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Impfstoffe Ein kleiner Pieks für die Menschheit

Erstmals werden in Tansania Kinder nun auch gegen Diarrhöe und Lungenentzündung geimpft. Schon bald sollen weitere Länder und Impfstoffe folgen.

© Peter-Philipp Schmitt Die auserwählten Neugeborenen warten schlafend auf den neuen Impfstoff

Noch schläft Rosemary friedlich im Arm ihrer Mutter Janeth. Und auch der älteste der Auserwählten, der schon drei Monate alte Nazri, zeigt wenig Interesse an den laut übertragenen Reden der Honoratioren und Exzellenzen, die nach Buguruni gekommen sind - unter ihnen die Botschafter aus Italien und den Vereinigten Staaten sowie eine Vertreterin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie alle haben Großes zu verkünden, und das kann durchaus ermüdend sein, schon gar bei 35 Grad Hitze. So dauert es ein ganzes Weilchen, bis die glorreichen Sieben plötzlich hellwach sind. Nun stehen sie im Mittelpunkt des Interesses. Ihre Landesmutter persönlich, die First Lady von Tansania, Salma Kikwete, träufelt ihnen eine offensichtlich abscheulich schmeckende Flüssigkeit in den Mund. Was Kleinkinder eben tun, wenn sie geimpft werden: Nazri schreit lauthals los und wehrt sich mit Händen und Füßen, erst recht gegen die Spritze, die er obendrein noch bekommt.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Die Impfungen aber machen den Unterschied: Erstmals bekommen sieben Kinder in Tansania eine Immunisierung gegen zwei der schlimmsten Krankheiten des Kontinents - gegen Diarrhöe und Pneumonie. An Rota-Viren, Auslöser eines lebensbedrohenden Durchfalls, und Pneumokokken sterben in jedem Jahr mehr Kinder in weiten Teilen Afrikas als an Malaria, Aids und Tuberkulose zusammen. Ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren fallen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur diesen beiden Virusinfektionen zum Opfer. Dabei lassen sie sich durch Impfungen ganz leicht vermeiden; die Impfstoffe standen bislang aber in den ärmsten Ländern so gut wie nicht zur Verfügung.

Impfzahlen auf der ganzen Welt sind rückläufig

Die Zahlen der WHO sind erschreckend: Täglich sterben fast 21 000 Kinder unter fünf Jahren, mindestens drei Viertel von ihnen an vermeidbaren Krankheiten, zum Beispiel auch an Malaria und Masern. Um die Situation gerade in den am schlimmsten betroffenen Regionen - in Afrika und Südostasien - zu verbessern, wurde im Jahr 2000 eine Partnerschaft mit dem Namen Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi Alliance) gegründet. Zuvor hatte es eine Dekade gegeben, in der die Impfraten auf der ganzen Welt stagnierten, zum Teil sogar rückläufig waren. Mitglieder der Allianz sind Regierungen von Industrie- und Entwicklungsländern, die WHO, Unicef, die Weltbank und die Bill & Melinda Gates Foundation, aber auch Nicht-Regierungsorganisationen, Impfstoffhersteller sowie Gesundheits- und Forschungseinrichtungen.

Die Gavi-Welt umfasst heute 73 Länder, in denen seit 2000 dank dieses Einsatzes 370 Millionen Kinder zusätzlich geimpft werden konnten. Bis 2015 sollen es weitere 245 Millionen sein. Mehr als 5,5 Millionen zu erwartende Todesfälle konnten vermieden werden, bis 2015 sollen vier Millionen weitere hinzukommen. „Erstmals in der Menschheitsgeschichte“, sagt Gavi-Geschäftsführer Seth Berkley, „sind wir in der Lage, Kinder in Entwicklungsländern fast zur selben Zeit mit lebensrettenden Impfstoffen zu versorgen wie Kinder in den Industrienationen.“

Preise sinken, Produktion wird globaler

Gavi, als Fürsprecher der halben Welt und Vertreter von mehreren Milliarden Menschen, ist eine Macht, der sich selbst hartnäckige Verhandlungspartner nicht verschließen können. So konnte die Allianz die Impfstoffpreise für die Gavi-Länder erheblich drücken. Der Preis für den Impfstoff gegen Pneumokokken etwa ist um mehr als 90 Prozent gesunken und kostet in Tansania pro Dosis nur 3,50 Dollar. Das allein ist schon ein Erfolg. Zugleich hat Gavi aber auch die Produktionsstätten globalisiert: Vor zehn Jahren hatte die Allianz fünf Impfstoffhersteller, nur einer war in einem Schwellenland. 2011 erhöhte sich die Zahl auf insgesamt zehn, fünf von ihnen produzieren dort, wo Impfstoffe noch Mangelware sind - in Brasilien, Indien, Indonesien, Russland und Senegal.

22490886 © Sala Lewis/Gavi Alliance Vergrößern Mütter warten: Erstmals in Tansania können sie ihre Kinder gegen Diarrhöe und Pneumonie impfen lassen

Gavi hat dieses Jahrzehnt zur „Impf-Dekade“ erklärt. Die Ziele sind hoch gesteckt. Ein Kleinkind in einem Entwicklungsland benötigt nach WHO-Richtlinien elf lebenserhaltende Impfungen: gegen Diphtherie (Krupphusten), Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten), Masern, Poliomyelitis (Kinderlähmung), Tuberkulose, Hepatitis B, Pneumonie (Lungenentzündung, ausgelöst durch Pneumokokken), HIB (Haemophilus influenzae Typ B), Diarrhöe (Durchfall, ausgelöst durch Rota-Virus) und Röteln. Besonders erfolgreich war Gavi bislang mit der Immunisierung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis: Der sogenannte DTP-Impfstoff erreicht inzwischen 74 Prozent aller Kinder in den 73 Gavi-Ländern, in Afghanistan stieg zum Beispiel die Impfrate in den vergangenen zehn Jahren von knapp 25 auf fast 70 Prozent.

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