05.07.2005 · In Tansania wird unter deutscher Leitung ein neuer Impfstoff gegen HIV/Aids erprobt. Doch selbst wenn die Wissenschaftler Erfolg haben - ein Allheilmittel gegen die Epidemie wäre auch das nicht. Aber zumindest ein wichtiger Baustein in einem umfassenden Programm.
Von Axel Wermelskirchen, MbeyaMichael Hoelscher vom Tropeninstitut der Universität München ist Direktor eines der größten Forschungsprojekte in Afrika, des „Mbeya Medical Research Programme“ (MMRP) in Tansania mit etwa hundert Mitarbeitern. In Mbeya, einer der großen Städte Tansanias im Südwesten des ostafrikanischen Landes, und in sieben anderen Ländern Afrikas und der Karibik beginnen die Wissenschaftler im November mit einem auf der Welt einmaligen Versuch - der ersten Erprobung eines HIV-Impfstoffes, der mehrere verschiedene HIV-Subtypen (A, B und C) umfaßt.
Sie gründen ihre Arbeit auf die Überzeugung, daß auf lange Sicht nur eine wirksame Impfung die Epidemie eindämmen kann, die sich in Afrika und Asien explosionsartig ausbreitet: Die Zahl der noch lebenden Infizierten auf der Welt liegt bei 40 Millionen, jedes Jahr stecken sich fünf Millionen Menschen neu an; 15 Millionen Kinder sind Aidswaisen.
Hoffnungen geweckt
Jedes Jahr würde es zehn bis zwanzig Milliarden Dollar kosten, auch nur die Hälfte aller Aidspatienten mit der lebensverlängernden Antiretroviralen Therapie (ART) zu versorgen, in deren Genuß die Kranken Europas und Nordamerikas seit 1987 kommen.
Michael Hoelscher ist sich bewußt, daß mit der Impfstoff-Erprobung Hoffnungen geweckt werden: „Aber es ist eben eine Erprobung. Die Hoffnung kann auch zerstört werden.“ Bisherige Versuche mit HIV-Impfstoffen der ersten und zweiten Generation in den Vereinigten Staaten und in Thailand hätten keinen Schutz vor der Infektion nachweisen können.
Veränderung des Immunsystems
Die neueste Generation von Impfstoffen zeige aber im Tierversuch an Makaken (grünen Meerkatzen) „wesentlich stärkere und breitere Immunantworten“. So werde nicht nur die Produktion von Antikörpern, sondern auch die von Killerzellen stimuliert. Neu sei auch, daß die Immunisierung nicht nur gegen die in Europa und Nordamerika vorkommenden HIV-Subtypen B gerichtet sei, sondern auch gegen die auf der Welt am häufigsten vorkommenden Subtypen A, C und D.
Was erwarten sich die Forscher von dem neuen Impfstoff? „Nach heutigen Erkenntnissen nimmt keiner an, daß ein Impfstoff zu hundert Prozent eine HIV-Übertragung verhindern kann“, sagt Hoelscher. „Schon eine Schutzrate von dreißig Prozent wäre mehr, als wir je erträumten. Aber eine Hoffnung haben wir: Der Impfstoff könnte das Immunsystem so verändern, daß es die HI-Viren besser bekämpfen kann. Die HIV-Infizierten würden länger leben und später die Antiretrovirale Therapie brauchen. Die Viruslast in ihrem Körper wird geringer, sie sind nicht mehr so ansteckend.“
Einmalversorgung nicht dringend erforderlich
Der 38 Jahre alte Mediziner, der sich gerade habilitiert, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit 25 Jahren erfüllte sich sein studentischer Traum von Afrika, als er zum ersten Mal nach Mbeya kam. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) war dort schon seit 1988 dabei, eines der mittlerweile größten Vorhaben der deutsch-tansanischen Entwicklungszusammenarbeit gegen HIV/Aids aufzubauen.
Hoelscher blieb acht Monate und untersuchte für seine Doktorarbeit, wie viele HIV-Infektionen auf die Unzulänglichkeiten des örtlichen Gesundheitssystems zurückzuführen waren, auf die Übertragung mit den Nadeln mehrfach verwendeter Spritzen. Anders gefragt: Mußte die GTZ in Mbeya den von der Weltgesundheitsorganisation eigentlich geforderten Standard der Verwendung von Einmalspritzen finanzieren? Ergebnis: Von den damals zehntausend Infektionen in der Region Mbeya waren „nur“ fünfzehn auf Injektionen zurückzuführen; Einmalversorgung war also nicht dringend erforderlich.
