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„Höhlensekte“ in Russland Vor dem Weltuntergang gerettet

02.04.2008 ·  Sie kletterten unter die Erde, gaben Warnschüsse aus Luftlöchern - und erwarteten so das Ende der Welt. Die meisten Mitglieder einer russischen Sekte haben ihre einsturzgefährdete Erdhöhle jetzt verlassen. Der Guru muss in eine Anstalt.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Seit Mitte November hatten sie bei dem russischen Dorf Nikolskoje unter der Erde den Weltuntergang erwartet. Jetzt kriechen die „einzig wahren rechtgläubigen (orthodoxen) Christen“ in Grüppchen durch einen engen Tunnel wieder zurück an die Erdoberfläche. Am Mittwoch kehrte eine Frau aus Weißrussland mit ihren beiden Kindern dem heiligen Erdverlies den Rücken. Zuvor hatten zwei andere Gruppen das „Höhlenkloster“ verlassen. Elf der anfangs 35 Einsiedler blieben noch unter der Erde. Sie werden jedoch für die nächsten Tage im Frühlingssonnenlicht zurückerwartet.

Pjotr Kusnezow, ein Schizophrener mit religiösem Touch aus dem Dorf Poganowka (abgeleitet von dem russischen Wort für Heiden), das etwa 500 Kilometer südwestlich von Moskau im Gouvernement Pensa liegt, hatte vor eineinhalb Jahren damit begonnen, Menschen aus anderen Gegenden Russlands und eine starke weißrussische „Fraktion“ in seinem Bethaus um sich zu versammeln. Kusnezows Anhänger arbeiteten nicht und schickten ihre Kinder nicht zur Schule. Sie waren damit beschäftigt, Gehirnwäsche über sich ergehen zu lassen. Ein russischer Sektenforscher meinte, Kusnezow habe die Menschen zu Zombies gemacht und schließlich mit wirren religiösen Sprüchen unter die Erde geredet.

Warnschüsse durch Belüftungslöcher

Kusnezow selbst, der sich „Vater Pjotr“ nennen ließ, war draußen geblieben, als der Eingang zur Höhle für die Zeit bis zum Weltuntergang, der im Mai eintreten sollte, vermauert wurde. Die Behörden ließen ihn in eine Anstalt (Psichuschka) bringen. Vor der Höhle hielten derweil Milizionäre Wache. Immer wieder versuchten Journalisten, Kontakt mit den in die Unterwelt abgewanderten Menschen aufzunehmen. Eine Spezialeinheit stand bereit, die Menschen aus dem „Höhlenkloster“ zu bergen. Durch Belüftungslöcher wurden jedoch Warnschüsse nach draußen abgefeuert. Sie wurden mit Drohungen garniert, Gasflaschen explodieren zu lassen, wenn versucht werden sollte, die „wahren Christen“ mit Gewalt herauszuholen.

Einige von Kusnezows Schäfchen hatten auf den chiliastischen Trip in den Erdbunker sogar ihre Kleinkinder mitgenommen, nebst Wasservorräten, Eingemachtem, Kartoffeln und anderen Lebensmitteln, deren Verpackungen freilich ohne den üblichen Strichcode für die Lesegeräte an den Ladenkassen sein mussten. Im Strichcode könnten sich teuflische Zahlen verbergen, glaubten diese Menschen, was übrigens andere religiöse Fanatiker in Russland ganz ähnlich sehen. Manche fordern sogar, die neuen Pässe der Russländischen Föderation nicht anzunehmen, weil die Wasserzeichen „teuflische Symbole“ enthielten.

Um ein Haar vor dem Weltuntergang gestorben

Kusnezow soll vor etwa vier Jahren durchgedreht sein. Seine Ehefrau Jelena berichtete, er habe damals angefangen, Anhänger zu sammeln. Nachts habe er irgendwelche Artikel geschrieben und dann Frau und Sohn gezwungen, das Geschreibsel, wann immer es ihm gefiel, im Chor herzusagen. Jelena floh mit dem Sohn in die Gouvernementshauptstadt. An ihre Stelle rückte die weißrussische Bewunderin Kusnezwos, Walentina. „Schwester“ Walentina beeindruckte der Kämpfer gegen den Antichrist, eigentlich wollte sie aber mehr als nur Platonisches von Kusnezow. Ob sie es auf den gemeinsamen „Pilgerfahrten“ bekommen hat, steht dahin. Sicher ist, dass sie am Ende in die gleiche „Psichuschka“ wie Kusnezow kam und forderte, in dieselbe Abteilung wie der falsche Heilige verlegt zu werden.

Im Januar setzte es für „Vater Pjotr“ Prügel, weil Mitbewohner in der Anstalt die nervtötenden nächtlichen Gesänge in einer „geheimen, heiligen“ Sprache nicht mehr ertragen wollten. Dann aber wurde „Vater Pjotr“ auf Zeit entlassen, um dabei zu helfen, die Menschen unter der Erde zur Aufgabe zu überreden. Das Ergebnis der Kontakte, bei denen freilich Psychologen die Hauptrolle spielten, war, dass die Eingeschlossenen sich bereitfanden, am 27. April, dem orthodoxen Osterfest, den Rückwerk ins irdische Jammertal anzutreten.

Dort wartet wieder auf sie, was die Anhänger Kusnezows eigentlich ablehnen - Komfort, Geld, Fernsehen, Internet und die Strichcodes auf Warenverpackungen. Kusnezow sagte, der Herrgott selbst habe ein Zeichen zum Aufgeben gesetzt, weil Wassereinbrüche dazu geführt hatten, dass der Gebetsraum des Bunkers und andere Rückzugsecken einstürzten. Um ein Haar also wären die wahren Christen noch vor dem Weltuntergang gestorben, den sie als Auserwählte erwarten sollten.

Mangels Bildung unter die Erde?

Kusnezow wird wohl bald wieder in der Psichuschka landen. Das Problem mit den Sekten aber bleibt. Deshalb sahen sich die Spitzen der orthodoxen russischen Amtskirche auch zu Stellungnahmen genötigt. Der Metropolit von Smolensk und Königsberg (Kaliningrad), Kyrill, führte den Abstieg der Sektenmitglieder unter die Erde darauf zurück, dass es um die religiöse Bildung der Bevölkerung in Russland schlecht bestellt sei. Dem müsse schon in der Schule mit entsprechendem Unterricht vorgebeugt werden. Sogar Patriarch Aleksii II. ergriff das Wort und warnte die Schäfchen der rechtgläubigen russischen Kirche davor, den Verführungskünsten und Weltuntergangsprophezeiungen von Obskuranten nicht auf den Leim zu kriechen.

Ob das hilft, ist keinesfalls gewiss. Sektenforscher Aleksandr Dworkin kennt einige Brennpunkte, an denen die Anführer totalitärer, sich religiös gebender Sekten ungestört dabei sind, ihre Anhänger für Aktionen à la Kusnezow einzustimmen, die sehr wohl auch einmal weniger glimpflich als das „Unternehmen Weltuntergang“ ausgehen könnten. Über Opfer machen sich die „geistigen Führer“ dabei offenbar keine Gedanken. Kusnezow sagten, es stürben doch jeden Tag viel mehr Menschen bei Verkehrsunfällen als jemals in der Höhle bei Nikolskoje gefährdet gewesen seien.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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