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Im Norden Lapplands Geschichten von verlorener Freundschaft

 ·  Ihre Kultur wurde geschändet, ihr Volk unterdrückt: Am nördlichsten Zipfel Europas kämpfen die Nachfahren der Rentierhirten um unterschlagenes Land – und gegen das Vergessen.

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© Florian Siebeck

Die farblose Straße durch den Norden des Landes führt schon viel zu lange geradeaus. Dabei schlägt sie eine Schneise in den kargen Wald, dessen kümmerliche Triebe sich dem Eiswind längst ergeben haben. Zwischen all den kleinen Birken liegen Heidesträucher im Schnee begraben, und hie und da ragt eine Rotföhre heraus, die anmutig der Kälte trotzt. Sie nennen es Heimat, den Norden Lapplands, das Volk der Sonne und des Windes. Die Samen sind der letzte Urstamm Nordeuropas.

Obwohl die Stadt Karasjok in ihrem Wappen drei lodernde Flammen trägt, liegen über der Stadt nur traurige Wolken. Die norwegische Kommune mit ihren knapp 2800 Einwohnern gilt als die Zentrum dieses letzten indigenen Volkes, und am Ufer des Flusses, der sie durchströmt, erwächst – zunächst ganz unscheinbar – ein monumentaler Bau aus sibirischer Birke. Sámediggi nennen sie ihn, er ist das autonome Parlament der Samen. Viermal im Jahr begeben sich 39 samische Abgeordnete aus Norwegen auf die lange Reise zum Sámediggi. Dort entscheidet sich die Haltung der Minderheit zu politischen Position aus Oslo. „Wir arbeiten hier letztlich wie ein Ministerium“, sagt Anders Hendrick, der schnellen Schrittes durch die holzvertäfelten Gänge führt, „obwohl wir uns natürlich nicht anmaßen würden, einen eigenen Minister zu stellen.“

Mit den Wikingern kam die Repression

Die Samen bewohnten Lappland schon, lange bevor Staatsgrenzen das heutige Norwegen, Finnland, Schweden und die russischen Kola-Halbinsel voneinander trennten. Sie waren einst Fischer, aber vielmehr noch ermöglichte die Rentierzucht ein Leben. Mit den Wikingern kam die Repression, die nahtlos von Schweden, Norwegern, Finnen übernommen wurde. Die Länder zwangen die Samen in die Knie. Sie mussten sich anpassen, wurden gezwungen Norwegisch zu sprechen, bis ihre Muttersprache fast gänzlich vergessen war. Anders Hendrick macht Halt an einigen Zeichnungen, die hinter Glas im langen Flur hängen. „Das sind die Bilder unserer ersten Versammlung. Das war 1917, sie sind erst vor kurzem entdeckt worden.“

Im 20. Jahrhundert begannen die Samen, für ihre Rechte einzutreten. 1990 dann, nach langen Jahren, ratifizierte Norwegen als bisher einziges Land in Nordeuropa die Konvention Nr. 169 der International Labour Organization (ILO) über die verbindlichen Rechte von indigenen Völkern. Als König Harald V. das Sámediggi schließlich 1997 eröffnete, schämte er sich der Vergangenheit: „Der norwegische Staat wurde auf dem Territorium zweier Völker gegründet – der Samen und der Norweger. Heute drücken wir unser Bedauern über das begangene Unrecht durch die harte Politik der Norwegisierung aus.“

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Anders Hendrick eilt schnell voran, er würdigt die japanischen Designermöbel zwischen den Büros keines einzigen Blickes. „Da vorne ist es dann“, sagt er und „psst“, als er die Tür zum Plenarsaal öffnet, in dem die Abgeordneten in ihren traditionellen Gewändern debattieren. An den Farben dieser Gatkis,  die die vier Elemente symbolisieren, und am Schmuck der Trachten lassen sich Herkunft und Familienstand eines Samen ablesen. Längst sind die Gewänder nicht mehr aus Rentierleder gefertigt; als Materialien dienen jetzt Wolle, Baumwolle und sogar Seide. Auch die spitz zulaufenden traditionellen Schuhe sind mittlerweile wasserabweisend, trotzdem lassen sie die Politiker wie Weihnachtselfen aussehen.

