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Samstag, 11. Februar 2012
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Im Portrait: Stella Deetjen Stern in Benares

29.09.2004 ·  Wie Stella Deetjen bei Leprakranken und Straßenkindern in der indischen Stadt Benares fand, was sie immer gesucht hat.

Von Axel Wermelskirchen
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Stella Deetjen, 24 Jahre, groß, schlank und schön, sitzt in der uralten Stadt des Lichts auf den Stufen eines Ghats, eines jener Treppenabhänge zum Ganges, auf denen bei Sonnenaufgang Hindus zu Tausenden die rituellen Waschungen vornehmen, auf denen sie ihre Toten verbrennen und die Asche dem Fluß überantworten. Wer in der heiligen Pilgerstadt Benares stirbt, sagen die Weisen, bricht den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt. Die junge Frau aus Deutschland, die auf den Stufen des Ghats sitzt, sucht nicht die mystische Auflösung des Ich. Sie hat profan Bauchweh und hält sich den Leib. Da kommt ein Bettler auf sie zu, sieht sie fragend an, was ihr fehle, ob er ihr helfen könne. Seine Mähne ist weiß, er ist an Hand und Fuß verstümmelt, ein Lepröser. Die junge Frau ist im Innersten berührt: Der leprakranke Ausgestoßene bietet der Touristin, die ihm unermeßlich reich und fern erscheinen muß, Hilfe an. Sie fragt den Mann nach seinem Namen. Musafir, antwortet er, und daß ihn schon lange niemand mehr nach seinem Namen gefragt habe.

"Er war der erste", sagt Stella Deetjen. Ein Jahrzehnt liegt die Begegnung jetzt zurück. Deetjen lebt seitdem in Indien. Einmal im Jahr kommt sie wieder nach Deutschland, aber nicht in ihr altes Leben, sondern für ihr neues. In der Vordertaunusgemeinde Friedrichsdorf wohnt sie dann mit ihrem Sohn Cosmo, fünfeinhalb Jahre, bei der Mutter, einer Oberstudienrätin am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium im benachbarten Bad Homburg. Schön ist sie wie damals, womöglich schlanker noch. Wenn sie erzählt, wie sie in Benares fand, was sie suchte, dann müßte, wer sich dem entziehen wollte, ein Herz aus Stein haben. Am Gymnasium der Mutter hat Stella Deetjen 1989 Abitur gemacht, nahm Schauspielunterricht in Frankfurt, lebte in Italien und wollte sich in Rom am "Europäischen Institut für Design" zur Fotografin ausbilden lassen. Bis zum Beginn des Studiums war aber noch Zeit. Sie packte einen Rucksack und fuhr los, allein, nach Nepal, Tibet, Indien.

Deutsche Kinder finden sie „cool“

In Benares dann sitzt sie an jenem besonderen Tag auf den Stufen zur heiligen Ganga und hat Leibschmerzen. Wie die Geschichte weitergeht, erzählt sie in diesen Frühherbsttagen den Kindern in ihrer alten Schule, den Rotariern, Lions-Club-Mitgliedern und Pfarrgemeinden am Taunus, im reichen Gürtel um Frankfurt. Vor allem die Kinder hängen an ihren Lippen; "cool" finden sie die Frau mit den leuchtenden blauen Augen, den Dreadlocks, dem schmückenden Punkt über der Nasenwurzel und dem Elefantengott auf dem T-Shirt. "Hindi habe ich von Tingla gelernt, einem leprakranken Bettler, der Englisch konnte", sagt Stella Deetjen. "Er malte, obwohl ihm die Finger abgefallen waren. Den Pinsel hat er sich an den Arm gebunden. Ich habe Papier gekauft, wir haben Bilder gemalt." Sie wendet sich den Elendsgestalten mit den zum Fürchten entstellten Gesichtern zu, die da im fauligen Unrat der Straße vegetieren, tagein, tagaus, der sengenden Sonne ausgeliefert, den Monsunfluten preisgegeben. Ansteckung fürchtet sie nicht; das Immunsystem des Europäers sei stark genug für die Abwehr der Bakterien, sagt sie.

