Home
http://www.faz.net/-gum-7b7ng
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Indien Schöne Grüße aus dem Central Telegraph Office

Am Montag wird in Indien das letzte Telegramm verschickt. Vorher wollen viele noch etwas loswerden.

© AP Vergrößern Die Letzten ihrer Art: Auch im „Central Telegraph Office“ in Bombay scheint die Zeit sitzen geblieben zu sein

Endlich ist auch Raunaq an der Reihe. Fast eine Stunde musste er anstehen, so groß ist der Andrang im alten „Central Telegraph Office“ im Zentrum von Delhi. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Draußen zeugen dicke weißgetünchte Säulen von der einstigen Kolonialmacht der Briten. Und auch drinnen erinnert alles an früher. In der Mitte des großen Raums stehen sechs dunkle Schreibtische. Man muss aufpassen, dass man nicht am Holz hängenbleibt, das an den Seiten absplittert. Von den Wänden blättert die Farbe. Einen leichten Luftzug in der drückenden Hitze spenden lautstark surrende verrostete Ventilatoren.

Nur Raunaq ist neu hier. Der 21 Jahre alte Inder beugt sich über den Holztresen. Es kann losgehen. Nur wie? „Es ist das erste Mal, dass ich ein Telegramm verschicke“, sagt er und lächelt. Es wird wohl auch sein letztes sein. Denn am Montag stellt die staatliche Telekommunikationsgesellschaft BSNL ihren Telegrammdienst ein. Es ist das Ende einer 163 Jahre währenden Ära. Raunaq will noch Teil dieser Ära sein, deshalb ist er hier.

Ihren Anfang nahm sie 1850, als der junge Ire William Brooke O’Shaughnessy das erste Telegramm in Indien verschickte - von Kalkutta in den nur wenige Kilometer entfernten Diamanten-Hafen. Drei Jahre später hatte die britische Ostindien-Kompanie schon 6000 Kilometer Telegraphenkabel verlegt. Es war eine Revolution. Mit einem Mal konnte man schnell zwischen den Großstädten Indiens kommunizieren.

Es gibt 44 Standard-Nachrichten

Nicht nur Handelsnachrichten wurden verschickt. Historiker sind überzeugt, dass der Aufstand indischer Truppen gegen die britische Kolonialherrschaft 1857 unter anderem am Telegramm scheiterte. Die Briten waren im Vorteil, weil sie via Telegramm unverzüglich Warnungen über Aufstände und gegnerische Truppenbewegungen austauschen konnten. Lange wurde das Telegramm in Indien deshalb mit kolonialer Machtausübung in Verbindung gebracht. Doch es brachte das Land näher zusammen und wurde über die Jahre fester Bestandteil des alltäglichen Lebens.

„Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten, Geburtstagsgrüße, Todesanzeigen - alles wurde als Telegramm verschickt“, erzählt RD Ram. Er sitzt hinter dem Schalter im „Central Telegraph Office“ und erklärt Raunaq geduldig, wie er das Formular auszufüllen hat. Seit 39 Jahren arbeitet Ram schon in dem Gebäude aus den zwanziger Jahren im Zentrum Delhis.

„In den vergangenen Tagen sind viele Leute gekommen, die alle noch schnell ein Telegramm verschicken wollen“, erzählt Ram. Viele wüssten aber gar nicht, was sie schreiben sollen. Ram zeigt dann auf die blaue Tafel an der Wand. 44 Standard-Nachrichten sind dort aufgeführt. Jeder kann daraus auswählen. Die Vorschläge variieren von Grüßen zum indischen Lichterfest Diwali (Vorschlag Nummer 4) bis hin zu Glückwünschen zu Chatrapati Shivaji Maharaj Jayanti, einem religiösen Feiertag im Februar (Vorschlag Nummer 43a). „Viele wollen eben einfach grüßen.“ Früher dagegen wurden häufig wichtige Nachrichten verschickt. Eines der bekanntesten Telegramme datiert vom Oktober 1947. Verschickt hat es Indiens erster Premierminister Jawaharlal Nehru an seinen britischen Amtskollegen, Clement Attlee. Nehru informierte ihn darin über die neueste Entwicklung in Kaschmir. Pakistanische Truppen waren in der Region einmarschiert. Nun bat die dortige Regierung um britische Unterstützung. „Wir haben die dringende Bitte um Hilfe von der Kaschmir-Regierung erhalten. Wir sind geneigt, einer solchen Anfrage eines befreundeten Staates zu entsprechen.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Indien und die Not der Frauen Frischer Wind in Rajasthan

Chhavi Rajawat brachte ihrem Dorf in Indien Toiletten - eine Erlösung für die vielen Frauen, die ihre Notdurft des Nachts auf freiem Feld verrichten mussten. Doch mächtige Rivalen hatten etwas dagegen. Mehr Von Friederike Böge, Soda

12.10.2014, 10:25 Uhr | Politik
Messaging-Services - die Zukunft sozialer Netze?

Mit mehr als 500 Millionen Nutzern ist WhatsApp der derzeit der erfolgreichste Messenger-Dienst. Smartphone-User verschicken über solche Apps Texte, Bilder, Videos und Sprachnachrichten. Gerade junge Leute verzichten dadurch vermehrt aufs SMS-Schreiben oder die Kommunikation über Facebook. Mehr

02.09.2014, 10:19 Uhr | Wirtschaft
Die Botschaft aus der Lederjacke Eingenähte Weisheit

Man kennt sie doch, diese Zettel, die in Kleidung der Modekette Primark eingenäht waren. Jetzt wurde so einer auch in einer Jacke von Street One gefunden. Wie wir fast einen Skandal enthüllt hätten. Mehr Von Katrin Hummel

17.10.2014, 13:58 Uhr | Gesellschaft
Indien schickt Sonde zum Mars

Freude in Indien. Die Raumsonde Mangalian hat die Umlaufbahn des Mars erreicht. Damit setzt der Subkontinent ein Ausrufezeichen hinter seinen Ambitionen als Raumfahrtnation. Die Mission war auf Anhieb erfolgreich – und äußerst günstig. Mehr

24.09.2014, 08:03 Uhr | Wissen
Neuer Nachrichtendienst Snapchat Milliarden für den Moment

Mit Snapchat kann man Bilder verschicken, die sich nach Sekunden selbst löschen. Investoren reißen sich um die hippe App - woran auch der jüngste Fall von millionenfachem Datenklau bei Nutzern wenig ändern dürfte. Wird der Dienst die nächste ganz große Erfolgsgeschichte im Netz? Mehr Von Inge Kloepfer

11.10.2014, 20:35 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.07.2013, 18:23 Uhr