurch, dass selbst über jeden Ausfall eines Ventilators weltweit berichtet wurde, hat sich meines Erachtens unberechtigterweise der Eindruck festgesetzt, das sei alles Schrott in der Mir. Es ist jetzt schon sicher, dass so etwas auf der ISS auch passieren wird.

Wie beurteilen Sie die Leistung, über 15 Jahre hinweg eine Raumstation zu betreiben?

Diese Leistung der Russen ist auf jeden Fall herausragend. Für so lange Zeit hat schließlich keine andere Nation eine Raumstation betrieben. Wenn man dann noch bedenkt, dass sie sich politisch wie wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Phase des Umbruchs befinden, muss man es genau besehen bewundern, dass die Russen diese visionäre Haltung an den Tag gelegt haben.

Der Betrieb einer Raumstation erfordert einen enormen logistischen Aufwand. Wäre die NASA in der Lage gewesen, die Mir besser und reibungsloser zu versorgen?

Dazu wären die Amerikaner mit ihrem Shuttle gar nicht in der Lage gewesen. Die „Challenger“-Katastrophe hat auf traurige Weise gezeigt, dass der Shuttle am Anfang nicht sehr robust war; die Fähre konnte nicht bei Kälte fliegen. Damit die Lichter auf der Station nicht ausgehen, müssen sie ihren Astronauten aber regelmäßig und zuverlässig Treibstoff, Ersatzteile, Sauerstoff, Lebensmittel und Unterwäsche liefern.

Die unverwüstlichen Frachter der Russen sind die Progress-Schiffe ...

Anders als der Shuttle ist die Progress in Baikonur im Sommer bei großer Hitze ebenso zuverlässig gestartet wie im Winter bei grimmiger Kälte. Sie transportierte neue Fracht zur Mir, diente dort als Müllcontainer und wurde vor dem Eintreffen eines neuen Schiffs abgekoppelt und mit dem Müll in der Atmosphäre entsorgt - übrigens immer über dem Südpazifik, wo jetzt auch die Mir niedergehen wird. Die Russen haben da also Erfahrung, wenngleich es einfacher ist, einen 7,5-Tonnen-Progress-Frachter punktgenau abstürzen zu lassen als eine 140 Tonnen schwere Station.

Die Federführung bei der ISS liegt bei den Amerikanern. Folgt daraus, dass Sie Bedenken haben, das die neue Raumstation ausreichend versorgt werden kann?

Nein, überhaupt nicht. Die Progress steht weiterhin zur Verfügung, der Shuttle steht zur Verfügung, der nicht nur Material hinauf, sondern auch zurückbringen kann, und dann wird die Esa zusätzlich das Transportvehikel ATV beisteuern, dass ähnlich wie die Progress eine Einwegverpackung ist, um Material zur ISS zu liefern. Auf diese Weise stehen bald drei Systeme zur Verfügung.

Die Raumfahrer konzentrieren sich jetzt auf die ISS. Was kann man auf der neuen Station machen, das auf der Mir nicht möglich war?

Die Mir hat Defizite als wissenschaftliche Plattform. Sie stellt relativ wenig elektrische Leistung für Experimente zur Verfügung. Das Datenverarbeitungssystem ist völlig veraltet - auch weil es aus Russland stammt. Die Ausstattung der ISS ist modern und dadurch unvergleichbar besser. In weiteren 15 bis 20 Jahren wird man aber auch bei der ISS vor der Frage stehen, ob man wieder etwas Neues macht.

Neben der neuen technischen wird die neue politische Dimension gefeiert ...

Die Welt hat sich entschlossen, alle Kräfte zu bündeln, um gemeinsam eine kleine Kolonie im Weltraum zu errichten. Wenn man sich an den Kalten Krieg erinnert, dann ist es ein sehr hoffnungsvolles Signal, dass man von der Konfrontation zur Kooperation übergegangen ist.

Trauen Sie sich noch einen Flug zur ISS zu. Und juckt es Sie, dorthin zu fliegen?

Ein zweifaches Ja. Ich traue es mir zu, und es juckt mich auch. Aber wir haben bei der Esa inzwischen ein so großes Astronautenteam, dass ich mich mit drei Flügen, die ich schon hatte, nicht vorne in die Warteschlange stellen kann.

Das Gespräch führte Dieter Hoß

Quelle: @dho
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