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„Hunger Games“ Wie wir heute aussahen

 ·  Schößchen und viel Schminke, Katy Perry und Karl Lagerfeld: „Hunger Games - Die Tribute von Panem“ zeigt überspitzt, wo die Mode steht, ohne dabei ein Modefilm zu sein.

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© Lions Gate Films Inc. / Studiocanal Kuriose Mischung aus Katy Perry und Karl Lagerfeld: Stanley Tucci als Shomaster im Film

Es geht also wirklich noch wirklicher! Falsche Liebe, ein Publikum, das gespannt vor den Bildschirmen sitzt, und Kandidaten, die sich gegenseitig brutal hinmetzeln. „Die Tribute von Panem - The Hunger Games“, gerade im Kino zu sehen, zeigt überspitzt, was sich nach 20:15 Uhr in der nächstbesten Reality-Show abspielen könnte. Dahinter aber scheint in dem Film noch eine weitere Parallele zum Leben auf - das modische Erscheinungsbild im Hier und Jetzt, und dieses fängt der Film ebenfalls zugespitzt, aber erschreckend realistisch ein.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer von dem Showmaster Caesar Flickerman begrüßt, der wie eine Kreuzung aus zwei kontroversen Figuren anmutet. Die eine steht für das Schönste in der Mode, die Couture, die andere für das Schlimmste, den trash. Flickermans Erscheinung in Blau - blauer Anzug, blaue Haare, blaue Augenbrauen - kommt so daher, wie sich Katy Perry Anfang März in Paris bei der Modewoche zeigte. Der Pferdeschwanz des Showmasters und sein Vatermörderkragen erzählen unterdessen davon, dass Karl Lagerfeld nicht weit sein kann.

Video-Filmkritik: „Hunger Games - Die Tribute von Panem“

Effie Trinket, gewissermaßen die Hausmutter in „The Hunger Games“, trägt grellen Lippenstift, komischen Nagellack, und um die Hüften wippt immer ein Schößchen. Klingt absurd? Überhaupt nicht, sind Schößchen und scheußliche Nagellack- und Lippenfarben auf dem Laufsteg wie auch auf der Straße dieser Tage als Trends doch allgegenwärtig. Die verbleibende Bevölkerung der Filmstadt „Capitol“ erscheint derweil mit in Ostereiertönen gefärbten Haaren und mit extravaganten Hüten auf dem Kopf, eine Kombination, die an die Mode-Ikone Anna Piaggi erinnern könnte - wäre da nicht die Teenager-Bloggerin Tavi Gevinson, die den Look für sich übernommen hat und zeigt, wie rasch selbst Exzentrik reproduziert ist.

Überhaupt, was wäre die Mode heute ohne Reproduktion. Die Macher von „The Hunger Games“ haben dazu im Internet unter „capitolcouture.pn“ einen Blog eingerichtet, der schon veröffentlichte Informationen wiederkäut und dabei permanent zwischen Satire und Ernst hin- und herspringt.

Möglich, dass das Erscheinungsbild in „The Hunger Games“ deshalb auf diese Weise umrissen ist, weil die Trilogie ausschließlich aus der Perspektive einer Frau erzählt wird. Katniss Everdeens Sichtweise steht für jenen Eindruck, den Frauen heute problemlos mit einem Blick auf die roten Teppiche und Laufstege bekommen können. Da nähert sich im Film zum Beispiel während der Hungerspiele ein Cremetiegel per Fallschirm an, und obwohl es sich um Medizin handelt, erinnert die silberne Dose an ein exklusives Anti-Aging-Präparat. Die Botschaft auf dem Beipackzettel: „Großzügig auftragen und am Leben bleiben.“ Auch der männliche Stylist wird zu einer lebenswichtigen Figur für das Mädchen - indem er bestimmt, was sie anziehen soll.

Dabei geht es ja eigentlich darum, was Frauen anziehen wollen, ein Aspekt, der in der Mode zunehmend an Bedeutung gewinnt und einer der Gründe ist, warum Modemacherinnen wie Clare Waight Keller, die neue Chloé-Chefdesignerin, oder Phoebe Philo von Céline momentan so erfolgreich sind.

Vielleicht neigt sich das exzentrische Erscheinungsbild in der Mode also bald dem Ende entgegen. Der Film ist dann ein Relikt, das mit seinem Mischmasch an Referenzpunkten für ein Modegefühl zwischen nuller und zehner Jahren steht, wie die selbstbewusste Annie Hall in dem gleichnamigen Film der Siebziger oder die düster überdrehte Stadt Los Angeles in „Blade Runner“ in den Achtzigern. Die beste Mode sieht man eben in Filmen, die keine Modefilme sind.

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