Erste HIV-Subtypenkonferenz
Hoelscher arbeitete dann als Arzt am Tropeninstitut der Universität München, wo Professor Lutz Gürtler vom Virologischen Institut gerade einen neuen Subtyp des Aidserregers entdeckt hatte. Den Forschern stand damals schon eine riesige Bank an Blutproben aus Mbeya zur Verfügung, gewonnen im Labor, das die Universität München und die GTZ gerade am größten Krankenhaus der Region aufbauten, am „Mbeya Referral Hospital“.
Hier wurden zum ersten Mal in der Region freiwillige HIV-Tests und Beratungen für die Bevölkerung angeboten. Der junge deutsche Arzt Hoelscher organisierte dann die erste HIV-Subtypenkonferenz in Afrika und brachte die dreißig führenden Forscher der Welt zusammen.
Starker amerikanische Partner
Zur Mitte der neunziger Jahre begann in Mbeya auch die Zusammenarbeit mit dem „Walter-Reed-Institut“ der amerikanischen Armee. Es ist benannt nach dem Mann, der um 1900 bewies, daß Gelbfieber von Moskitos übertragen wird, und forscht an geeigneten Standpunkten auf der ganzen Welt nach Möglichkeiten, die Soldaten der amerikanischen Streitkräfte vor Infektionskrankheiten zu schützen. Die amerikanischen Forscher waren und sind höchst interessiert daran, in Afrika Impfstoffe gegen HIV zu erproben.
Der jetzt in Mbeya zur Erprobung kommende Impfstoff wurde am „Vaccine Research Center“ des amerikanischen „National Institute of Health“ entwickelt. Das ist die Institution, die am meisten Geld für die Impfstofforschung ausgibt, 700 Millionen Dollar im Jahr. Hoelscher: „Wir haben also in Mbeya einen sehr starken amerikanischen Partner, wenn auch die Leitung der Studien bei der Universität München und den tansanischen Partnern liegt.“
Prostituierten superinfiziert
Vor wenigen Wochen wurde in Mbeya ein von der Europäischen Kommission unterstütztes Forschungsprojekt abgeschlossen, das ebenfalls dem übergeordneten Ziel diente, die Region auf die Erprobung eines Impfstoffes vorzubereiten. Wenn sie im November beginnt, wird diese Vorbereitung nicht weniger als neun Jahre gedauert haben.
„Wir haben 600 Barfrauen untersucht, um etwas über HIV-Superinfektionen herauszufinden. Ergebnis: Anders als bei gewöhnlichen Infektionen, gegen die man immun wird, wenn man sie einmal hatte, wird man bei einer HIV-Infektion nicht immun gegen eine spätere Infektion mit einem anderen HIV-Subtyp. Die meisten der untersuchten Prostituierten waren superinfiziert, mehr als die Hälfte von ihnen hatte mehr als zwei HIV-Subtypen.“
Wieder Kinder bekommen können
Hoelscher hebt hervor, daß die enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Entwicklungsprojekt gegen HIV/Aids in Mbeya es den Wissenschaftlern erlaubt, „Forschung im ethischen Kontext zu betreiben“. „Die Probanden haben alle einen unmittelbaren Nutzen davon.“ Den Barfrauen wurden alle drei Monate zwanzig Milliliter Blut abgenommen. Dafür wurden ihre Geschlechtskrankheiten behandelt.
„Bei Abschluß des Projekts haben wir eine große Party gefeiert. Die Frauen sind vor allem für eines dankbar: Weil wir die Geschlechtskrankheiten behandelt haben, können sie wieder Kinder bekommen, ohne die in Afrika eine Frau keine richtige Frau ist. Siebzig Prozent von ihnen haben einen festen Partner. Sie sind aber so arm, daß sie pro Nacht gegen Geld noch zwei oder drei Sexpartner haben, um überleben zu können.“
Afrikanische Forscher im Land halten
„Während der vier Jahre der Studie haben die Frauen auch gelernt, daß eine HIV-Infektion nicht gleichbedeutend sein muß mit Stigmatisierung und Ausstoßung aus der Gemeinschaft. Außerdem haben wir die Neuinfektionsrate von siebzehn Prozent im ersten Jahr auf zwei Prozent im dritten Jahr gesenkt. Das gibt Hoffnung.“ Anfangs kamen die Ideen zur Forschung in Mbeya vor allem aus Deutschland, jetzt kommen sie zunehmend aus Tansania.
