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Indien Schöne Grüße aus dem Central Telegraph Office

Am Montag wird in Indien das letzte Telegramm verschickt. Vorher wollen viele noch etwas loswerden.

© AP Vergrößern Die Letzten ihrer Art: Auch im „Central Telegraph Office“ in Bombay scheint die Zeit sitzen geblieben zu sein

Endlich ist auch Raunaq an der Reihe. Fast eine Stunde musste er anstehen, so groß ist der Andrang im alten „Central Telegraph Office“ im Zentrum von Delhi. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Draußen zeugen dicke weißgetünchte Säulen von der einstigen Kolonialmacht der Briten. Und auch drinnen erinnert alles an früher. In der Mitte des großen Raums stehen sechs dunkle Schreibtische. Man muss aufpassen, dass man nicht am Holz hängenbleibt, das an den Seiten absplittert. Von den Wänden blättert die Farbe. Einen leichten Luftzug in der drückenden Hitze spenden lautstark surrende verrostete Ventilatoren.

Nur Raunaq ist neu hier. Der 21 Jahre alte Inder beugt sich über den Holztresen. Es kann losgehen. Nur wie? „Es ist das erste Mal, dass ich ein Telegramm verschicke“, sagt er und lächelt. Es wird wohl auch sein letztes sein. Denn am Montag stellt die staatliche Telekommunikationsgesellschaft BSNL ihren Telegrammdienst ein. Es ist das Ende einer 163 Jahre währenden Ära. Raunaq will noch Teil dieser Ära sein, deshalb ist er hier.

Ihren Anfang nahm sie 1850, als der junge Ire William Brooke O’Shaughnessy das erste Telegramm in Indien verschickte - von Kalkutta in den nur wenige Kilometer entfernten Diamanten-Hafen. Drei Jahre später hatte die britische Ostindien-Kompanie schon 6000 Kilometer Telegraphenkabel verlegt. Es war eine Revolution. Mit einem Mal konnte man schnell zwischen den Großstädten Indiens kommunizieren.

Es gibt 44 Standard-Nachrichten

Nicht nur Handelsnachrichten wurden verschickt. Historiker sind überzeugt, dass der Aufstand indischer Truppen gegen die britische Kolonialherrschaft 1857 unter anderem am Telegramm scheiterte. Die Briten waren im Vorteil, weil sie via Telegramm unverzüglich Warnungen über Aufstände und gegnerische Truppenbewegungen austauschen konnten. Lange wurde das Telegramm in Indien deshalb mit kolonialer Machtausübung in Verbindung gebracht. Doch es brachte das Land näher zusammen und wurde über die Jahre fester Bestandteil des alltäglichen Lebens.

„Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten, Geburtstagsgrüße, Todesanzeigen - alles wurde als Telegramm verschickt“, erzählt RD Ram. Er sitzt hinter dem Schalter im „Central Telegraph Office“ und erklärt Raunaq geduldig, wie er das Formular auszufüllen hat. Seit 39 Jahren arbeitet Ram schon in dem Gebäude aus den zwanziger Jahren im Zentrum Delhis.

„In den vergangenen Tagen sind viele Leute gekommen, die alle noch schnell ein Telegramm verschicken wollen“, erzählt Ram. Viele wüssten aber gar nicht, was sie schreiben sollen. Ram zeigt dann auf die blaue Tafel an der Wand. 44 Standard-Nachrichten sind dort aufgeführt. Jeder kann daraus auswählen. Die Vorschläge variieren von Grüßen zum indischen Lichterfest Diwali (Vorschlag Nummer 4) bis hin zu Glückwünschen zu Chatrapati Shivaji Maharaj Jayanti, einem religiösen Feiertag im Februar (Vorschlag Nummer 43a). „Viele wollen eben einfach grüßen.“ Früher dagegen wurden häufig wichtige Nachrichten verschickt. Eines der bekanntesten Telegramme datiert vom Oktober 1947. Verschickt hat es Indiens erster Premierminister Jawaharlal Nehru an seinen britischen Amtskollegen, Clement Attlee. Nehru informierte ihn darin über die neueste Entwicklung in Kaschmir. Pakistanische Truppen waren in der Region einmarschiert. Nun bat die dortige Regierung um britische Unterstützung. „Wir haben die dringende Bitte um Hilfe von der Kaschmir-Regierung erhalten. Wir sind geneigt, einer solchen Anfrage eines befreundeten Staates zu entsprechen.“

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