27.09.2005 · Der Bürgermeister von New Orleans hat den Bewohnern des höher gelegenen Stadtteils Algiers die Rückkehr gestattet. Die Zahl der Todesopfer, die Hurrikan „Rita“ gefordert hat, ist auf zehn angestiegen.
In die Südstaatenmetropole New Orleans kehrt vier Wochen nach dem Hurrikan „Katrina“ kehrt das Leben zurück. Bürgermeister Ray Nagin gab grünes Licht für die Wiederbesiedlung des höher gelegenen Stadtteils Algiers, der von Überschwemmungen verschont geblieben war. Ladenbesitzer durften auch in andere Viertel zurückkehren, um aufzuräumen und die Öffnung ihrer Geschäfte vorzubereiten. Nur der Stadtteil Ninth Ward, ein Armenviertel, das am Wochenende von Hurrikan „Rita“ abermals überflutet worden war, bleibt vorerst tabu.
Die Zahl der Todesopfer in Folge des zweiten massiven Hurrikans in weniger als vier Wochen stieg inzwischen auf zehn. Allein in der von „Rita“ schwer verwüsteten texanischen Stadt Beaumont starben fünf Mitglieder eine Familie durch Kohlenmonoxidvergiftung, nachdem sie in ihrer Wohnung einen Generator in Betrieb genommen hatten. In Mississippi war ein Mensch durch einen von „Rita“ ausgelösten Tornado ums Leben gekommen.
Eine Million Menschen drei Tage ohne Strom
Der amerikanische Präsident George W. Bush will an diesem Dienstag Beaumont und die nahe gelegene Stadt Port Arthur besuchen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Rita“ hatte zwar bei ihrem Auftreffen auf das Festland an der Grenze zwischen Texas und Louisiana am Samstag weniger Schäden angerichtet als ursprünglich befürchtet, aber dennoch ganze Ortschaften verwüstet. Weite Landstriche stehen noch bis zu fünf Meter unter Wasser. Knapp eine Million Menschen waren am Montag den dritten Tag hintereinander von der Stromversorgung abgeschnitten.
Im Südosten der Vereinigten Staaten hatte „Rita“ ganze Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht. Insbesondere an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Louisiana und Texas, wo „Rita“ am Samstag mit voller Wucht aufs Festland geprallt war, wurden mehrere Gemeinden plattgewalzt, wie der amerikanische Nachrichtensender CNN am Montag berichtete. Erst vor vier Wochen hatte Hurrikan „Katrina“ dort gewütet. Diesmal war die Region weitgehend evakuiert worden.
Erste Plünderungen
In der vom Hurrikan besonders stark getroffenen Stadt Lake Charles (Louisiana) schlug „Rita“ ganze Gebäudekomplexe „kurz und klein“, wie es heißt. Die Mehrzahl der tausend eingeschlossenen Menschen wurde nach Armeeangaben in Sicherheit gebracht. Laut Polizeichef Donald Dixon kam es zu ersten Plünderungen, 15 Verdächtige seien festgenommen worden. Vom 3. Oktober an sollen die Einwohner etappenweise zurückkehren können.
Allein Louisiana bittet den Kongreß in Washington um umgerechnet rund 26 Milliarden Euro für Neubau und Instandsetzung von Dämmen und Straßen, wie Gouverneurin Kathleen Blanco sagte. „Louisiana wurden zwei harte Schläge in weniger als einem Monat versetzt.“
Neue Wirbelstürme bis November
Unterdessen haben Helfer in Port Arthur und Sabine Pass (Texas) mit der systematischen Suche nach Überlebenden und Opfern begonnen. Sie gehen von Haus zu Haus, sagte der Bürgermeister von Port Arthur, Oscar Ortiz. „Alles ist verloren“, beschrieb er die Verwüstungen in seiner Stadt.
