18.12.2003 · Online-Spenden beflügeln besonders vor Weihnachten die Phantasie von Spendensammlern. Amerikanische Erfolge lassen auf Großes hoffen.
Von Friederike BauerDer Einsturz der New Yorker Zwillingstürme schockierte die Welt und rief eine enorme Welle des Mitgefühls hervor. Fast überall litten Menschen mit den Opfern, ihren Angehörigen - und zeigten sich spendenfreudiger denn je. Schnell kamen beispiellose Summen zusammen, ein erstaunlich großer Teil davon via Internet. Allein beim Amerikanischen Roten Kreuz gingen innerhalb der ersten zwei Wochen nach dem Anschlag 67 Millionen Dollar per Mausklick ein. Michael Urselmann, Fundraising-Berater in Berlin, sagt, eine so große Hilfsaktion, übers Medium Internet kanalisiert, habe es bis dahin noch nicht gegeben.
Wiederum in Amerika schickt sich derzeit der demokratische Präsidentschaftsbewerber Howard Dean an, das Rennen in seiner Partei zu gewinnen. Zur Zeit führt er das Feld der Kandidaten an. Das Geheimnis seines Erfolgs liegt ebenfalls im Internet: Mehr als 30 Millionen Dollar flossen bereits in seine Wahlkampfkasse, der Großteil als elektronische Einzelspende. Solche Erfolge beflügeln nun auch die Phantasien deutscher Fundraiser, Spendensammler einschlägiger Organisationen und Parteien. Spenden leichtgemacht: Summe eintragen, Bankverbindung angeben, abschicken, fertig - zumal jetzt vor Weihnachten, wenn das Spendengeschäft seinen Höhepunkt erreicht.
Skeptische Deutsche
Der Markt wächst auch hierzulande, wenn auch nicht ganz so reibungslos wie in den Vereinigten Staaten. Das mag mit der generellen Skepsis der Deutschen gegenüber Computern, Modems, Providern und so weiter zu tun haben. Inzwischen steigt aber auch in Deutschland die Zahl der Nutzer - und mit ihnen der potentielle Spendenmarkt. Nach einer Online-Studie von ARD und ZDF gingen 1997 nur 6,5 Prozent der Bundesbürger ins Internet, inzwischen sind es schon etwa 44 Prozent. Das Bildungsniveau und das Haushaltseinkommen von Internetnutzern ist überdurchschnittlich hoch. Auch das macht die Online-Spende für gemeinnützige Organisationen, Vereine und Parteien so interessant.
Bei Unicef Deutschland zum Beispiel hat man in den vergangenen Jahren erfreuliche Zuwächse verzeichnet. Allein von 2002 bis 2003 wuchs die Summe von 600.000 auf etwa eine Million Euro. Der zuständige Abteilungsleiter, Ulrich Zschaubitz, hofft, schon in zwei bis drei Jahren zehn Prozent der gesamten Einnahmen über das Netz abzuwickeln. Von einer "Riesen-Chance" spricht auch Michael Urselmann, der für das Jahr 2010 bereits 50 Prozent des Spendenmarktes als Online-Geschäft vorhersieht.
„Riesen-Chance“
Allerdings ist man sich über die tatsächlichen Perspektiven noch nicht so ganz einig. Hans-Josef Hönig, im Vorstand des Deutschen Fundraising-Verbands, hält wenig von solchen verheißungsvollen Prognosen. Sie seien aus jetziger Sicht überzogen. Auch Ursula Kapp-Barutzki von der Deutschen Welthungerhilfe spricht von "größerem Gerede als tatsächlichem Nutzen". Dort liegt der Anteil der Online-Spenden bei zwei bis drei Prozent, wie überhaupt die meisten Organisationen nach Urselmanns Einschätzung heute einen elektronischen Spendenanteil von höchstens drei Prozent verzeichnen. Dabei scheint sich das Internet vor allem als Medium für die Katastrophenhilfe zu eignen. Wenn große Not herrscht, alle Medien Bilder davon zeigen und schnelle Hilfe gefordert ist - dann wird eher übers Internet gespendet.
Hans-Josef Hönig spricht auch von einer besseren Kundenbindung über das Netz. Der Dauerzahler mit Einzugsermächtigung ist gemeinhin der liebste Kunde. Ihn könne man leichter übers Internet halten. Eine E-Mail genügt, um etwa eine Adreßänderung bekanntzugeben. Vor gar nicht allzu langer Zeit mußte dafür noch ein Brief geschrieben und zur Post getragen werden. Auch lassen sich Hilfsprojekte in fernen Ländern leichter vorführen. Keine auf Spenden angewiesene Organisation kann sich eine veraltete oder wenig ansprechende Internetseite mehr leisten. Darauf verwenden die Öffentlichkeitsabteilungen viel Energie. Auch Mailings gehören zum normalen Repertoire der Fundraiser.
Höhere Spenden im Internet
Die reine Spende aber wird erst ganz allmählich übers Internet geleistet. Dann kommen allerdings sofort größere Einzelsummen zusammen. Bei Unicef zum Beispiel beträgt die Durchschnittsspende bei herkömmlicher Zahlungsart 60, übers Internet 90 bis 100 Euro. Bis der Mausklick allerdings das Überweisungsformular, den Klingelbeutel und die Postwurfsendung mit Spendenaufforderung ersetzt, wird noch einige Zeit vergehen. So lange bleibt die Prophezeiung vom florierenden Online-Geschäft nur eine digitale Verheißung.