Die Elfen sitzen dort mit ihren iPads in einem Tipi aus Glas und Holz, das die Architekten Stein Halvorsen und Christian Sundby den Zelten früherer Nomaden nachempfunden haben. Nur noch zwei Abgeordnete leben von der Rentierzucht, andere sind Juristen, Journalisten, Geschäftsführer.

„Manche schämen sich, ein Same zu sein“

Doch der Schein der basisdemokratischen Unterwanderung norwegischer Staatsräson trügt: Dem Sámediggi fehlt die Legislative. Zwar ist es eng verflochten mit dem arktischen Rat, den samischen Parlamenten der Nachbarstaaten und mit dem Samischen Rat, einer Nichtregierungsorganisation. „Aber wir dürfen weder Gesetze verabschieden noch Steuern erheben. Und unsere Rechtsform erlaubt es uns auch nicht, Spenden anzunehmen“, sagt Johan Vasara. Er ist politischer Berater des samischen Präsidenten. „Trotzdem gibt uns das Parlament ein gewisses, wie soll ich sagen … Standing, gegenüber Oslo.“

Dieser Einfluss macht sich durchaus bemerkbar. Der Etat aus Oslo ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, 2011 lag er bei mehr als 45 Millionen Euro. Im Plenum wird heute über die norwegische Gen-Biobank gesprochen (für gut befunden), über den Spracherhalt (der ist wichtig) und die Rechte der Fischer (auf dem richtigen Weg). Auch wenn die Entscheidungen aus Oslo die Lage langsam verbessern, ist das Sámediggi nicht immer einverstanden damit. „Nicht ein Gesetz selbst ist wichtig, sondern die Intention dahinter“, sagt Johan Vasara. „Betrachten wir die Rechte der Fischer: Die Regierung will die Regionen besiedelt lassen, deshalb erlaubt sie Samen, dort auch zu fischen. Unser historisches Recht wird ignoriert“, sagt Varanas. So gibt es ein Hin und Her in vielen Fragen; nicht zuletzt beim Bergbau und der Rentierzucht.

Um ihre Abgeordneten zu wählen, haben sich 14.000 der geschätzten 60.000 in Norwegen lebenden Samen registrieren lassen. „Das erfordert viel Mut“, sagt Vasara, „viele von uns tragen schwer an ihrer Vergangenheit, sie haben in der Repression ihre Sprache und Kultur verloren, manche leugnen ihre samische Identität deshalb bis heute.“ Der norwegische Völkerrechtler Geir Ulfstein hält vor der Versammlung einen Vortrag über die Rechte indigener Völker. Später beim Mittagessen wird er sagen, dass neue Gesetze den Samen zu schaffen machen. Sie stehen kaum im Fokus der Öffentlichkeit. „Aber ist das in Deutschland anders? Sind die Sorben da ein Thema?“

Am Nebentisch sitzt der rechtskonservative Høyre-Politiker Jens Johan Hjort, der auch Bürgermeister der Küstenstadt Tromsø ist. In Tromsø wohnen knapp 5000 Samen. Im Wahlkampf 2011 hatte er sich geweigert, Samisch als zweite Amtssprache in seine Kommune zu akzeptieren. Mittlerweile ist er umgeschwenkt, und für seinen Kuschelkurs hat er eigens einen Samen aus Tromsø mitgebracht. „Ich werde Sorge tragen dafür, die Renaissance der samischen Kultur in Tromsø zu ermöglichen, und persönlich werde ich die Greueltaten der Vergangenheit vergessen machen.“ Samische Kultur sieht er als Gewinn für die Stadt, wobei es der von ihm verwandte Begriff „asset“ noch treffender umschreibt – die samische Kultur hat sich in manchen Kommunen, zumeist in Finnland, schon als einträglicher Touristenzweig etabliert.