Der texanische Gouverneur Perry appellierte eindringlich an die Flüchtlinge, mit der Rückkehr zu warten. „Kommen Sie heute nicht zurück in den Südosten des Landes“, sagte er nach einem Hubschrauberflug über das Katastrophengebiet. Laut Perry werden die Schäden allein in Texas auf umgerechnet 6,6 Milliarden Euro geschätzt. In der texanischen Öl-Metropole Houston forderten die Behörden die Flüchtlinge ebenfalls auf, nur etappenweise zurückzukehren.
Auch in den kommenden Tagen droht Unheil: Meteorologen warnen vor weiteren Überschwemmungen, Gewitterstürmen und Tornados. Das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami bereitete die Amerikaner auf zwei weitere gefährliche Wirbelstürme bis November vor.
Weniger Schaden als befürchtet
Einheiten der Armee retteten mit Hubschraubern und Booten mehrere hundert Menschen, die von dem rasch steigenden Wasser überrascht worden waren. Der Zugang zu vielen kleinen Ortschaften an der besonders hart getroffenen Küste am Golf zu Mexiko ist wegen der Überschwemmungen sowie umgestürzter Bäume und Strommasten weiterhin nicht möglich.
„Rita“ hat nach Einschätzung des amerikanischen Katastrophenschutzes zwar eine Spur der Verwüstung hinterlassen, aber doch weit weniger Schäden als befürchtet angerichtet. Nach Angaben des Hurrikanzentrums in Miami wird sich der Sturm voraussichtlich für zwei Tage im Grenzgebiet von Texas, Arkansas und Oklahoma „festbeißen“ und möglicherweise weitere massive Überflutungen mit sich bringen.
In Port Arthur in Texas wurden zwei Ölraffinerien durch die gewaltigen Winde von bis zu 200 Stundenkilometer erheblich beschädigt. „Rita“ verlor über dem Festland Energie und wurde zu einem Tropensturm heruntergestuft. Wie das Nationale Hurrikanzentrum in Miami am Sonntag morgen meldete, lag die mittlere Geschwindigkeit bei 60 Kilometer in der Stunde, Böen erreichten etwa 120 Stundenkilometer.
Schwerste Überschwemmungen
Mit meterhohen Flutwellen und stundenlangen Regenfällen hatte „Rita“ am Samstag an der amerikanischen Golfküste in Texas und Louisiana die schwersten Überschwemmungen der vergangenen vier Jahrzehnte ausgelöst. Gegenden um die texanische Stadt Beaumont sahen nach Augenzeugenberichten aus, als ob ein riesiger Bulldozer über Häuser und Bäume gefahren sei. Strommasten knickten um wie Streichhölzer. Unzählige Häuser wurden zerstört.
Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, forderte alle auf, sorgsam mit den knappen Benzinvorräten umzugehen. „Wir brauchen das Benzin jetzt für die Rettungsmaßnahmen. Verschwenden Sie es nicht.“ Zugleich versicherte sie: „Wir werden aufstehen und weitermachen.“
Konvois mit Hilfsgütern im Stau
Die Rettungsarbeiten konzentrierten sich auf die 70.000 Einwohner zählende Stadt Lake Charles in Louisiana. Die Armee will 500 Soldaten aus New Orleans abziehen und weitere 2400 Nationalgardisten in das Katastrophengebiet verlegen. Präsident George W. Bush appellierte an die insgesamt rund 2,7 Millionen Menschen, die vor „Rita“ geflohen waren, vorerst in Sicherheit zu bleiben. Angesichts von Benzinmangel und Zerstörung riefen die Behörden alle Geflüchteten auf, in den kommenden 48 Stunden nicht nach Hause zurückzukehren. Konvois mit Hilfsgütern steckten im Stau.
Bei Sabina Pass in Texas war „Rita“ am Samstag morgen auf das Festland geprallt. Augenzeugen berichteten, der Sturm sei wie eine gewaltige Wasserwand über die Küste hereingebrochen. In Texas und Louisiana gingen in 1,2 Millionen Haushalten die Lichter aus. In Abbeville in Louisiana peitschte der Wind Wasser über Dämme, die Flut steht teilweise mehr als drei Meter hoch. Rettungskräfte mußten mit Booten ausrücken, um Bewohner aus ihren Häusern zu holen. Nach Einschätzung der Retter waren viele zu früh in die Stadt zurückgekehrt und wurden durch die Wassermassen überrascht.