Sie lernt, daß die Kranken von ihren Angehörigen ausgestoßen werden, damit nicht die ganze Familie "unberührbar" wird. Daß sie von den umliegenden Dörfern kommen, zuvor dort auf den Feldern der Großgrundbesitzer gearbeitet haben, auch als Straßenbauer, Hilfsarbeiter und Rikschafahrer. Daß sie mit ihren Familien in Lehmhäusern gelebt haben, ein einfaches Leben, aber ein Leben in Würde. Jetzt können sie nur noch betteln, im Schmutz der Straßen von Benares (indisch: Varanasi), einer Stadt mit mehr als 1,3 Millionen Einwohnern. Stirbt ein Leprakranker, darf sein Leichnam nicht verbrannt werden. Der Tote wird auf den Ganges hinausgefahren, man bindet einen Stein an seinen Fuß und läßt ihn ins Wasser gleiten. "Immerhin gehen sie aufrecht nach unten, das gefällt mir", sagt Stella Deetjen. Sie lernt weiter, daß Ärzte die Leprakranken meiden, damit ihnen die anderen Patienten nicht weglaufen. Sie sieht Männer, die sich die eiternden, vermadeten Füße mit Plastiktüten umwickeln, weil nicht einmal mehr der Unglückliche neben ihnen den Gestank erträgt. Die Gleichgültigkeit der Gesunden empört sie, die Schicksalsergebenheit der Kranken auch: Niemand scheint zu wissen, daß Lepra heilbar ist. Sie wird den Kranken "Schwester", sie nennt sie "Brüder". Zum Schutz vor den Gefahren der Straße hat sie einen großen Hund aus Deutschland an der Seite.

„Hätte ich mich umdrehen sollen?“

Dann kommt der Tag, an dem die Polizei die Männer von der Straße im vergitterten Wagen zusammentreibt. Delikt: Bettelei. Sie sieht die Angst in den Augen der Gefangenen. "Hätte ich mich umdrehen sollen?" Sie dreht sich nicht um, sie springt auf und fährt mit ins Gefängnis. "Ein Aufruhr. Hunderte sind auf dem Fahrrad hinter uns her, die einen schrien ,God bless you', die anderen ,You are crazy.'" Die Inhaftierten flehen sie an, sie müsse ihren Familien auf den Dörfern sagen, daß das Bettelgeld aus Benares jetzt versiege. Zeitungen in halb Indien berichten über den Vorfall, über die verrückte, gesegnete Deutsche, die auf den Wagen mit den "Unberührbaren" gesprungen ist. "Bei den Besuchen im Gefängnis notierte ich mir die Namen der Männer", berichtet Stella Deetjen. Als die Bettler nach drei Monaten freikommen, hat sie so die Patientenliste für ihre "Straßenklinik" beisammen. "Back to life - Zurück ins Leben" nennt sie ihr Projekt. Rom, das Studium der Fotografie, Deutschland - das alles ist verblaßt. Sie bleibt in Indien, endgültig. Der Vater ist entsetzt; sie werfe ihr Leben weg für einen Tropfen auf einen heißen Stein. Die Mutter hat Angst um ihre Stella, den Stern. Aber sie versteht die Tochter und steht ihr zur Seite.

Nach den Zeitungsberichten stoßen Helfer zu ihr, Krankenschwestern, Lehrerinnen, ein Student, ein Ingenieur - aus Indien, Australien, Italien, der Schweiz. Sie sammeln Geld, von Firmen am Ort, von Touristen. Die ersten Leprakranken erhalten die Multi-Drug-Therapy (MDT), die Standardbehandlung der Weltgesundheitsorganisation. "Die Männer lebten weiter auf der Straße", berichtet sie. "Wir mußten sie von den Medikamenten überzeugen, sie täglich kontrollieren. Einer von ihnen zerstieß die Antibiotika anfangs zu Pulver und rieb sie sich direkt in die Wunden, statt sie zu schlucken." In der "Straßenklinik" können die Kranken ihre Wunden pflegen lassen, Ärzte kommen zur Visite. Die Patienten erhalten Spezialschuhe für ihre verstümmelten Füße, Sehhilfen, Prothesen, Rollstühle. Stella Deetjen begleitet sie zu wiederherstellungschirurgischen Eingriffen in Spezialkrankenhäuser außerhalb von Benares. Die Kranken fertigen Armbänder und Halsketten, die in der Stadt guten Absatz finden. Zwei Drittel des Verdiensts erhalten sie sofort, ein Drittel wird als Startkapital zurückgelegt. Zwei Jahre später sind die ersten sechzig Patienten geheilt. Zehn Männer kehren in ihre Dörfer zurück, versehen mit einer von ihnen selbst erarbeiteten Existenzgrundlage.

