Welche Interviewfrage können Sie nicht mehr hören?
Lenz: „Wo nehmen Sie nur immer diese Ideen her?“
Ist aber eine gute Frage. Also: Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Greser: Wir haben ja einen klaren Auftrag. Wir sollen die aktuelle Debatte begleiten und unseren Senf dazu geben. Wir sind darauf geeicht, immer nach relevanten Themen zu gucken. Wir sitzen nebeneinander an unseren Computern und lesen im Internet.
Welche bevorzugten Adressen?
Lenz: Vor allem „Spiegel“, „Süddeutsche“, F.A.Z. und „Bild“. Und dann lesen wir und unterhalten uns, eigentlich ziemlich ernsthaft.
Greser: Und dann sagt einer einen Satz, und der andere sagt: Halt, warte mal, und führt den Gedanken fort oder gibt ihm eine andere Wendung. Womit dann oft schon der Witz das Licht der Welt entdeckt hat.
Gibt es bei Ihnen einen typischen Tagesablauf?
Lenz: Ja, schon. Der Tag beginnt mit dem Zeitungslesen, das ist etwas sehr Schönes. Dann treffen wir uns so gegen halb elf, lesen weiter am Computer und überlegen uns Themen. Durch die neue Technik, also den elektronischen Versand der Zeichnungen, hat sich unsere Arbeit sehr beschleunigt.
Wenn Ihnen innerhalb von gut drei Stunden - der Anruf der Redaktion kommt um elf, halb zwölf, die Zeichnung muss gegen 15 Uhr fertig sein - etwas Witziges einfallen soll, ist das positiver oder unangenehmer Stress?
Lenz: Sehr positiver. Es ist doch wunderbar, gedruckt zu werden. Wir sind inzwischen zeichnerisch so fix geworden, dass das hinhaut. Vor zehn Jahren hätten wir das noch nicht geschafft.
Wie viel Prozent ist Auftragsarbeit, wie viel entspringt Ihren eigenen Ideen?
Lenz: Es sind fast immer Arbeiten, die wir anbieten. Vielleicht einmal pro Woche wird eine Zeichnung von der F.A.Z. angefordert. Wir sind aber sowieso darauf programmiert, ständig nach Themen auszuschauen, die gerade relevant sind.
Wenn Sie Ihre Zeichnung abgeschickt haben, was passiert dann?
Lenz: Vorbereitung auf den Feierabend.
Greser: Ich bin hier in der Nachbarschaftskneipe ganz gut sozialisiert. Für mich ist das auch ein Déjà vu, es erinnert mich an meine Jahre in der heimischen Dorfkneipe mit Binnenschiffern und Bauarbeitern. Die Schiffer waren wochenlang auf dem Wasser gewesen, kamen für eine Woche heim und haben es krachen lassen.
Wie hat es Sie eigentlich nach Aschaffenburg verschlagen?
Lenz: Es war eigentlich eher Zufall, wir haben uns nach einem Haus umgeschaut und sind hier fündig geworden.
Greser: Aschaffenburg liegt zugleich zentral und dann wieder so merkwürdig abseits. Autobahn und Flughafen sind nicht weit, der ICE hält hier. Aber dennoch ist es irgendwie weit weg von der Metropole Frankfurt und zeigt viele liebenswürdige Eigenschaften. Hier gibt es zum Beispiel Metzgereien, die einem beim Eintritt mit einer Vertrauenswürdigkeit umfangen, die nicht gespielt sein kann: dicke Töchter, dicke Mütter, alles in Familienhand, pure Redlichkeit ausstrahlend - man könnte als Kunde vor Glück schier zerspringen.
Sie gehen hier in Aschaffenburg aber auch Ihrem Beruf nach. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?
Lenz: Wir werden beim „Stern“ pro Zeichnung bezahlt, bei der F.A.Z. gibt es eine Pauschale.
Ökonomisch betrachtet, sind Sie selbständige Unternehmer?
Greser: Ja, wir bilden eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts.
Und entrichten monatlich Umsatzsteuer?
Lenz: Genau. Wir haben in Frankfurt eine Dame, die sich um die Buchhaltung kümmert.
Wie halten Sie es mit Urlaub?
Lenz: Am Jahresende ist bei uns für zwei Wochen der Laden dicht, dann sind wir beide weg - wir arbeiten dann vor, machen Jahresrückblicke oder Inaktuelles. Sonst macht jeder immer höchstens mal eine Woche Urlaub, weil er dem anderen die Arbeit nicht länger allein aufbürden will.
Haben Sie einen Agenten?
Greser: Nein, wofür? Wir haben ja keine Auftritte.
