30.03.2010 · Er darf das, denn er ist selbst einer: Der Stand-up-Komiker Oliver Polak hat seine Vita zum Bühnenprogramm gemacht. Beim „Judenspiel“ nennt Polak die Namen Prominenter. Das Publikum muss rufen : „Jude“ oder „normal“. Es machen stets alle mit.
Von Katja GelinskyOliver Polak kommt mit einem Getränk von Burger King ins Berliner Traditionslokal „Clärchens Ballhaus“. Auf dem Megabecher pappt ein Aufkleber: „Wieviele Juden bist Du?“ Die Sticker seien gerade erst fertig geworden, erzählt Polak. Aber nicht wegen des Spruchs habe er den Becher dabei. „Ich muss viel trinken.“ Wegen seines Gewichts sollten es aber eigentlich nicht so viele Milchshakes sein. Beim Ober bestellt Polak dann einen Riesling, lieblich. Ist diese Komposition noch Inszenierung oder authentisch schlechter Geschmack?
Oliver Polak ist Stand-up-Comedian. „Deutschlands einziger jüdischer Stand-up-Comedian“, wie die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ titelte. Aber die Bezeichnung „jüdischer Komiker“ mag Polak nicht. Besser einfach nur Komiker. „Für mich bin ich selber das Thema. Das Jüdische ist nun mal Teil meiner Identität, den man nicht ausklammern kann und ausklammern will.“ Dieser Teil allerdings hat den Dreiunddreißigjährigen bekannt gemacht. Seine jüdische Vita, das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen und der Holocaust sind die Säulen seiner Show „Jud süß sauer“. „Meine Damen und Herren, liebe Herrenrasse“, begrüßt er sein Publikum. Schäferhunde mit Waffen-SS-Mützen auf dem Kopf und Davidsternen an den Halsbändern dienen als Kulisse. Polak klotzt mit Klischees. Er selbst spricht von einer „Kunstform“, sieht sich „irgendwo zwischen Tokio Hotel und Rammstein“. Er sagt: „Es gibt eine Nachricht, aber die ist halt versteckt.“
Mama taucht ständig auf
Dafür ist Polaks Mutter omnipräsent. Muss gewöhnlich die Schwiegermutter für Witze herhalten, so ist es bei Polak die eigene. Kaum hat er bei „Clärchens“ auf einem der abgenutzten Holzstühle Platz genommen, da bedient er das Stereotyp der legendären „jiddischen Mamme“, die ihre Kinder niemals loslässt. „Hier kann man mit allen Leuten hingehen“, erklärt Polak die Wahl des traditionsreichen Tanzlokals für das Interview. „Selbst meine Mutter würde hier nicht auffallen.“ Was das jetzt über Frau Polak oder „Clärchens“ sagt, wird nicht so recht klar. Aber Mama taucht ständig auf. Selbst als Polak im Alter von 27 Jahren an Hodenkrebs erkrankte, war Mutter zur Stelle, um mit dem Chefarzt über die erforderliche Amputation des befallenen Hodens zu sprechen. Klingt nach komplex-komplizierter Mutter-Sohn-Beziehung. Aber Polak erklärt es so, dass es auch jeder Neonazi versteht: „Was ist der Unterschied zwischen einem Pitbull und einer jüdischen Mutter? Der Pitbull lässt irgendwann wieder los.“ Mit solcherlei Sprüchen, derben Scherzen und zuweilen auch in hintersinnig-doppelbödiger Manier bricht Oliver Polak das Tabu, Witze über Juden und den Holocaust zu machen. „Ich darf das, ich bin Jude“, heißt denn auch sein 2008 veröffentlichtes Comedy-Büchlein, das immerhin schon in der siebten Auflage erscheint.
Der Autor selbst erscheint an diesem Abend in „Clärchens Ballhaus“ so, wie man ihn von seinen Auftritten kennt: In Turnschuhen, Trainingshose mit ausgebeulten Taschen und schwarzem Kapuzenpulli unter dem Parka. Wenn Polak keine Jogginghosen trägt, dann Smoking. „Zum Beispiel zum Udo-Jürgens-Konzert.“ Womit wir schon wieder bei Mutter Polak wären. Sie ist nämlich Udo-Fan. Während der „Deinetwegen“-Tour in den achtziger Jahren durfte Oliver mit zum Konzert. Die größte Show für den Elfjährigen war, wie Mama bei der Zugabe versuchte, ihrem Idol Udo unter den verschwitzten weißen Bademantel zu gucken.