Politische Geschichte auf dem Laufsteg erzählen

Unweit des Parlaments gelegen, doch das ist nicht schwer in dieser kleinen Stadt, unterhält der staatliche Rundfunksender NRK seine Dependance „Sápmi“. Die Journalistin Sara Ellen Anne Eira sitzt an ihrem Schreibtisch über dem Sendeplan, denn heute ist sie für das einstündige Sendefenster verantwortlich. Sie wuchs als Kind von Rentierhirten auf, in Kautokeino, zwei Autostunden von Karasjok entfernt. Knapp eine Stunde hat sie heute zu füllen. „Wir finden unsere Themen in Blogs und auf Facebook“, sagt sie. Eira ist stolz auf ihren Job – etwas besseres, sagt sie, hätte ihr nicht passieren können. Aber fühlt sie sich wohl mit der norwegischen Politik? „Es ist besser geworden, aber mehr will ich da nicht sagen. Das sollen unsere Politiker machen.“

Auch Anne Berit Anti arbeitete bei NRK Sápmi, des Journalistendaseins wurde sie vor fünf Jahren überdrüssig. Also wechselte sie in die Mode – und ging nach Oslo, zur Kunsthochschule. Es ist weit nach Mitternacht, als sie im leeren Restaurant in der Stadt Alta Platz nimmt. Es liegt auf halber Strecke nach Hammerfest, dort ist das nächste Krankenhaus. Ihr Sohn hat sich den Arm gebrochen. Eine Gruppe Jugendlicher, die sie gerade kennengelernt hat, verabschiedet sich von ihr. „Samische Teenager“, sagt sie, „sie erzählten mir, dass sie Utøya überlebt haben. Jetzt warten sie auf das Urteil gegen Breivik.“ In Anne Berit Anti steckt noch immer die Journalistin, wenn sie andere Menschen trifft. „Früher habe ich als Reporterin Geschichten erzählt, jetzt erzähle ich sie auf dem Laufsteg – politische Geschichten.“ Dabei wuchs sie fernab in Oslo auf, zog erst mit sieben Jahren nach Karasjok. „Da lebte meine Großmutter, und die sprach kein Norwegisch.“ Also lernte sie Samisch.

Geschichten von verlorener Freundschaft

Für ihre Entwürfe krempelt sie Traditionskleidung um, nutzt Rentierfell und traditionelle Stoffe. Ihre erste Kollektion, „Let the River Live“, ist eine Hommage an ihren Onkel. Anti war noch ein Kind, als sie ihn im Fernsehen sah. Die Regierung in Oslo pochte auf einen Staudamm, der den Nomaden jede Lebensgrundlage geraubt hätte. „Da saß er dann, mein Onkel, im Hungerstreik. Er und die anderen haben ihr Leben riskiert, um für unsere Rechte zu kämpfen. Sie sind unsere wahre Helden.“ Ein anderer Freiheitskämpfer, Nillas Somby, verlor seine Hand beim Versuch, eine Brücke zu sprengen. „Er floh ins Exil und nahm seine Hand mit. Später fotografierte er sie.“ Die Hand wurde zum Symbol für den Kampf der samischen Minderheit – Anne Berit Anti druckte das Motiv auf einen Rock.

Der Kampf um den Staudamm war auch ein Scheidepunkt in der Geschichte der Samen. Heute genießen sie mehr Rechte als früher. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. „Es gibt keinen Zusammenhalt mehr zwischen Samen und Norwegern“, klagt Anti. In den alten Zeiten halfen sich Rentierhirten und Küstenbewohner gegenseitig. „Sie tauschten Fisch mit Fleisch, Rentierfell mit Garn, einen Schlafplatz gegen Transportmittel.“ Heute, sagt Anti, gibt es Supermärkte und Schneemobile.  „Die Norweger hier fürchten, wir wollten ihr Land übernehmen. Manche glauben sogar, wir könnten zaubern.“ Deshalb hat sie ihre jüngste Kollektion Verddevuohta/gjestevennskap genannt, wofür es nach Antis Auffassung keine gute Übersetzung gibt. „Es bezeichnet die alte Freundschaft zwischen den Samen und den Norwegern. Aber die ist längst verloren gegangen.“ Anne Berit Anti blickt auf, in ihren Augen nur ein müdes Lächeln. Sie schaut auf die Uhr, packt ihre Sachen und geht. Ihre Worte verklingen im Dunkel der Nacht.

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