23.09.2004 · In Washington vereint ein neues Museum die Geschichte der Inuit aus Alaska mit der der "Indios" aus Mexiko und Brasilien. Deren Kultur ähnelt sich nicht - doch sie haben die Bedrohung durch die europäischen Eroberer gemein.
Von Matthias Rüb, WashingtonWas für ein Durcheinander! Aber ist es heillos, heilsam oder gar heilig? Mehr als 20 000 sind aus allen Teilen des Landes und Kontinents zusammengekommen - bei strahlendem Spätsommerwetter auf die Washingtoner National Mall, die Museums- und Gedenkstättenmeile zwischen Lincoln Memorial und Kapitol im Herzen der amerikanischen Haupstadt. Aber wie nennt man sie? Anlaß für Aufmarsch, Umzug, Festival und Massendemonstration beispiellosen Umfangs war die offizielle Eröffnung des "Nationalmuseums des Amerikanischen Indianers" (NMAI) am Dienstag.
Also war von "Indianern" (Indians) die Rede, obwohl gerade diese Bezeichnung am weitesten in die Irre führt, denn mit Indien hatten die Einwohner der Neuen Welt vor einem halben Jahrtausend nur deshalb zu tun, weil sich ein europäischer Seefahrer auf der Suche nach dem westlichen Seeweg dorthin verkalkuliert hatte. Dann also "Eingeborene Amerikas" (Native Americans)? Aber in dieser Bezeichnung steckt auch schon der Blick des Beobachters aus der Alten Welt, der unterschiedliche Völker, Stämme, Sprachgemeinschaften unter einen Oberbegriff subsumiert. Oder vielleicht "Erste Amerikaner" (First Americans)?
"Eingeborene Nationen"?
Auch dieser Terminus kommt zur Anwendung, denn noch bis zum Sonntag läuft das "First Americans Festival". Dabei haben sich die Völker und Stämme Amerikas doch gerade nicht als erste begriffen. Und wie wäre es schließlich mit "Eingeborenen Nationen" (Native Nations)? Immerhin heißt der Aufmarsch im Programmheft "Native Nations Procession"! Aber auch das ist nichts, denn die in Europa gewachsene Idee der Nation brachte im Prozeß des kolonialistischen Exports auf andere Kontinente zumal den Menschen und Völkern in Afrika und Amerika eher Elend und Vernichtung als Wohlergehen und Selbstbestimmung.
Man kann offenbar über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Einwohner Nord- und Südamerikas aus den Zeiten vor ihrer Entdeckung durch die Europäer nicht reden, ohne in Aporien zu verfallen. Auch die Idee, den "Indianern" Amerikas ein eigenes Museum zu widmen, ist aus einer Aporie geboren. Man kann dieses Museum, das nach mehr als 30 Jahren Planung und Debatte jetzt endlich auf einem der letzten freien Grundstücke der "National Mall" in Sichtweite des Kapitols eröffnet wurde, man kann die tagelangen Feierlichkeiten nicht betrachten, ohne ständig mit diesem Widerspruch konfrontiert zu werden.
Kampf gegen Gewalt, Krankheiten und Modernisierung
Warum kommen hier Inuit aus Alaska mit "Indios" aus Mexiko und Brasilien zusammen, warum werden ihre Kunst- und Kultgegenstände, ihre so unterschiedlichen Lebenswelten unter einem Dach ausgestellt? Weil sie die Bedrohung der Auslöschung durch die europäischen Eroberer verbindet. So deutlich formuliert es Museumsdirektor W. Richard West Jr., Angehöriger des Stammes der Cheyenne und Arapaho aus Oklahomo: Dieses Museum solle an den "Holocaust an den Indianern" erinnern, es sei die überfällige Anerkennung für die kulturelle Leistung und das Leiden der ursprünglichen Einwohner des Kontinents. Doch es solle zugleich ein Zeugnis dafür sein, "daß wir noch da sind", für die Vitalität und Anpassungsfähigkeit einer Kultur, die seit einem halben Millennium gegen die Bedrohung der Auslöschung durch Gewalt, eingeschleppte Krankheiten und Modernisierung kämpft.
Dieses Museum sticht ins Auge. Das NMAI setzt mit seinen geschwungenen Formen und seiner erdigen Farbe auch als Bauwerk inmitten der üblichen Erinnerungs- und Museumsarchitektur der Mall einen besonderen Akzent. Und es gewährt den Indianern Amerikas die Genugtuung, daß sie jetzt vorkommen im Gedenkkosmos der amerikanischen Hauptstadt. Die Senatoren David Inouye aus Hawaii und Ben Nighthorse Campbell, Cheyenne aus Colorado, trugen wesentlich dazu bei, daß der Kongreß im Jahr 1989 das Gesetz zum Bau des NMAI verabschiedete.