Hoden weg, Freundin weg und drittklassige Comedysendungen
Auch Polak singt. Als sei ihm ein „deutscher Panzer über den Fuß gefahren“, sagt seine Mutter angeblich dazu. „Kommt, lasst uns alle Juden sein!“ heißt die schwülstige Schlagerparodie, zu der der Comedian Konfetti regnen lässt. Beim „Eurovision Song Contest“ würde er mit dem Lied gern antreten, plaudert Polak. Oder vielleicht erst mal bei Stefan Raab. „Das wäre auch eine coole Sache.“ Bei Raab war Polak in den neunziger Jahren Praktikant. Der Showmaster und Musikproduzent moderierte damals eine Sendung bei Viva in Köln. Viel Nettes hat Polak nicht über Raab und Viva zu sagen. In einem „Puff voller Stricher und Prostituierter“ sei er gelandet, schreibt er in seinem Buch über den Teenie-Sender. In Raabs Show habe er, Polak, den „Fußabtreter“ gespielt. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ lautete das Sprüchlein des Praktikanten Oliver. „Dann drückte Stefan mir noch eine Gemeinheit rein, und ich durfte wieder gehen.“ Als gruselig hat Polak auch die Zeit bei Sat.1 in Erinnerung, wo er in der Sketchsendung „Zack“ mitspielte. Damals lief alles schief in Polaks Leben, nicht nur beruflich, auch gesundheitlich und privat. Hoden weg, Freundin weg und drittklassige Comedysendungen, mit denen er dann den Therapeuten finanzierte.
Also beschloss er vor dreieinhalb Jahren, Stand-up zu machen. Nur wie? Er entschied sich für das Naheliegendste: „Guten Tag, ich bin Oliver Polak, ich komme aus Papenburg im Emsland, und ich bin Jude.“ Die eigene Person, die eigene Herkunft und Geschichte. Im Grunde das klassische Fundament für Comedy. Zurück zu den Ursprüngen. „Wenn Eddie Murphy auf die Bühne geht, dann thematisiert der ja auch seine Herkunft, in dem Fall, dass er schwarz ist.“
Kulturschock im jüdisch-orthodoxen Internat
Polak kommt, wie gesagt, aus Papenburg. Vor dem Holocaust lebten in der niedersächsischen Kleinstadt zwanzig jüdische Familien. Nur einer kehrte nach dem Krieg zurück und blieb: Vater Polak. Munter erzählt der Komiker in seinem Buch von den Hosenträgern mit Comicmotiven, die sein Vater, Jahrgang 1925, trägt. Und von der Begeisterung des alten Herrn für Schüttelreime. „Mein Vater, der emsländische Eminem.“ Hinter dem Spott verbirgt sich aber offenbar tiefe Zuneigung. Sein Vater sei „sehr humorvoll“, sagt Polak. Schlicht und herzlich klingt das. Der Vater war in mehreren Arbeits- und Konzentrationslagern inhaftiert. Ein Teil der Familiengeschichte, den der Komiker schützt. Ja, sein Vater habe über die Zeit im KZ berichtet. Aber damit möchte Oliver Polak es eigentlich bewenden lassen. „Denn das ist ja seine Geschichte.“ Er werfe, ehrlich gesagt, die ganzen Namen der Konzentrationslager auch immer durcheinander, fügt er dann noch hinzu. Das klingt dem Komiker aber offenbar selbst zu flapsig. Natürlich könne er nachschauen, wo sein Vater überall inhaftiert gewesen sei, sagt Polak später.
Da es in Papenburg keine anderen Juden außer den Polaks mehr gab, musste bei der Gestaltung jüdischen Familienlebens improvisiert werden. Nicht orthodox, konservativ oder jüdisch-liberal war das Elternhaus, sondern „einfach Polak“. Kein Wunder, dass Polak junior einen ziemlichen Kulturschock erlitt, als er in ein jüdisch-orthodoxes Internat in England verfrachtet wurde. Dort wurde der Komiker plötzlich auf paradoxe Weise mit Identitätsfragen konfrontiert. War er in Papenburg als Jude Außenseiter gewesen, so wurde er in England als böser deutscher Nazi beschimpft. „Das war dann wieder eine neue Variation der ganzen Problematik.“ Manchmal habe er sich gefragt: Was hättet ihr denn lieber - den Juden heute oder das verfickte Neonazi-Schwein?