Häuser in Flammen
Starke Windböen richten dort nach Berichten von CNN auch am Sonntag noch Schäden an. In mehreren Orten gingen Häuser in Flammen auf. In der Inselstadt Galveston, die ursprünglich im Fadenkreuz des Sturms gelegen hatte, zerstörten Brände mehrere historische Gebäude. Aber auch hier blieben die Schäden bei weitem hinter den Befürchtungen zurück. In New Orleans, wo bereits am Freitag ein Damm unter der Wucht der Ausläufer von „Rita“ gebrochen war und das Wasser einen Stadtteil abermals überflutet hatte, brachen keine weiteren Dämme. „Die Lage hat sich stabilisiert“, sagte ein Vertreter der Heerespioniere, die noch im Laufe des Samstags mit Booten ausfahren wollten, um mit den Deichreparaturen zu beginnen.
Im besonders schwer verwüsteten Stadtteil Ninth Ward stand das Wasser teilweise bis zu vier Meter hoch. Eine Familie mit drei kleinen Kindern, die in ihrer Wohnung geblieben war, sagte CNN: „Wir wollten einfach bleiben. Wir hätten viel eher gehen sollen, doch nun ist es zu spät.“ Die anderen Stadtteile von New Orleans blieben bis auf Regenwasser weitgehend trocken. Wenn alles weiter gut gehe, sollten Anfang der Woche die ersten Flüchtlinge, die vor „Katrina“ geflohen waren, wieder zurückkommen, kündigte Bürgermeister Ray Nagin an. Auch aus kleineren Ortschaften treffen nach und nach dramatische Bilder ein. So von einem Haus bei Beaumont in Texas, das einfach davonschwimmt, mit einer siebenköpfigen Familie hinter den Mauern. Sie kann gerettet werden - „sie ist mit dem Schrecken davongekommen“, berichtet der örtliche Polizeichef erleichtert.
Bush voller Tatendrang
George W. Bush verfolgte in einem Kontrollzentrum der Streitkräfte den Weg von Hurrikan „Rita“ über Texas und Louisiana, er ließ sich über die Arbeit der Rettungskräfte informieren und wandte sich an die Bevölkerung. Das Weiße Haus bemühte sich nach Kräften, das Bild eines gleichgültigen Präsidenten, das nach dem Hurrikan „Katrina“ entstanden war, vergessen zu machen. Umgeben von Bildschirmen und Projektoren ließ sich Bush in Colorado Springs, etwa 1600 Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt, über die Überschwemmungen und Störungen der Stromversorgung unterrichten. Nach dem einstündigen Briefing sagte Bush: „Es tröstet mich zu wissen, daß unsere Bundesregierung gut vorbereitet und gut organisiert ist.“
Später flog er weiter nach Austin in Texas. „Ich weiß, daß es vielen Menschen in diesem Staat schlecht geht“, sagte Bush. „Ich hoffe, es tröstet Sie ein wenig zu wissen, daß viele Leute wie hier in diesem Raum arbeiten, um Sie zu retten und Ihnen zu helfen.“ In San Antonio, wo der Präsident die Nacht verbrachte, dankte Bush den Einwohnern für die Aufnahme von 300.000 Opfern des Hurrikans „Katrina“. Bushs Einsatz stand in deutlichem Kontrast zu seinem Verhalten bei „Katrina“. Damals wartete er zwei Tage, bevor er seinen Urlaub in Texas früher als geplant beendete und nach Washington zurückkehrte.
Keine "Zwangsevakuierung"
Tom Hauser (Hermes)
- 22.09.2005, 19:28 Uhr
Zur Richtigkeit einer falschen Entscheidung I.
Thomas GH Dorsch (tdorsch)
- 23.09.2005, 06:33 Uhr