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Im Gespräch: Landarzt Gunter Gottschalk „Es ist eine Katastrophe“

08.04.2010 ·  In Gunter Gottschalks Praxis laufen die Schredder heiß. Der Landarzt ist gerade dabei, seine Praxis im oberbayerischen Obertaufkrichen abzuwickeln. Ein Nachfolger hätte sich einfach reinsetzten und weitermachen können, aber es wollte keiner.

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Landarzt Gunter Gottschalk hat mit 66 Jahren seine Praxis im bayerischen Obertaufkirchen aufgegeben. Für seine Patienten ist das eine Katastrophe, denn einen Nachfolger gibt es nicht. Viele ältere Menschen suchten Gottschalks Praxis auf, um einfach nur zu reden. Das sei immer noch die beste Medizin, sagt der Landarzt, der seit zehn Jahren nicht mehr im Urlaub war.

Grüß Gott, Herr Gottschalk. Sie haben Ihre Landarzt-Praxis in Obertaufkirchen zum 1. April aufgegeben. Was bedeutet das für Sie und Ihre Patienten?

Eine Katastrophe! Die Patienten holen ihre Unterlagen für den neuen Arzt ab und gehen unter Tränen aus der Praxis. Es ist sehr traurig, es tut furchtbar weh. Aber ich bin schon 66, wollte eigentlich schon letztes Jahr aufhören und habe nur noch weitergemacht in der Hoffnung, doch noch einen Nachfolger zu finden. Der hätte sich hier einfach reinsetzen und weitermachen können.

Haben Sie schon alles abgewickelt?

Nein, hier in der Praxis sieht's aus wie in einem Räuberlager - auch wegen der vielen Abschiedsgeschenke. Meine Aufzeichnungen zu den Patienten sortiere ich aus ihren Unterlagen aus. Da der Schredder schon heiß gelaufen ist, werfe ich sie nun in den Kachelofen.

Und was machen Sie mit dem Inventar?

Ich versuche es zu verkaufen. Ich habe viele Geräte: Sonographie, EKG, Belastungs-EKG, Sehtestgerät, Audiometer, Mikrowelle, Reizstrom, Lungenfunktion, Defibrillator. Und die Einrichtung ist erst 20 Jahre alt und sieht aus wie neu.

Wie viele Patienten hatten Sie denn zuletzt?

Nicht mehr viele, nur noch 170 im letzten Quartal, weil ich meine letzte Helferin Ende des Jahres entlassen musste und es zum Schluss alleine gemacht habe. Aber wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zu den Patienten.

Und wohin gehen die Patienten nun?

Das ist ja die große Frage.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung ist der Versorgungsgrad bei Ihnen im Landkreis Mühldorf am Inn sehr gut.

Das nützt aber nichts, weil die Verkehrssituation hier so schlecht ist. Viele Patienten sind alt und müssen sich nun extra zum Arzt fahren lassen. Man hat vorgeschlagen, dass die Patienten die Schulbusse nutzen könnten. Aber ein altes Mutterl wird da doch zertreten.

Was haben Sie denn in den letzten zweieinhalb Jahren getan, um einen Nachfolger zu finden?

Ich habe über die Jahre insgesamt fünf Praxisvermittler angeheuert. Die Kassenärztliche Vereinigung hat's ins Internet gestellt. Und ich habe Anzeigen aufgegeben. Aber schauen Sie mal in die „Ärzte-Zeitung“: Da gibt's viele Angebote und kaum Nachfrage. Jetzt erscheint es auch noch im „Bayerischen Staatsanzeiger“. Aber auch davon verspreche ich mir nicht mehr viel.

Was hat denn das Landarztleben so reizvoll gemacht?

Es ist schön, hier auf dem Land zu leben. Der Stress fällt weg. Man kennt die Patienten. Man sieht bei den Hausbesuchen das Umfeld und kann so Sorgen und Krankheiten gut einschätzen. Oft kommen die Patienten nur zum Reden. Und das ist noch immer die beste Medizin.

Warum erkennen Nachwuchsärzte nicht mehr den Reiz daran?

Erstens wegen schlechter Bezahlung. Bevor ich Arzt wurde, war ich Industriefotograf. Da habe ich mehr verdient.

Und zweitens?

Man ist rund um die Uhr in Bereitschaft. Da ist man gerade eingeschlafen, das Telefon klingelt, und man fährt 20 Kilometer, nur weil das Kind einen Husten hat, den man auch noch am nächsten Tag hätte behandeln können. Im Urlaub war ich seit zehn Jahren nicht mehr.

Und was halten Sie nun von den Vorschlägen unseres Gesundheitsministers Rösler, eine Landarzt-Quote einzuführen und den Zugang zum Medizinstudium zu vereinfachen?

Das klingt ja gut. Aber es geht vor allem ums Geld - die ANTWORT: Miete und die Mitarbeiter kosten ja auch immer mehr. Im Krankenhaus dagegen verdient ein junger Arzt mehr, und er hat Urlaubsanspruch. Da war zum Beispiel eine junge Dame, die ein gewisses Interesse an meiner Praxis hatte. Aber auch sie arbeitet jetzt in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Dabei kommt sie aus dem Nachbarort.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: F.A.Z.
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