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Gletschersterben : Auf dem Rückzug

Artensterben: Von den majestätischen Gletschern wird bald nichts übrigbleiben. Bild: dpa

Die Auswirkungen des Klimawandels werden auch in Europa immer deutlicher. Der Gletscherschwund in den Alpen ist ein trauriges Zeugnis für die Erderwärmung. Ist eine Rettung noch möglich?

          Das Bild macht klar, worum es geht: Reihe man die jährlich aufgenommenen Fotos des Vernagtferners im Zeitraffer aneinander, sagt Ludwig Braun, dann sehe das aus, „als ob einem einer die Bettdecke wegziehen würde, und die Füße kommen raus“. Inzwischen kommen aber nicht mehr nur die Füße raus. Jetzt ist die Frage nur noch, wann die Bettdecke vielleicht irgendwann einmal ganz verschwunden sein wird.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zum ersten Mal haben wir Ludwig Braun vor 14 Jahren getroffen, nach dem Jahrhundertsommer 2003 in Deutschland. Einem Sommer, der wunderbar war für die Menschen – und verheerend für die Gletscher. So viel Schmelze wie im Sommer 2003 hatten die Forscher um Braun an ihrem Untersuchungsobjekt, dem Vernagtferner in den Ötztaler Alpen in Tirol, noch nie gemessen. Braun war damals wissenschaftlicher Leiter in der Kommission für Glaziologie (KfG) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Seit 1. Dezember ist er nun im Ruhestand – den Rückzug der Gletscher aber verfolgt er weiter. Denn die Situation hat sich seit 2003 weiter verschärft. „Die Gletscher werden vor unseren Augen verschwinden.“

          Dramatische Auswirkungen

          „2003 waren wir einfach nur verblüfft“, erinnert sich Markus Weber, der damals für die KfG arbeitete und heute als Projektmitarbeiter der TU München an der Akademie der Wissenschaften tätig ist. „Dass so viel Schmelze kam, hätten wir im Leben nicht für möglich gehalten.“ Heute wissen sie genau, was damals passiert ist. 2003 gab es mehr Hitzetage als sonst, doch die hohen Abflüsse am Vernagtferner hatten offenbar gar nicht so sehr mit den Temperaturen zu tun, sondern eher mit der außergewöhnlich intensiven Sonnenstrahlung. Seither untersuchten die Forscher weitere Faktoren, die zur starken Eisschmelze beitragen: die höhere Luftfeuchtigkeit über dem Gletscher etwa und die zurückgehende Eisbewegung, aufgrund deren sich das Eis an der Gletscherzunge nicht mehr erneuern kann. Zudem vermag der schrumpfende Vernagtferner immer weniger Sonnenstrahlung zu reflektieren. Die eisfreien dunklen Moränen neben den Eisflächen absorbieren rund 85 Prozent der Sonnenstrahlung. Im Zehrgebiet des Gletschers, wo das Gletschereis abschmilzt, sind es nicht viel weniger – entsprechend stark heizt sich der Untergrund auf. Nur in den schneeweißen Flächen ganz oben, im Nährgebiet, werden 60 bis 80 Prozent der Sonnenstrahlung reflektiert. Aber dieses Nährgebiet schwindet immer weiter – das ist beim Blick auf die Webcam an einem Sommertag (http://geo.badw.de/vernagtferner-digital/webcam.html) erkennbar. Das Zusammenwirken all dieser Faktoren hat zur Folge, dass Gletscher wie der Vernagtferner allein zwischen 2010 und 2020 zwei Drittel ihrer Masse verloren haben werden.

          Der Klimawandel, beeinflusst durch den Treibhauseffekt, wirkt sich im gesamten Hochgebirgsraum dramatisch aus. Vielerorts taut der Permafrostboden, es kommt vermehrt zu Steinschlägen und Felsstürzen, wie zuletzt über dem Schweizer Dorf Bondo. Auch am Vernagtferner schossen die Temperaturwerte in die Höhe. Die regelmäßigen Temperaturschwankungen, die das Klima seit 1850 gekennzeichnet hatten und die dem Gletscher immer wieder zugutegekommen waren, sind seit 1980 verschwunden. Seither geht die Kurve bergauf – so stark, dass sich die örtlichen Werte sogar vom steigenden globalen Temperaturmittel immer weiter entfernten. Der Temperaturanstieg in den Alpen war etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt auf der ganzen Welt.

          Auch deshalb sind die Münchner Wissenschaftler vorsichtiger geworden, was die Quantifizierung des vom Menschen verursachten Einflusses auf den Gletscherschwund angeht. „Wir können diese Entwicklung nicht nur mit der Zunahme des Treibhauseffekts erklären“, sagt Braun. Eine wichtige Rolle spielt auch die Veränderung der Großwetterlagen, wenngleich es zu den Ursachen dieser Veränderung noch viele Fragen gibt. Die Münchner Forscher fanden zudem Hinweise darauf, dass das lokale Klimasystem am Gletscher eine Eigendynamik entwickelt hat, die selbst bei einem radikalen Gegensteuern des Menschen in Sachen Kohlendioxidemissionen nicht mehr rechtzeitig zu stoppen wäre. Selbst wenn die Emissionen von morgen an drastisch zurückgeschraubt würden – vielen Gletschern würde das nicht mehr helfen. Der Vernagtferner verschwindet so oder so.

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