Beifall für Perus Präsident Toledo
Der Verabschiedung des Gesetzes waren jahrelange Kämpfe und Rangeleien vorausgegangen. Knapp die Hälfte der Baukosten von 219 Millionen Dollar stammen aus privaten Spenden, wobei drei Stämme, die ihren Wohlstand dem Casino-Betrieb verdanken, jeweils zehn Millionen Dollar beisteuerten: die Mashantucket Pequot und die Mohegan aus Connecticut sowie die Oneidas aus New York. Aus Steuermitteln wurden 119 Millionen Dollar gewährt. David Inouye erinnerte bei der Eröffnungszeremonie daran, daß er vor Jahren bei seinem ersten Besuch in der Hauptstadt feststellte, daß von den 400 Denkmälern und Erinnerungsgebäuden kein einziges den Indianern gewidmet war.
Der peruanische Präsident Toledo, an der Universität von Stanford ausgebildeter Volkswirt und Nachfahre der Quechua, wurde bei der Eröffnung mit dem lautesten Beifall bedacht, als er den schlichten Satz sagte: "Mein Name ist Alejandro Toledo, und ich bin der erste peruanische Indianer, der seit der Ankunft der Spanier vor mehr als 500 Jahren demokratisch gewählt wurde." Es sei an der Zeit, kulturelle Unterschiede anzuerkennen.
7000 Objekte auf drei Stockwerken
Ob das Museum selbst und seine Sammlung die Erwartungen erfüllen kann, die in symbolisch und inhaltlich etwas überfrachteter Weise in sie gesetzt wurden, muß sich noch zeigen. Die Schau verweigert sich den gleichsam folkloristischen Erwartungen und bietet statt "Kunstgenuß" eine Mischung aus Reflexion, Belehrung, Anschauung - und Leere. Riesig wölbt sich die Halle über dem Eingangsbereich, der wie der Fluß der amerikanischen Hauptstadt Potomac heißt, was in der Sprache der Algonquian so viel bedeutet wie "Stelle, zu der man die Güter bringt".
Der Versuch aber, Hunderte von Völkern und Stämmen, Sprach- und Lebensformen von Alaska bis Feuerland zu präsentieren, dazu deren Universum des Glaubens und Lebens darzustellen, ist eine Aufgabe, die nur um den Preis einer schwierigen Abstraktion und starken Vereinfachung zu bewältigen ist. Grundlage der Ausstellung ist die einzigartige Sammlung von George Gustav Heye (1874 bis 1957), der 800 000 "all-indianische" Objekte zusammentrug - darunter auch Knochen und Schädel von massakrierten Indianern, die bei der Übergabe der Sammlung an das NMAI erst aus dieser entfernt und bestattet werden mußten. Etwa 7000 Objekte sind auf drei Stockwerken zu sehen - von Pfeilspitzen über Felle bis zu Goldmasken. Besonders eindrucksvoll ist ein Raum, in dem Waffen vom Speer bis zur Schnellfeuergewehr und Bibeln - übersetzt in fast 200 Indianersprachen - ausgestellt sind: Massaker und Mission als Instrumente der Auslöschung.
Hälfte der Namen der Bundesstaaten sind indianischen Ursprungs
Das Museum ist in mancher Hinsicht eine indianische Eigenleistung: Kuratoren und Direktoren, wissenschaftliche Berater sowie Bau- und Ausstellungsarchitekten sind überwiegend Indianer oder Ureinwohner. Nein, es wird nicht das Bild vom "edlen Wilden" vermittelt, der im Augenblick der Berührung mit dem Weißen Mann erst die Gewalt entdecken würde, es ist viel von Kämpfen, Zerstörung und Auslöschung der Völker und Stämme untereinander die Rede. Doch vor allem ist das Museum eine Feier dessen, was geblieben ist und sich synkretistisch mit der Gegenwart vermischt.
Heute leben noch 4,1 Millionen Indianer und andere "Ureinwohner" in den Vereinigten Staaten, was etwa 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Von den einst etwa 300 Sprachen, in welchen diese Menschen lebten und sangen und sich austauschten, werden heute vielleicht noch 175 gesprochen - und in einer Generation werden vier Fünftel von diesen Idiomen untergegangen sein und nicht mehr lebendig gebraucht werden. Etwa die Hälfte der Namen der amerikanischen Bundesstaaten sind indianischen Ursprungs. Die Vielfalt der Zeremonien zur Eröffnung des "Nationalen Museums des Amerikanischen Indianers", die Disparität seiner Sammlung - sie sind gleichzeitig heillos, heilsam und heilig.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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