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Veröffentlicht: 30.10.2013, 09:14 Uhr

Inoffizielles Städte-Ranking Faul oder Foul?

Ein Autor sieht Gelsenkirchen als faulste deutsche Stadt. Frankfurt kommt bei seinem deutschlandweiten Ranking ziemlich gut weg. Die fleißigsten Städter aber leben noch weiter im Süden.

von , Kassel
© Röth, Frank Ist das Ranking einfach nur foul oder ist was dran an der Faulheits-Aufstellung?

Fangen wir mal mit den Zweifeln an dieser Untersuchung an. Faulheit und Fleiß sind allzu menschliche Eigenschaften. Eine Stadt aber kann weder faul noch fleißig sein. Gerald Hörhan behauptet das aber, wenn er schreibt: Gelsenkirchen ist die faulste Stadt Deutschlands, München die fleißigste.

Machen wir mit den Zweifeln weiter. Der österreichische Investmentbanker, Mathematiker und Autor hat zwar 50 deutsche Städte untersucht, aber nicht die 50 größten, sondern die Städte, über die 20 passende Datensätze beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln vorhanden waren: Informationen über Bruttoinlandsprodukt, verfügbares Einkommen, Arbeitsunfähigkeitstage je Einwohner, Zahl der privaten Schuldner, der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss.

„Populärwissenschaftlicher Unsinn“

Auch hat Hörhan nicht die Stadt-Umland-Beziehungen einbezogen. Kassel (Platz 19) zum Beispiel zieht mit einer weit überdurchschnittlichen Zahl an öffentlich geförderten Wohnungen die Mühseligen und Beladenen an, während drumherum die Sozialhilfequote zu den niedrigsten in ganz Deutschland zählt. Schließlich gesteht Hörhan auf Nachfrage mit entwaffnender Offenheit ein, dass seine Untersuchung nicht in erster Linie wissenschaftlichem Interesse, sondern dem Marketing diene. Er habe deutsche Städte gewählt, weil Deutschland der größte Zielmarkt für sein Buch „Null Bock Komplott“ sei.

Entsprechend abweisend wird nun reagiert. In der Stadt Gelsenkirchen, deren Fußballverein Schalke 04 übrigens die wenigsten Kilometer in der Bundesliga zurücklegt, heißt es: „Populärwissenschaftlicher Unsinn zum Zweck der Werbung für ein Buch wird bei uns nicht kommentiert.“ Zum Spaßen ist den „Knappen“ angesichts der miesen Position in Hörhans Tabelle nicht zumute. Mit Stolz und Groll hat man sich eingeigelt: „Es gibt keine Statistik, wo wir nicht am Ende stehen. Das berührt hier auch keinen mehr.“ Die Stadt habe eben einen schweren Stand. 1000 neue Arbeitsplätze entstünden jedes Jahr, aber 40.000 seien durch den Niedergang des Bergbaus weggefallen. Bochum habe zum Beispiel eine Universität, Gelsenkirchen nur eine Fachhochschule. Möchte die Stadt Hörhan vielleicht einmal einladen, um ihm zu zeigen, wie Gelsenkirchen wirklich sei? „Nein. Wir wollen keinen österreichischen Kapitalisten hier haben.“

„Faulheits-Hochburg“ Berlin

Diese Haltung bestätigt wiederum den Investmentbanker in seinem Urteil. Aus anderen Ruhrgebiets-Städten habe er dagegen interessierte Anrufe erhalten. Städte, deren Einwohner sich auf Subventionen eingerichtet haben, stehen schlechter da, lautet seine These. Zwar haben es alle Städte im Ruhrgebiet wegen des Strukturwandels schwer, aber manche machen was draus. An der Tabellenspitze folgen auf Gelsenkirchen Herne und Duisburg. Weit besser stehen Essen (15), Hagen (16) und Bochum (20) da. Der Osten ist nicht erfolgloser als der Westen, wie allein die Besetzung der Tabellenführung zeigt. Erfolg und Misserfolg liegen nahe beieinander: Halle (Saale) rangiert auf Platz vier, das benachbarte Leipzig auf Platz zwölf, Chemnitz markiert mit Rang 25 die deutsche Mitte, und Dresden liegt mit Platz 37 weit vorne. Frankfurt (48) sei am internationalsten und arbeite „auf Weltniveau“, urteilt Hörhan. Aber Münster (49) und München (50) – zwei Solitäre im einst ruralen, rückständigen, katholischen Raum – verweisen alle anderen auf die Plätze, indem sie auf Bildung und Forschung setzten.

Die Hauptstadt liegt auf Platz fünf. Für Hörhan ist Berlin die „Faulheits-Hochburg“. Das wird viele nicht wundern. Für Westdeutsche war Berlin immer die Stadt der Drückeberger, die weder Wehr- noch Ersatzdienst leisten wollten. Wer arbeitete, bekam mit der Berlin-Zulage einen steuerfreien Zuschlag von etwa acht Prozent auf sein Bruttoeinkommen. Für Ostdeutsche wiederum war Berlin die Stadt der Bonzen. Noch heute übernehmen Handwerker aus Thüringen und Sachsen Aufträge in der Hauptstadt. Selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall gibt es in Berlin und Brandenburg noch nicht genug Betriebe, um die Arbeit vor der eigenen Türe zu erledigen. Da zweifelt man schon an seinen Zweifeln.

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