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Schule : Die Illusion mit der Inklusion

Ein fröhlicher Junge, über den gerade heiß debattiert wird: Henri, elf Jahre alt und mit Downsyndrom, soll aufs Gymnasium, sagen die Eltern – obwohl ihnen klar ist: Das Abitur kann er nicht schaffen Bild: Illustration Kat Menschik, Foto dpa

Es ist ein hehres Ideal: Kinder mit und solche ohne Behinderung sollen gemeinsam unterrichtet werden. Doch Lehrer und andere Fachleute sagen: Das hilft keinem der Schüler wirklich.

          Als es am zweiten Schultag zur ersten Stunde klingelte, blieb Yasar* auf dem Schulhof stehen. Martin Lebert*, sein Klassenlehrer, ging hinaus, um ihn zu holen. Doch Yasar lief weg. Als Lebert hinterherlief, bewarf der Siebenjährige ihn mit kleinen Steinen. Auch am dritten, vierten und fünften Schultag wiederholte sich das. Irgendwann ging Lebert morgens nicht mehr auf den Schulhof, um ihn zu holen. Fortan kam Yasar nach einiger Zeit von selbst in die Klasse gelaufen, mitten hinein in den Unterricht. Er blieb vier oder fünf Minuten, dann lief er wieder raus. Wenn Martin Lebert ihn aufforderte, dazubleiben, sagte er: „Halt die Fresse.“ Oder: „Ich kauf mir ’ne Pistole und bring euch alle um.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Manchmal blieb Yasar auch im Unterricht. Dann spuckte er mit Schnipseln von Arbeitsblättern, die er zuvor in den Mund gesteckt hatte, um sich. Ab und zu biss er seine Mitschüler in den Hinterkopf, machte ihnen blaue Flecken oder schlug sie ins Gesicht. Einmal schüttete er eine Flasche Apfelsaft auf seinem Tisch aus, legte seinen Kopf in die Lache und wischte dann mit den Händen drin herum. Anschließend rannte er durch die Klasse und schmierte alle Kinder an. Fing Lebert ihn ein, trat Yasar ihm gegen das Schienbein, schlug um sich und rief: „Ich hasse die Schule, die Lehrer, alles hier!“ Ruhig war der Junge nur, wenn er in einen Nebenraum geführt und in ein Gespräch über Star Wars oder Ninja Turtles verwickelt wurde.

          Die Entscheidung treffen vor allem die Eltern

          Yasar ist ein Kind mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen und emotional-soziale Entwicklung. Seit März ist er nicht mehr in der Klasse von Lebert, sondern geht auf eine Förderschule. Vor 2009, als Deutschland noch nicht der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beigetreten und der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung noch nicht das erklärte Ziel der Bildungspolitik war, sind Kinder wie Yasar vom Kindergarten direkt auf eine Förderschule gegangen. Jetzt aber wechseln sie im Namen der „Inklusion“ vom Kindergarten in die Grundschule, wenn ihre Eltern es so wollen. Und sie verlassen die Grundschule auch nur wieder in Richtung Förderschule, wenn ihre Eltern einwilligen.

          Während zum Beispiel in Bayern die Lehrer bestimmen, welche Schüler nach der Grundschule aufs Gymnasium gehen dürfen, ist bei Förderkindern, die in die erste Klasse kommen, allein der Elternwille ausschlaggebend für die Wahl der Schulform. Gut ein Viertel aller Förderschüler wird inzwischen in Regelschulen unterrichtet, meist gehen sie nach der Grundschulzeit auf eine Hauptschule.

          In den vergangenen Wochen sorgte allerdings der Fall eines Elfjährigen mit Downsyndrom aus Baden-Württemberg für Aufregung, den seine Eltern aufs Gymnasium schicken wollten, obwohl ihnen klar ist, dass er niemals das Abitur machen wird. Vier Jahre lang war Henri auf eine Grundschule gegangen, ohne dort richtig Lesen zu lernen. Im Sommer wechseln seine Freunde aufs Gymnasium, und Henri sollte mit. Die Schule weigerte sich indes mit Erfolg, ihn aufzunehmen.

          Diese Woche stellte sich heraus, dass auch die Realschule Henri nicht unterrichten möchte. Ihm blieben jetzt noch eine Gemeinschaftsschule, eine Hauptschule und eine Förderschule. Ist das richtig oder falsch? Darüber ist ein erbitterter Streit entbrannt, aus dem sich höchstens diejenigen heraushalten, die weder Lehrer sind noch Schulkinder haben.

          Wissenschaftliche Belege gibt es für Pro und Contra

          Ganz grob lässt sich sagen: Wer politisch links steht, ist oft für Inklusion und für die Abschaffung der Förderschulen - weil unterschiedliche Lern-Niveaus als positiv für die Entwicklung der Schüler angesehen werden. Wer politisch rechts steht, ist nicht unbedingt gegen Inklusion, aber oft dafür, die Förderschulen trotz Inklusion beizubehalten - weil unterschiedliche Lern-Niveaus als hinderlich für die Entwicklung der Schüler angesehen werden. Wissenschaftliche Belege gibt es für beide Haltungen - je nachdem, wie man die entsprechenden Vergleichs- und Längsschnittstudien interpretieren will und ob man dabei eher soziale oder kognitive Aspekte berücksichtigt.

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