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Internet Jenni macht die Tür zu

17.12.2003 ·  Die Netzgemeinde geht seit sieben Jahren in Jennifer Ringleys Schlafzimmer ein und aus. Sie war die erste, die ihr Privatleben dank Webcams öffentlich machte. Zum Jahresende soll die Homepage abgeschaltet werden.

Von Monika Ganster
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Jennifer Ringley macht die Tür zu. Nach siebeneinhalb Jahren, in denen die Öffentlichkeit in ihrem Schlafzimmer ein und aus gehen durfte, hat sie genug von all den Einblicken in ihr Privatleben. Ein Hinweis auf www.jennicam.org kündet vom Abschalten der Homepage zum Jahresende. Sollte irgend jemand den Tod einer weiteren Webseite bedauern, in der jedes schauderhaft private Detail mittels permanenter Bildübertragung öffentlich gemacht wird?

Das Internet ist zügellos geworden, die Intimität zahlloser Seiten reicht von peinlich bis unerträglich. Doch Jenni ist nicht irgendein „Camgirl“ aus dem Netz, sie ist das bekannteste, denn sie stellte als eine der ersten ihr Leben im Internet zur Schau. 1996, als die Netzgemeinde noch glücklich über originelle Webcams juchzte, die einer Kaffeemaschine beim Brühen oder Fischen beim Kreisverkehr im Aquarium zusahen, bot Jennifer Ringley Einblicke in ihr Ein-Zimmer-Appartement als „Experiment“ an. Die damals 19jährige Collegestudentin installierte eine Webkamera in ihrer Studentenbude in Carlisle, Pennsylvania, und ließ die gesamte Internet-Gemeinde mit Fotos im Minutentakt daran teilhaben, wie sie sich die Zähne putzte, die Katze kraulte, fernsah oder schlief. Fast 5.000 Online-Besucher blickten nach Angaben der Gastgeberin täglich durch das Kameraauge in ihre Wohnung.

„Ich bin die Realität“

„Die Homepage ist dazu da, das wirkliche Leben abzubilden“ versprach die Exhibitionistin und ergänzte in einem Interview: „Ich will den Leuten zeigen, daß das, was sie im Fernsehen sehen, nicht real ist. Ich bin die Realität“. Sie hat ihre Drohung wahrgemacht und eine neue Realität geschaffen: die der sich preisgebenden Durchschnittsmenschen. Ihr folgten Hunderte, Tausende mit ähnlichen Webseiten, die Drehbuchschreiber der „Truman Show“ wurde von ihr ebenso inspiriert wie die Macher des Reality-Fernsehen. Big Brother in all seinen Spielarten, das ist nur die Fortsetzung von Jennis Idee mit anderen, fernsehtauglichen Mitteln.

Mit ihrer Webcam schloß Jenni dem Internet neue Räume auf. Erstmals wurde das Netz nicht nur als anonymisierende Verbindung nach außen genutzt, sondern als Einladung an die Öffentlichkeit ins Private. Das „Experiment“ glich dem heimlichen Blick in die Nachbarwohnung, doch im Netz war Voyeurismus ausdrücklich erwünscht. Für ihre Inszenierung auf einer ganz neuen Bühne benötigte die junge Frau keinen Regisseur, keine PR-Berater und fast kein Geld. Die Laien-Aufführung wurde dennoch ein großer Erfolg.

Passiert da irgendwas?

Im Bann des Banalen starrte die Netzgemeinde fasziniert und irritiert, ob sich in diesem Leben, das ihrem eigenen so ähnlich war, irgend etwas ereignen würde. Doch an was sich die versammelten Forenschreiber zum Abschied von Jennicam noch Jahre später erinnern, sind nur gelegentliche Lakenzweikämpfe mit Lautmalerei (dank vorübergehend eingesetzter Audiotechnik) und daß die schöne Jenni, jetzt ein Biest, ihrer Freundin Courtney den Freund ausgespannt hat. Der schüchterne Dex lebt jetzt bei Jenni und dreht immer die Kameras weg.

Daß im Internet auch Geld verdient werden kann, besonders mit Voyeurismus, begriff die BWL-Studentin schon vor Jahren. Für 15 Dollar jährlich erhalten ihre treuen Fans, nach ihren Angaben etwa 5.000, jede Minute ein frisches Bild aus ihrer neuen Wohnung in der Nähe von Sacramento, Kalifornien, wo die 27jährige heute lebt. Alle übrigen erhalten nur eine Auswahl an bildlichen Banalitäten.

Ein virtueller menschlicher Zoo

Ein soziales Experiment, gar Kunst wurde ihre Seite genannt. Bis in eine Ausstellung des Museum of Modern Art hat Jenny es geschafft. Sie selbst beschreibt ihre Webseite nüchterner, sie sei ein "Fenster zu einem virtuellen menschlichen Zoo".

Jetzt soll zum Jahresende Schluß sein mit all der Öffentlichkeit. Jennis Sucht, jedes Geheimnis mit ihrem Publikum zu teilen, wurde offenbar auch anderen zuviel. Der Bezahldienst PayPal, der zuletzt die "Spenden" für ihre Webseite einsammelte, stellte nach eigenen Angaben wegen zu häufiger Nacktaufnahmen seine Dienste ein. Da Jenni immer wieder betont hat, ihre multimediale Webseite nicht aus eigener Tasche finanzieren zu können, scheint damit das Ende des Auftritts besiegelt - sofern nicht ein anderer in die Bresche springt. Die Weblegende, die sonst jede Intimität mit der Netzgemeinde teilt, schweigt sich bislang über die Hintergründe der Abschaltung aus. Mails zum Thema beantwortet sie nicht.

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Jahrgang 1966, Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

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