„Nicht gezielt für irgendeine Rasse“
Zum ersten Mal wirklich angekommen fühlte sich Polak dann in Köln. Am Rosenmontag war das. „Nur Spinner mit so roten Haaren und keiner unter 0,5 Promille - und das erste Mal fühlte ich mich nicht so als Außenseiter.“ Mittlerweile wirkt Polak manchmal bei Feiern und Veranstaltungen für jüdische Jugendliche mit. Aber als Vertreter des Judentums will er sich nicht vereinnahmen lassen. „Ich mach' das jetzt nicht gezielt für irgendeine Rasse.“ Auch sein Freundeskreis sei bunt gemischt: katholisch, evangelisch, Zeugen Jehovas, Scientologen und eben auch ein paar Juden.
Befremdlich findet Polak Vorwürfe, er nutze es aus, Jude zu sein. „Bei Mario Barth regt sich auch keiner auf, dass er über Mann und Frau redet.“
„Jude“ oder „normal“
Polaks Paradenummer ist das „Judenspiel“. Dabei konfrontiert der Comedian die Zuschauer auf maliziöse Weise mit ihren eigenen Vorurteilen und Klischees. Polak nennt den Namen eines Prominenten, und das Publikum soll „Jude“ oder „normal“ rufen. Die Zuschauer spielten immer mit, sagt Polak. Aber zuweilen gibt's auch Spielverderber. Wie damals bei einem Auftritt in Bonn. „Irgendwann sprang jemand in der ersten Reihe auf und schrie, dass ich den Antisemitismus in Deutschland fördern würde.“ Später ging es nach der Show an der Bar weiter. „Dieselbe Person schrie dann, ob ich als Jude denken würde, dass ich was Besonderes wäre?“ Von den umstehenden Kollegen und Redakteuren habe dazu niemand etwas gesagt. Das sei schon „sehr seltsam“ gewesen. Polak ist empfindlicher, als sein bisweilen derber Humor vermuten lässt. Nur selten benutzt er die Vokabel Antisemitismus, aber es wird auch so deutlich, was er meint. „Das Wort Jude ist auf Schulhöfen wieder ein Schimpfwort geworden.“ Und in ostdeutschen Fußballstadien, in der zweiten oder dritten Liga, komme es vor, dass den Gegnern Fahnen mit der Aufschrift „Ihr Juden“ entgegengehalten würden. „Manchmal würde ich mir wünschen, dass die Bundesregierung da irgendwie ein bisschen stärker durchgreift.“ Stattdessen scheine es zuweilen so, als würden die Juden vorgeschickt, um sich selbst zu verteidigen - „und dann nachher noch mal einen in die Fresse zu kriegen“, sagt er mit ungewohnter Heftigkeit.
Politik ist eigentlich nicht Polaks Thema. Die überlässt er lieber den Kabarettisten, über die der Comedian sich mindestens so bissig äußert wie über den Stand-up-Kollegen Mario Barth. Anders als bei den Leuten vom Kabarett mit ihrer „links-okayen Haltung“ gebe es bei seinen Witzen keine Auflösung. „Das Denken übernehme ich nicht.“ Sein Humor richte sich „gegen alles“. Für sein zweites Buch hat Polak denn auch den martialischen Arbeitstitel „Tora reloaded“ gewählt. Was drin stehen wird? Der Comedian zögert, ziert sich. Schließlich sagt er: „Beim ersten Buch stand der Witz vor der Geschichte. Ich könnte mir vorstellen, dass es beim zweiten Buch so sein wird, dass die Geschichte vor dem Witz stehen wird.“ Das hat er bei früheren Gelegenheiten schon genauso gesagt. Überhaupt ist Polak ein Meister darin, in seine Antworten etliche Sprüche, Pointen und Gags aus seinem Repertoire zu packen. Auch in „Clärchens Ballhaus“ bot Oliver Polak an diesem Abend ziemlich viel Stand-up-Comedy.
Viva Papenburg
Oliver Polak, Jahrgang 1976, wuchs in Papenburg auf. Die Polaks waren die einzige jüdische Familie in der niedersächsischen Kleinstadt. Für das Abitur wurde Polak in ein jüdischorthodoxes Internat in England geschickt. Zurück in Deutschland, ging er zum Fernsehen. Polak war Moderator bei Viva-Family und beim Disney-Club von RTL. Er versuchte sich als Musiker, nahm Schauspielunterricht und trat in verschiedenen Fernsehserien auf. Seit 2006 macht er Stand-up-Comedy. Polak lebt in Berlin.
Zugehörigkeit
Mona Vogelsang (Aghapi)
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Oh Gott!
Eric Mrozinski (Dadycool)
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Andreas Eichel (killboy)
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Lieber Herr Bunkenstedt,
Hermann Deisler (soz97dcw2)
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Sabine Schuster (Sabine81)
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