Lenz: Und unsere Bücher erscheinen quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der F.A.Z.-Buchverlag ist für seinen Mut zu bewundern, jedes Jahr ein Buch von uns herauszubringen.
Vorträge, Galas?
Lenz: Ich bin gar kein Kabarettist, Achim kann das schon besser.
Greser: Wir haben mal ein paar Diavorträge mit unseren Zeichnungen gemacht und haben dann die Sprechblasen vorgelesen. Ist eigentlich ganz schön, so ein Gelächter in einem dunklen Raum.
Sparen Sie für die Rente?
Lenz: Nein, wir schaffen wahrscheinlich, bis wir umfallen.
Greser: Unsere Vorbilder aus der Titanic-Redaktion hatten nie die Perspektive, irgendwann aufzuhören.
Geht es Ihnen wirtschaftlich gut?
Greser: Ja.
Lenz: Ja, ja.
Verkaufen Sie Ihre Zeichnungen manchmal?
Greser: Ja, aber die Preise sind sozial gestaffelt. Normalerweise nehmen wir für eine kleine Zeichnung 400 oder 500 Euro. Von Günter Jauch haben wir 800 gefordert. Und bekommen.
Sie bewohnen hier in Aschaffenburg ein stattliches Haus.
Lenz: Dieses Projekt sind wir angegangen, als nach der F.A.Z. uns auch der „Stern“ diese feste Zusammenarbeit angeboten hat. Es war super, dass die Zeitung uns von der Exklusivitätspflicht befreit hat.
Greser fährt Mercedes.
Greser: Gebraucht, zehn Jahre alt. Aber mit Sitzheizung.
Die Existenzängste der Selbständigen sind Ihnen fremd?
Lenz: Wir trinken dagegen an.
Die Angst, dass Ihnen zu einem bestimmten Thema nichts einfällt, kennen Sie auch nicht?
Greser: Die Angst weniger, aber es kommt durchaus auch einmal vor, dass uns keine Idee kommt. Da kann man natürlich tricksen: Den Gag so überdehnen, dass die Redaktion den Witz ablehnen muss.
Kommt es häufig vor, dass Zeichnungen zurückgewiesen werden?
Lenz: Extrem selten.
Die Tabus für Ihre Auftraggeber?
Greser: Untenrum. Politische Schranken gibt es bei der F.A.Z. eigentlich gar nicht. Am Anfang unserer Zusammenarbeit haben wir noch öfter untereinander Wetten abgeschlossen, ob die Zeitung einen Witz drucken würde. Hat sie immer.
Und gibt es für Sie selbst Tabus?
Lenz: Eigentlich nicht.
Und wie steht es mit religiösen Gefühlen und deren Verletzung? Sind Sie Mitglied einer Kirche?
Lenz: Nein.
Greser: Ja, ich bin in der katholischen Kirche. Jeder muss Witze aushalten, auch die Kirche.
Lenz: Dass wir uns mit den Mitteln der Komik über alles unterhalten können, das ist doch ein Teil unserer Kultur. Wir alle machen ja auch Witze über uns selbst, sie gehören zum Leben.Warum sollte es irgendein Thema geben, über das man keinen Witz machen darf?
Vielleicht, weil gar nicht so wenige Menschen sich verletzt fühlen, wenn man Witze über ihre Religion macht.
Greser: Es geht auch bei der Religion ja immer um Menschen, um die menschliche Komödie. Da darf es doch keine Schranken geben.
Wann müssen Sie für den „Stern“ liefern?
Lenz: Am Erscheinungstag, dem Donnerstag, wird die neue Idee besprochen, die Zeichnung muss dann spätestens am Montagmittag vorliegen.
Werden Sie erkannt und angesprochen, wenn Sie durch Aschaffenburg laufen?
Lenz: Nee. Wir sind mal mit dem Kabarettisten Urban Priol durch die Stadt gelaufen, der wird dauernd angesprochen. Die Leute wollen sich mit ihm fotografieren lassen.
Gibt es zeichnerische Elemente, die Sie gleichsam als Stehsatz aufbewahren: Schloss Bellevue, Kanzleramt, Beamtenstube, Wasserhäuschen?
Greser: Ja.
Aber Sie machen keine Bildbearbeitung am Computer?
Lenz: Nein, das geht bei uns noch ganz klassisch zu. Wir zeichnen mit Feder, dann wird es mit verdünnter Tusche laviert. Da gehören wir zu den wenigen, die das noch so machen, die meisten Kollegen kolorieren doch zumindest am Computer. Die Originalzeichnung wird dann gescannt und per Mail verschickt. Da ist der Kamerad Computer sehr hilfreich.