Das tansanische Gegenüber Hoelschers ist Leonard Maboko, ein Fachmann, der eigenständig Forschungsvorhaben ausführt. „Das ist auch ein wichtiger Aspekt unseres Projekts“, sagt Hoelscher, „daß wir die afrikanischen Forscher im Land halten. Sie können in Tansania bleiben und dennoch auf Weltniveau forschen.“
Drei Phasen der Erprobung
Der in Mbeya zu erprobende HIV-Impfstoff besteht aus zwei Komponenten, die nacheinander innerhalb einiger Wochen verabreicht werden: zuerst eine DNA-Impfung, das sind Fragmente der Erbinformation des HI-Virus, die mittels Nadel oder Luftkompressionsspritze in den Körper des Probanden gespritzt werden. Dann folgt eine Lebendimpfung mit einem gentechnisch veränderten Adenovirus, in das kleine Genabschnitte von HIV eingebaut sind. Über beide Impfungen wird Erbinformation von HIV in körpereigene Zellen geschleust, die dann auf ihrer Oberfläche Strukturen von HIV abbilden. Diese Strukturen erkennt der Körper als fremd und zeigt darauf eine Immunantwort.
Hoelscher: „Solche Erprobungen haben drei Phasen. In Phase I wird die Sicherheit getestet, ob es nicht zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommt. Das wurde in Amerika und Europa gemacht, weil dort die medizinische Absicherung am größten ist. In Phase II prüfen wir, wie gut der Impfstoff eine meßbare Immunabwehr herbeiführt. Und in Phase III stellen wir fest, ob die Immunantwort wirksam ist, ob sie schützt.“ Das alles dauere fünf bis sieben Jahre, in Mbeya sei man in Jahr drei. Die Phase-III-Erprobung beginne frühestens Mitte 2007.
Doppelblindverfahren
An den acht Standpunkten der Impfstofferprobung in Afrika und in der Karibik werden zusammen 1500 Probanden geimpft, 150 von ihnen in Mbeya. Die eine Hälfte bekommt ein Placebo, eine Impfung gegen die verbreitete Hepatitis B, damit diese Probanden auch einen Nutzen von ihrer Teilnahme an der Erprobung haben.
Weder Ärzte noch Probanden wissen, wer den HIV-Impfstoff bekommt (Doppelblindverfahren). Hoelscher: „Man muß auf jeden Fall allen erklären, daß die Impfung kein Schutz vor HIV ist, sonst werden sie unvorsichtig und schützen sich nicht beim Sex.“
Teure Erprobungen
Der Forscher hebt hervor, daß es sich bei dem jetzt erprobten Impfstoff mittlerweile um die vierte Generation handele. Unter den Wissenschaftlern gibt es zwei Fraktionen, die Impfstoffentwickler und die Impfstofferprober. Beide streiten um die Ressourcen. Wenn ein Impfstoff etwa sieben Jahre nach seiner Entwicklung in die entscheidende Phase-III-Erprobung gehen soll, proklamieren die Entwickler, daß sie längst einen viel besseren Impfstoffkandidaten entwickelt hätten und es eine Verschwendung sei, den „alten“ Kandidaten zu erproben.
Hoelscher: „Phase-III-Erprobungen sind wahnsinnig teuer. Die gerade in Thailand laufende mit 70.000 Probanden wird wohl 120 Millionen Dollar kosten, und auch in Afrika, wo die Epidemie stärker ist und deshalb weniger Probanden gebraucht werden, muß man mindestens 50 Millionen Dollar veranschlagen.“
„Nur ein Baustein“
Trotz dieser Kosten gibt es für Hoelscher nur einen einzigen Ausweg: erproben, erproben, erproben, nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Jedes HIV-Impfstoffprogramm werde unglaubwürdig, wenn man immer vor der entscheidenden Phase abbreche. Doch selbst wenn die Wissenschaftler mit der Impfstofferprobung Erfolg haben - ein Allheilmittel gegen die fürchterliche Epidemie wäre auch das nicht.
„Ein Impfstoff könnte nur ein Baustein in einem umfassenden Programm sein“, sagt Hoelscher. „Wenn wir zudem die Geschlechtskrankheiten zurückdrängen, den Kondomgebrauch steigern, auf Verhaltensänderungen hinwirken, mehr Menschen mit Antiretroviraler Therapie versorgen, generell das Gesundheitssystem verbessern und und und: Nur mit alledem zusammen könnte man die Prävalenzrate von HIV/Aids massiv drücken.“
Axel Wermelskirchen Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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