Eifrige Schüler statt kleine Bettler und Diebe

Zurück im Leben ist auch der 48 Jahre alte Lakhikan, der vierzehn Jahre als "Unberührbarer" am Straßenrand lebte und in der Straßenklinik geheilt wurde. Vor sechs Jahren baute er ein Haus in einer Leprakolonie, ein Jahr später gebar ihm seine Frau Sunita den Sohn Uttpal, der jetzt die Vorschule besucht. Das Geld fürs Haus hat sich Lakhikan in einem anderen Projekt Stella Deetjens verdient. Er fuhr mit seiner Fahrradrikscha Straßenkinder in die Schule und holte sie mittags wieder ab. Seit Juli des vergangenen Jahres ist er Hausmeister im neuen Kinderheim, das Deetjen und ihre Mitstreiter in Benares gemietet haben. Die Straßenklinik für die Leprakranken wird seit August 2002 von einer Schweizer Organisation weitergeführt. "Der Sommer 2003 war mörderisch heiß in Benares, Temperaturen bis 52 Grad. Das hätten die Kinder auf der Straße nicht ausgehalten." Ins neue Heim ziehen fünfzig Kinder im Alter von vier bis sechzehn Jahren. Stella Deetjen hilft ihnen seit Jahren, seit sie mit der Klinik für die Leprakranken begann. Seitdem hat sie ihre Schutzbefohlenen Schritt für Schritt aus der Hölle des Lebens auf der Straße geführt, sie vor Gewalt, Mißbrauch und Kinderarbeit geschützt, sie im Anfangsstadium gegen Lepra behandeln lassen und so vor den gräßlichen Folgen der Krankheit bewahrt. Sie hat sie von Tuberkulose kurieren lassen. Sie hat sie gelehrt, wie man den Körper pflegt, damit er nicht krank wird, und wie man seine Sachen in Ordnung hält. Aus kleinen Bettlern und Dieben hat sie eifrige Schüler gemacht, die jetzt im Heim dreimal am Tag eine Mahlzeit erhalten und auf dem Spielplatz am Haus Kinder sein dürfen, Kinder mit Hoffnung und Zukunft. "Viele von den Waisen nennen mich ,Mama', was meinem Sohn, meinem kleinen blonden Inder, manchmal gar nicht gefällt", sagt Stella Deetjen. Sie wohnt noch immer zur Miete bei einer indischen Familie. Aus der Zwei-Zimmer-Wohnung wird in der Pilger- und Touristensaison immer einmal wieder eine Ein-Zimmer-Wohnung. Der Sohn besucht die indische Grundschule. "Manchmal frage ich mich, was ich ihm da zumute. Aber dann sage ich mir: Es wird einmal etwas davon haben, nicht auf der reichen Seite der Welt aufgewachsen zu sein."

Wenn sie wie in diesen Tagen den Kindern in Bad Homburger Gymnasien berichtet, daß sie ihre indischen Kinder mit einem Betrag von 56,60 Euro einen Monat lang komplett versorgt, sind nicht wenige fassungslos. Einige Klassen haben "30-Euro-Patenschaften" für ein Kind in Benares übernommen. Stella Deetjen findet wenig Schlaf, wenn sie in Deutschland ist. Spenden sammeln fordert Kraft, aber sie drängt unbeirrbar voran. Der Stern in Benares darf nicht verlöschen. Seit ein paar Tagen steht die WebSite des Projekts im Netz: www.back-to-life.com. Vor ein paar Wochen hat sie über ihre Mitstreiter von einem alten indischen Herrn, der seinen Lebensabend in Kalkutta verbringen will, für 100000 Euro ein Stück Land in Benares gekauft; bezahlt sind 20.000 Euro, 80.000 brauchen sie noch. Auf dem Grundstück steht ein großes dreistöckiges Gutshaus mit Säulen und einem Mangobaum davor. In den drei Nebengebäuden würde sie die geheilten Leprapatienten unterbringen, die im Kinderheim arbeiten. Im Gutshaus sollen ihre fünfzig Kinder heranwachsen und noch einmal 25 andere, für die Deetjen noch Paten sucht. "Wenn ich aus Deutschland nach Hause komme, führen mich die Kinder in einen ihrer Wohnräume", erzählt sie, und ihr Blick geht für Sekunden nach innen in die Ferne. "Ich muß mich auf ein Bett setzen. Sie stellen einen Ventilator an und lassen Blütenblätter auf mich regnen. Dann weiß ich: Ich hab' gefunden, wonach ich immer gesucht habe."

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