Bringen Stimulanzien Sie auf gute Ideen?
Lenz: Bei der Reinzeichnung mache ich mir vielleicht mal ein Bier auf. Aber bei der Ideenfindung hilft Alkohol nicht wirklich weiter.
Greser: Wir haben schon Experimente gemacht mit Kiffen. Das ist ganz lustig und setzt unglaubliche Assoziationsketten frei, vor allem in der Menge, wir haben auch sehr viel gelacht. Aber wenn man am nächsten Tag mit klarem Blick auf die Ergebnisse schaut, merkt man, dass die Droge nicht wirklich weitergeholfen hat.
Mussten Sie sich eigentlich die hessische Mundart antrainieren?
Lenz: Uns ist schon vorgeworfen worden, dass wir das ziemlich schlecht machen. Anna Poth, die Witwe von Chlodwig Poth, hat vorgeschlagen, es immer von ihr prüfen zu lassen.
Greser: Das Hessisch, das wir verwenden, ist eher das Fastnachtshessisch. Jedenfalls ist dieses Idiom unglaublich witzträchtig.
Lenz: Am besten wirkt es, wenn es fast ohne Mimik, so richtig menschenverachtend, herauskommt. Der Assistent von Heinz Schenk, wie hieß der noch...
Regnauld Nonsens.
...genau, der gab mitleidlos und ohne Regung die bösesten Sachen von sich, immer beleidigend, aber großartig.
Können die Comedians wie Mario Barth eine Inspirationsquelle sein? Finden Sie den überhaupt lustig?
Lenz: Diese Art von Humor ist sehr voraussehbar. Bei den meisten Gags weiß man doch sehr schnell, in welche Richtung der Witz läuft, mir ist das zu nahe liegend. Ich glaube, dass da auch ein Publikum angezogen wird, das sich nach Bestätigung der eigenen Witzvermutung sehnt und nach dauernder Wiederholung. Es gibt wenige Comedians, die ich mag, da bevorzuge ich Satiriker wie Harald Schmidt.
Greser: Oder diejenigen, die wie der Georg Schramm mit ernstem Gesicht auftreten, politisches Kabarett machen und quasi journalistisch arbeiten.
Käme Drehbuchschreiben für Sie in Betracht?
Greser: Keine Erfahrung, keine Routine.
Lenz: Nein, wir sind so auf kurze Sätze geeicht, dass uns der Stoff bald ausginge. Wir haben bei den Zeichnungen ja den Ehrgeiz, immer die kürzestmöglichen Formulierungen zu finden.
Reagieren die Menschen in unterschiedlichen Teilen Deutschlands unterschiedlich auf Ihre Witze?
Greser: Kann man, glaube ich, nicht sagen. In Hamburg jedenfalls scheinen sie zu funktionieren. Wir wissen, dass beim „Spiegel“ am Kopierer einige unserer Zeichnungen an der Wand hängen.
Malen Sie auch?
Lenz: Ich habe mal mit Kreide gearbeitet, das hat auch Freude gemacht, aber jetzt fehlt mir die Zeit.
Wofür geht denn die meiste Zeit drauf?
Greser: Schon fürs Recherchieren am Computer, bei der Zeitungslektüre. In den Anfängen haben wir ja mehr freischwebend gearbeitet, dann sind die Sachen immer aktueller geworden. Jetzt ist man eigentlich den ganzen Tag mit Lesen beschäftigt.
Lenz: Weil man immer auch das Gefühl hat, zu wenig zu wissen.
Welcher andere Beruf wäre für Sie eigentlich in Betracht gekommen?
Lenz: Ich habe mal fünf Semester Architektur studiert.
Und dann?
Lenz: Dann habe ich ein Jahr Pause gemacht und nur gezeichnet. Weil ich mich eigentlich für unbegabt hielt, dann schnelle Fortschritte festgestellt habe, und dann habe ich zum Unbill meiner Eltern das Studium sein lassen und hab mich jeden Tag hingesetzt und gezeichnet. Bis ich dann die Aufnahmeprüfung in Würzburg tatsächlich gepackt habe.
Hat Zeichnen etwas mit Besessenheit zu tun?
Lenz: Ja, das war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich etwas gefunden habe, das mich total packte. Das erste war Tischtennis.
Redliche Metzgereien in Aschaffenburg
Thomas Fertig (MayorTom)
- 15.05.2012, 08:08 Uhr
Sorry ...
Philipp Wasserscheidt (DERphilow)
- 14.05.2012, 15:02 Uhr