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Holocaust-Überlebender : Ein neues Leben fern im Westen

  • -Aktualisiert am

Letzte Erinnerung: Rosenstein (rechts) und seine Brüder im Jahr 1937. Bild: privat

Jerry Rosenstein überlebte Auschwitz – lange versuchte er, vor der Erinnerung zu fliehen. In San Francisco fand er seine Heimat.

          „Die Sonne Kaliforniens hat mich geheilt“, sagt Jerry Rosenstein in seiner zweiten Heimat, die in fast 66 Jahren seine erste geworden ist. Im Oktober 1949 war er eigentlich nur für ein Wochenende nach San Francisco gekommen. Doch er kehrte nicht nach New York zurück, wo der damals 22 Jahre alte Mann mit seinen Eltern in Washington Heights im Norden Manhattans wohnte. Er blieb. „Die Stadt gefiel mir. Am Montagmorgen um 9.30 Uhr machte ich mich auf die Suche nach Arbeit, um 9.35 Uhr trat ich meine erste Stelle in San Francisco an“, erinnert sich Rosenstein.

          Das Leben in Washington Heights, einer Enklave deutscher Juden, hatte Rosenstein immer mehr bedrückt. Auf der jüdischen Fabrikantenfamilie aus dem südhessischen Bensheim lastete die Vergangenheit, die sein Vater stets mit einem nachdrücklichen „Themenwechsel!“ aus den Tischgesprächen verbannte. Die Familie war aus Bensheim nach Amsterdam geflüchtet. Rosenstein und sein Vater Max, der seit der Ankunft in New York künstliche Hüftgelenke vertrieb, hatten Auschwitz überlebt, auch die Mutter hatte bis zur Befreiung im Lager Theresienstadt durchgehalten. Sein Bruder Hans wurde im Jahr 1943 in Auschwitz vergast, der andere Bruder Ernst fiel zwei Jahre später als Fallschirmjäger der englischen Armee in Albanien. „Zurück blieben drei Menschen ohne Vergangenheit“, erinnert sich Rosenstein an die Jahre in Washington Heights, von den mehr als 60000 jüdischen Bewohnern damals als „Viertes Reich“ bespöttelt.

          Rosensteins Geschichte blieb lange unausgesprochen

          Der Umzug nach San Francisco ließ Gerhard Rosenstein, der sich jetzt Jerry nannte, aufleben. Nach heimlichen Abenteuern mit Männern und ersten Besuchen privater Clubs für „Gays“ in New York bekannte er sich an der liberalen Westküste offen zu seiner Homosexualität. „Mich zu outen war ein ganz natürlicher Prozess“, sagt Rosenstein. Doch sein Haus im wohlhabenden Viertel Presidio Heights teilt der Inhaber einer Firma für Sperrholz-Importe bis heute mit einer Freundin. „Den einen Lebenspartner habe ich nicht gefunden. Vielleicht habe ich mich seelisch niemandem ganz anvertrauen können“, überlegt der heute siebenundachtzigjährige Mann. Doch das „Psychogeschwätz“ will er schnell wieder beenden.

          Wenige Monate nach der Befreiung in Paris: Jerry Rosenstein mit seinen Eltern Sophie und Max Rosenstein. Bilderstrecke
          Wenige Monate nach der Befreiung in Paris: Jerry Rosenstein mit seinen Eltern Sophie und Max Rosenstein. :

          Die Geschichte seiner Familie vor ihrer Übersiedelung in die Vereinigten Staaten hatte Rosenstein lange unausgesprochen gelassen: den hastigen Umzug der Familie nach Amsterdam an einem Regentag im Februar 1936, die missglückte Flucht nach England im Frühjahr 1940, die Deportation im Januar 1943 und die Fahrt von Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Herbst 1944, das der damals siebzehn Jahre alte Junge als Schweißer im Außenlager Gleiwitz III überlebte. Auch den berüchtigten Todesmarsch, auf den die SS ihn und seinen Vater wie Tausende Häftlinge Ende Januar 1945 bei minus 20 Grad schickte, schob Rosenstein zum Selbstschutz lange beiseite. „Denial buys you time“, wechselt er unerwartet zu Englisch. „Verdrängung verschafft dir Zeit.“ Ende der fünfziger Jahre unterzog er sich einer Psychotherapie, die tätowierte Häftlingsnummer ließ er entfernen. Die Albträume sind dennoch geblieben.

          „Ich habe mich total dagegen gewehrt, an dieses Thema heranzugehen“, sagt Rosenstein. Bis Freunde ihn vor fast 35 Jahren überredeten, etwas zur Geschichte beizutragen. Seitdem besucht er Schulen im Norden Kaliforniens, um den Schülern über das Dritte Reich zu erzählen. „Viele stellen gute Fragen, andere haben keinen Dunst. Dass es auch Rassismus gegen Weiße gab, können sich viele Schüler kaum vorstellen“, sagt Rosenstein. Auch an den Schulen seines Geburtsortes Bensheim hat er in den vergangenen Jahren immer wieder Vorträge gehalten. Welche Erinnerung er an seine Kindheit dort verbindet? „Die Angst in der Luft“, sagt er spontan.

          Dönhoff: „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“

          Der Hamburger Schriftsteller Friedrich Dönhoff hat Rosensteins Lebensgeschichte aufgeschrieben. „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ heißt das Buch. Darin erzählt Dönhoff, wie der junge Rosenstein Hitlers Besuch im März 1935 erlebte. Nachdem der Junge dem „Führer“ wie Hunderte Bensheimer vom geschmückten Gehweg aus zugejubelt hatte, erwartete ihn zu Hause die Ohrfeige seiner Mutter. Während Rosensteins Vater damals immer häufiger nach Holland fuhr, nahm das Kindermädchen Erna den kleinen Gerhard und seine Brüder auf dem Schulweg auffällig fest an die Hand. Viele Bekannte hatten längst aufgehört, die Familie Rosenstein zu grüßen.

          Aber auch die gesellschaftlichen Wirren in seiner Wahlheimat beobachtete er später aus der Distanz. Das „Sodom am Meer“, wie Konservative San Francisco nannten, zählte Anfang der siebziger Jahre mehr Homosexuelle als jede andere Stadt in den Vereinigten Staaten. Seit im Stadtteil Castro 1977 die Congregation Sha’ar Zahav als erste Synagoge für Homosexuelle gegründet wurde, setzt sich Rosenstein dort für einen liberalen jüdischen Glauben ein. In der Tradition des Judentums, Gutes zu tun, engagiert er sich in San Francisco zudem für Theater und Oper. Wie er das Überleben überlebt hat? „In dem Bewusstsein, dass das Leben vorwärtsgeht, nicht rückwärts“, sagt Rosenstein. „Und durch die Sonne Kaliforniens.“

          Quelle: F.A.Z.

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